Stärkerer Fokus auf  algorithmische Systeme
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Helga Tieben, Daniela Nemecek und Corinna Drumm.
MARKETING & MEDIA Redaktion 12.06.2026

Stärkerer Fokus auf algorithmische Systeme

Fünf Jahre JMS: Wie sich der Jugendmedienschutz im Zeitalter von Plattformen und Künstlicher Intelligenz weiterentwickeln muss.

WIEN. Der Verein Jugendmedienschutz (JMS) beging vor Kurzem das fünfjährige Bestehen. medianet hat dazu die Vorstandsmitglieder Helga Tieben (Vorsitzende; GF Fachverband Telekommunikation- und Rundfunkunternehmen WKÖ) und die Vorstandsmitglieder Daniela Nemecek (Vertreterin Trägermitglied ORF) und Corinna Drumm (Vertreterin Trägermitglied VÖP) um Antworten gebeten.

medianet: Fünf Jahre nach der Gründung des Vereins Jugendmedienschutz: Welche konkreten Erfolge sehen Sie, und wo bestehen weiterhin die größten Herausforderungen?
Helga Tieben: Gemeinsam mit der Branche und der Regulierungsbehörde konnten wir ein wirksames Jugendmedienschutzsystem in der audiovisuellen Medienbranche in Österreich verankern. Mit der Einrichtung einer anerkannten Selbstkontrollorganisation und der Entwicklung von Verhaltensrichtlinien wurden wichtige Grundlagen geschaffen, um Kinder und Jugendliche besser vor potenziell schädlichen Inhalten zu schützen.
Corinna Drumm: Die größten Risiken für Kinder und Jugendliche liegen heute jedoch woanders: auf internationalen Online-Plattformen und in algorithmisch gesteuerten Umgebungen. Die Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen und die zunehmende Individualisierung von Inhalten stellen den Jugendmedienschutz vor gänzlich neue Herausforderungen.

medianet: Muss sich der Begriff ‚Jugendmedienschutz‘ grundlegend verändern, wenn es statt um Sendezeiten und Alterskennzeichnungen zunehmend um die Dynamik von Empfehlungsalgorithmen geht?
Daniela Nemecek: Die Grundidee des Jugendmedienschutzes bleibt unverändert: Kinder und Jugendliche müssen im Vorhinein vor entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten geschützt werden. Es braucht jedoch unterschiedliche Instrumente. Während bei audiovisuellen Mediendiensten eher einzelne Inhalte im Fokus stehen, geht es bei den Social-Media- und Sharing-Plattformen vor allem um die Art und Weise, wie diese Inhalte verbreiten, empfehlen und verstärken.
Drumm: Deshalb muss der regulatorische Fokus stärker auf algorithmische Systeme gerichtet werden. Jugendmedienschutz bedeutet heute nicht mehr nur die Bewertung einzelner Inhalte, sondern auch die Frage, welche Inhalte Plattformen jungen Nutzerinnen und Nutzern systematisch ausspielen und welche Risiken dadurch entstehen können.

medianet: Reichen die bestehenden Instrumente des Jugendmedienschutzes für TikTok, Instagram oder YouTube noch aus?
Tieben: Wir können sehr selbstbewusst sagen: Für österreichische TV-Sender und Abrufdienste haben wir ein wirksames Jugendmedienschutzsystem etabliert. Alterskennzeichnungen, Beschwerdesysteme und Selbstkontrollmechanismen sind wichtig und funktionieren. Bei den Social-Media-Plattformen gibt es aber leider kaum wirksame Jugendschutzregeln.
Nemecek: Die europäische Regulierung – insbesondere die AVMD-Richtlinie und der Digital Services Act – hat zwar neue Möglichkeiten geschaffen, um Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Das Regulierungsniveau ist dennoch nicht vergleichbar mit dem für österreichische TV-Sender oder audiovisuelle Abrufdienste. Entscheidend wird sein, diese bestehenden Instrumente und Kontrollmechanismen für Mediendienste konsequent auch für Plattformen anzuwenden und weiterzuentwickeln. Jugend­medienschutz muss überall dort wirksam werden, wo junge Menschen Medien nutzen.

medianet: Wie lassen sich Content Creator und Influencer effektiv in ein Jugendschutzsystem einbinden?
Drumm: Manche Content Creator erreichen sehr hohe Reichweiten und haben starken Einfluss auf ihre – oft minderjährigen – Followerinnen und Follower. Deshalb ist es wichtig, dass auch sie ein Bewusstsein für ihre Verantwortung gegenüber jungen Zielgruppen entwickeln. Ein Schwerpunkt sollte auf Information, Sensibilisierung, Schulungen und klaren Standards liegen. Gleichzeitig wird man aber ohne klare regulatorische Vorgaben wohl nicht auskommen.

medianet: Sollten für Influencer ähnliche Jugendschutzstandards gelten wie für klassische Medienanbieter?
Tieben: Grundsätzlich sollten vergleichbare Inhalte und Dienste auch vergleichbaren Schutzstandards unterliegen – unabhängig davon, über welchen Verbreitungsweg sie von Kindern und Jugendlichen konsumiert werden. Denn das Schutzbedürfnis von Minderjährigen besteht ja da wie dort.
Nemecek: Entscheidend ist das Prinzip der Verantwortung. Wer regelmäßig Inhalte veröffentlicht und insbesondere junge Zielgruppen über audiovisuelle Dienste oder Plattformen erreicht, sollte gewisse Mindeststandards im Bereich Jugendschutz, Transparenz und Werbekennzeichnung einhalten müssen.

medianet: Welche Rolle spielen Eltern und Schulen und wo beginnt die Verantwortung der Plattformen und Medienanbieter?
Tieben: Jugendmedienschutz ist eine gemeinsame Aufgabe. Eltern und Schulen leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Medienbildung und zur Entwicklung eines kritischen Umgangs mit Medien und digitalen Angeboten. Gleichzeitig darf die Verantwortung aber nicht auf Familien und Bildungseinrichtungen alleine abgeschoben werden. Plattformen müssen – so wie das audiovisuelle Mediendienste tun – ihre Angebote so gestalten, dass Kinder und Jugendliche bestmöglich geschützt werden. Sicherheit muss bereits in der Gestaltung digitaler Angebote berücksichtigt werden. Es wird nur durch ein Zusammenspiel von beiden Maßnahmen einen effektiven Jugendmedienschutz geben.

medianet: Welche Rolle müssen technische Lösungen wie Altersverifikationssysteme künftig spielen?
Drumm: Technische Lösungen werden zunehmend wichtiger, insbesondere wenn es darum geht, den Zugang zu eindeutig altersbeschränkten Inhalten zu regeln. Solche Systeme müssen jedoch wirksam, nutzerfreundlich und datenschutzkonform ausgestaltet sein.
Nemecek: Altersverifikation allein wird jedoch nicht alle Herausforderungen lösen, da es leider zahlreiche Umgehungsmöglichkeiten gibt. Sie sollte aber Teil eines umfassenderen Schutzkonzepts sein, das auch altersgerechte Voreinstellungen, transparente Empfehlungsmechanismen und vor allem die Förderung von Medienkompetenz umfasst.

medianet: Welche Implikationen hat KI für den Jugendmedienschutz, und wie kann man Fehlentwicklungen verhindern?
Drumm: Künstliche Intelligenz verändert die gesamte Medienwelt grundlegend. Einerseits eröffnet sie neue Möglichkeiten für Kreativität, Bildung und Information. Andererseits entstehen neue Risiken: täuschend echte Deepfakes, automatisiert erzeugte Desinformation, manipulative Inhalte oder KI-generierte Darstellungen, die für Kinder und Jugendliche ungeeignet und schwer einzuordnen sind.
Tieben: Deshalb fordert der europäische ‚AI Act‘ Transparenz über den Einsatz von KI und wirksame Maßnahmen gegen missbräuchliche Anwendungen. Junge Menschen müssen außerdem lernen, KI-generierte Inhalte kritisch zu hinterfragen. Und Plattformen, ebenso wie Medienanbieter, Verantwortung übernehmen und präventiv wirksame Sicherheitsmechanismen einsetzen.

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