•• Von Elisabeth Schmoller-Schmidbauer
Philipp Böchheimer ist seit mehr als 20 Jahren in der Medienbranche tätig und kennt sie aus zahlreichen Blickwinkeln. So arbeitete er auf Dienstleister- und Produktionsseite ebenso wie innerhalb großer Medienunternehmen. Zuletzt war er von Ende 2021 bis Anfang 2024 Managing Director für Österreich bei Canal+, bevor er dann den Schritt in die Selbständigkeit wagte. Heute, rund ein Jahr danach, beschreibt er seine berufliche Rolle anders – und zugleich effizienter als zuvor. „Ich habe in den vergangenen 20 Jahren die verschiedenen Perspektiven der Medienbranche kennengelernt, von Dienstleister- und Produzentenseite bis hin zum Auftraggeber“, sagt Böchheimer.
„Bin kein klassischer Berater“
Diese Erfahrungen hätten ihn geprägt und waren letztlich auch der Grund für den Gang in die Selbständigkeit. „Ich habe über meine ganze Laufbahn hinweg beobachtet, dass es oft dieselben strukturellen Probleme gibt“, meint er. „Und ich sehe mich als jemand, der gerne Dinge verändert und Strukturen schafft, die es ermöglichen wirksamer zu arbeiten.“ Außerhalb klassischer Konzernlogiken sei das Arbeiten projektbezogener, flexibler und mit einem häufig auch analytischeren Blick von außen.
Seine heutige Tätigkeit verortet er bewusst zwischen Beratung und Umsetzung. „Ich sehe mich eigentlich ungern als klassischen Berater, weil ich extrem praxisnah arbeite“, erklärt er. Statt reiner Konzeptarbeit gehe es ihm darum, Strategien gemeinsam mit seinen Auftraggebern zu entwickeln und diese bis in die operative Umsetzung zu begleiten. Gerade darin erkennt er ein Defizit vieler großer Consulting Agenturen, wie er sagt: „Da wird dann viel analysiert, Konzepte geschrieben und dann werden die Kunden in der Umsetzung oft alleine gelassen.“
Dabei sei diese letzte Phase, das Umsetzen in die Praxis, eigentlich am wichtigsten. „Hier ist es für mich als Ein-Personen-Unternehmen auch einfacher, schnelle Ergebnisse in der Praxis zu erzielen“, betont er.
Struktureller Wandel als Ziel
Zu Böchheimers Zielgruppe zählen zwei zentralen Kundengruppen: Medienunternehmen und große Wirtschaftsunternehmen. „Das erklärt sich aus meiner beruflichen Historie heraus, weil ich eben auf beiden Seiten tätig war und Expertise gesammelt habe“, erklärt er.
Im Medienbereich beschäftigt ihn vor allem der strukturelle Wandel von linearen zu digitalen, formatgetriebenen Modellen. „Eine meiner zentralen Aufgaben ist die Transformation vom klassischen linearen Denken in digitale und vor allem formatgetriebene Modelle“, so Böchheimer. Video bildet dabei, ebenfalls historisch begründet, den Kern seiner Arbeit, auch wenn er Content längst nicht mehr in klar getrennten Gattungen denkt. „Ich bin überzeugt, dass sich im Bereich Content die unterschiedlichen Medienformen zunehmend vermischen“, so Böchheimer. Ob Podcast, Videopodcast oder Bewegtbildformate für unterschiedliche Plattformen: „Entscheidend ist, die Inhalte so zu entwickeln, dass sie flexibel und kanalübergreifend funktionieren.“
Eigene Audience notwendig
Auch Unternehmen außerhalb der Medienbranche stehen aus seiner Sicht vor ähnlichen Herausforderungen. „Viele Unternehmen verfügten über zahlreiche Kommunikationskanäle, haben jedoch Schwierigkeiten, diese sinnvoll zu bespielen“, erklärt Böchheimer. „Ohne eine eigene Audience dringst du als Marke aber im Prinzip kaum mehr durch.“ Der Aufbau stabiler Beziehungen zu Zielgruppen werde damit zu einer der zentralen Aufgaben von Kommunikation. Nach einem Jahr Selbständigkeit sieht Böchheimer vor allem sein Netzwerk als wichtigsten Erfolgsfaktor. „Ich habe von Anfang an die Strategie verfolgt, mich auf mein Netzwerk und auf persönliche Beziehungen zu verlassen“, sagt er. „Und das klappt bisher wunderbar.“
Klassische Akquise-Strategien, etwa über LinkedIn, hält er für wenig zielführend. „Das funktioniert aus meiner Sicht nicht, weil die Plattform völlig übersättigt ist.“ Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten sei Vertrauen ein stabilerer Faktor als jede kurzfristige Sichtbarkeit. „Und dieses Vertrauen kann nur persönlich aufgebaut werden“, betont er. „Das funktioniert nicht über Social Media.“
„Handlungsdruck enorm“
Eine große Herausforderung, die Böchheimer in seiner beruflichen Tätigkeit beschäftigt, ist die wirtschaftliche Situation der Medienbranche im deutschsprachigen Raum. Sinkende Werbeeinnahmen erhöhen den Druck auf viele Häuser massiv.
„Der Handlungsdruck aufseiten der Medienhäuser ist jetzt einfach enorm“, sagt er. Medienförderung, so wie sie derzeit in Österreich reformiert wird, sei wichtig, dürfte jedoch nicht als dauerhafte Lösung verstanden werden. „Ich hoffe schon, dass die Förderung nur ein Übergang ist und wir es schaffen, damit auch tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln“, meint er.
Denn Reichweite allein reiche seiner Meinung nicht aus. „Ich glaube nicht, dass wir nach der Wirtschaftskrise, in der wir uns aktuell befinden, zu alten Werbeumsätzen zurückkommen“, so Böchheimer. Stattdessen sieht er Potenzial in Abo-, Membership- und Paid-Content-Modellen sowie im Aufbau von Communities.
„Ich glaube, was jahrelang unterschätzt und damit vernachlässigt wurde von Seiten heimischer Medienhäuser, ist die Etablierung einer digitalen Unabhängigkeit“, sagt Böchheimer. „Damit meine ich valide Beziehungen zu eigenen Communities und Audiences.“ Besonders aufmerksam beobachtet er zudem den Aufschwung von Newslettern und personengetriebenen Formaten.
„Da entstehen gerade Micro-Medienhäuser, wo Autoren ihre Audiences oder Communities mit Inhalten versorgen und die Rezipienten auch bereit sind für diese Inhalte zu bezahlen, weil sie den Autoren vertrauen und deren Meinung und Arbeit schätzen.“ Auch große Medienunternehmen könnten daraus lernen.
Differenziert fällt Böchheimers Blick auf Künstliche Intelligenz aus. „KI wird fachliche Kompetenz nicht ersetzen“, sagt er. Der reale Mehrwert liege in neuen Werkzeugen, nicht in der Abschaffung von Handwerk. „Nur weil ich die Möglichkeit habe, etwas anzuwenden, heißt das nicht, dass ich es richtig anwende“, so Böchheimer.
Problematisch werde es dort, wo grundlegende Fähigkeiten wie Konzeption, Dramaturgie oder Bildsprache durch KI ersetzt werden sollen. „Dann entstehen Ergebnisse, die dem Unternehmen letztlich eher schaden, als nutzen“. „Gleichzeitig ist das Potenzial und die Entwicklung generativer KI, gerade im Videobereich, unglaublich.“
Dennoch sage das noch nichts über die Anwendung aus. „Jedes Unternehmen muss für sich die Vorteile von KI strukturiert nutzen und Anwendungsgebiete finden, wo sie echten Mehrwert bringt.“ Gleichzeitig sei es auch von der Branche abhängig, wieviel KI nützt. „Gerade im Lebensmittelbereich ist den Konsumenten Echtheit wahnsinnig wichtig, da wären KI generierte Bilder kontraproduktiv.“ Hype und Panikmache seien aus seiner Sicht damit nicht angebracht.
Entscheidend: Kompetenz
Sein Rat an junge Menschen, die in die Medienbranche einsteigen wollen: „Ich würde mich nicht von Technologieängsten abschrecken lassen.“ Entscheidend sei die Kombination aus handwerklicher Kompetenz und technologischem Know-how. „Bildsprache, Dramaturgie, Storytelling zu erlernen und dann durch neue Technologien weiterzudenken – das ist das, was wichtig ist und bleibt.“
