Totschnig warnt vor Marktmacht im Handel
© APA/Georg Hochmuth
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig
RETAIL Redaktion 05.06.2026

Totschnig warnt vor Marktmacht im Handel

Minister kritisiert hohe Konzentration im österreichischen Lebensmittelhandel. Er fordert mehr Transparenz.

••• Von Georg Sohler

Steigende Kosten, viele Regulierungen, der Klimawandel – das sind nur drei der Probleme, mit denen sich Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig aktuell befassen muss. Im medianet-Interview skizziert er seine Vorhaben.

medianet: Fangen wir provokant an: Das Leben und somit das Essen wird immer teurer, im EU-Parlament diskutiert man darüber, ob Leberkäse aus Erbsen auch Leberkäse heißen darf. Hat die Landwirtschaft keine anderen Sorgen?
Norbert Totschnig: Die heimische Landwirtschaft steht massiv unter Druck. Gerade deshalb ist es mir als Landwirtschaftsminister ein großes Anliegen, dass Konsumenten auf einen Blick erkennen können, woher die Lebensmittel stammen, ob es sich um natürliche Lebensmittel aus der Produktion unserer Bauern oder um hochverarbeitete Industrieprodukte handelt. Aus diesem Grund hat auch Österreich die Initiative Frankreichs zur Umsetzung einer EU-weiten Herkunftskennzeichnung unterstützt. Erfreulich ist die EU-Einigung, dass künstlich erzeugte Zellprodukte aus dem Labor künftig nicht mehr als Fleisch bezeichnet werden dürfen.

medianet: Laut einem geleakten Papier soll es ab 2028 zudem zu weniger Agrar- und Regionalförderung kommen.
Totschnig: Die EU-Kommission hat eine Vermischung der finanziellen Mittel für die Gemeinsame Agrarpolitik mit anderen Bereichen und gleichzeitig eine starke Kürzung der Mittel vorgeschlagen. Das ist nicht akzeptabel. Es kann nicht sein, dass künftig Bergbauern in Konkurrenz mit Kindergärten gestellt werden. Wir benötigen weiterhin eine eigenständige, verlässliche Finanzierung. Denn besonders für unsere Bauern ist Planbarkeit grundsätzlich notwendig, und insbesondere, wenn es um langfristige Investitionen in neue Technologien geht. Ich gehe hier proaktiv voran: Unser Vorstoß im EU-Agrarministerrat zur Absicherung der Gemeinsamen Agrarpolitik hat eine breite Unterstützung von 16 weiteren Mitgliedstaaten erhalten.

medianet: Der Ukrainekrieg ist im fünften Jahr, im Iran gibt es einen weiteren internationalen Konflikt. Wie wirkt sich dies auf die Landwirtschaft aus?
Totschnig: Seit Beginn des Irankriegs kam es zu weiteren, sprunghaften Anstiegen bei den Preisen für Treibstoff und Düngemittel. Diese Entwicklung belastet zwar die gesamte europäische Landwirtschaft, der Preis für Agrartreibstoff ist jedoch in Österreich der zweithöchste in der EU. Deshalb habe ich mich in den Budgetverhandlungen für einen Energiekostenausgleich in Form der Agrardieselrückvergütung eingesetzt.

medianet: Welche weiteren Auswirkungen haben diese Disruptionen an globalen Lieferketten – und entstehen dadurch unter Umständen Chancen?
Totschnig: In Österreich verfügen wir bei den Grundnahrungsmitteln über einen hohen Grad an Selbstversorgung. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit und einer langfristig ausgerichteten Agrarpolitik. Die Blockade der Straße von Hormus zeigt deutlich, wie verwundbar internationale Märkte sind. Diese Entwicklungen schlagen sich unmittelbar in Transportkosten und in höheren Düngemittelpreisen nieder. Umso wichtiger ist es, dass Österreich hier gut aufgestellt ist: Rund zwei Drittel der eingesetzten Düngemittel sind bei uns organisch. Gleichzeitig ist die Versorgungssicherheit mit mineralischen Düngemitteln gewährleistet, weil die meisten Bauern frühzeitig für die Anbausaison 2026 vorgesorgt haben und wir auch über eigene Produktionskapazitäten im Land verfügen.

Klar ist für mich, dass sich Europa nicht in neue Abhängigkeiten begeben darf. Deshalb habe ich die Europäische Kommission aufgefordert, konkrete Maßnahmen zur Senkung der Düngemittelpreise vorzulegen. Erste Maßnahmen, wie ein temporäres Aussetzen bestimmter Zölle auf Stickstoffdüngemittel für die  Landwirtschaft, wurden bereits vorgelegt.

medianet: Ein Argument ist, dass die Umwelt durch Lieferprobleme fossiler Brennstoffe einen Push bekommen könnte. Wie schätzen Sie das ein?
Totschnig: Europa steht nun bereits zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren vor einer Energiekrise. Zwar ist es gelungen, die Versorgungswege zu diversifizieren und die Abhängigkeit von russischem Gas deutlich zu reduzieren, doch die zentrale Schwäche bleibt bestehen: Europa kann sich nur zu einem geringen Teil selbst mit Öl und Gas versorgen. Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen aus dem Ausland ist daher dringend notwendig. Österreich ist beim Ausbau der erneuerbaren und regional verfügbaren Energiequellen bereits sehr erfolgreich. Doch um die Klimaziele auf europäischer Ebene zu erreichen, müssen wir diesen Weg konsequent weitergehen.

medianet: Was bedeutet das konkret?
Totschnig: Wir müssen unser Energiesystem ganzheitlich umstellen, vom Verkehr über den Gebäudebereich bis hin zur Industrie. Aktuell setzen wir deshalb einen Schwerpunkt beim Thema Verfahrensbeschleunigung, und arbeiten an der Novelle des UVP-Gesetzes, um Erneuerbare Energien schneller auszubauen. Investitionen in die Energietransformation und nachhaltiges Wirtschaftswachstum sind Zukunftsinvestitionen, schaffen Arbeitsplätze und steigern die Wertschöpfung in Österreich.

medianet: Die Wirtschaft wünscht sich in Zukunft weniger Regulierung. Wie soll das gehen?
Totschnig: Die Europäische Kommission hat seit dem Frühjahr 2025 zehn Vereinfachungspakete vorgelegt, mit dem klaren Ziel, Bürokratie abzubauen und Europa wettbewerbsfähiger zu machen. Das begrüße ich ausdrücklich. Aktuell verhandeln wir ein solches Paket im Bereich der Lebens- und Futtermittelsicherheit. Die Vorschläge zur Vereinfachung sind breit angelegt. Dazu gehören etwa vereinfachte Verfahren zur Identifizierung und Zulassung risikoarmer Wirkstoffe. Damit fördern wir gezielt die Entwicklung nachhaltiger Pflanzenschutzmittel und sorgen dafür, dass Bauern rascher Zugang zu einer größeren Auswahl an innovativen Lösungen erhalten. Außerdem sollen die Berichtspflichten so vereinfacht werden, dass die Landwirtschaft spürbar entlastet wird.

medianet: Seit 2025 sind Sie auch Umwelt- und Klimaschutzminister, welche Vision gibt es für diesen Bereich?
Totschnig: Mein grundlegendes Anliegen für die kommenden Jahre ist, ein lebenswertes Österreich für künftige Generationen zu erhalten. Dazu gehören der Schutz unserer Natur, der Erhalt der Kulturlandschaft, die Anpassung an den Klimawandel, z.B. beim Schutz vor Naturgefahren, ein zukunftsfähiger Wald sowie eine flächendeckende, wettbewerbsfähige Landwirtschaft.

Die Land- und Forstwirtschaft ist am stärksten vom Klimawandel betroffen. Umgekehrt leisten unsere Bauern einen wesentlichen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz: So nehmen 80 Prozent der Betriebe freiwillig am ÖPUL-Umweltprogramm teil. Auch in der Kreislaufwirtschaft wollen wir entschlossen vorankommen. Für einen wettbewerbsfähigen und krisenfesten Markt müssen wir unsere Ressourcen effizient nutzen und Abhängigkeiten von Drittstaaten reduzieren.

 

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