Thurnher: "Geschwächter ORF bedeutet nicht starke Privatmedien"
APA / ROLAND SCHLAGER
Medienminister Andreas Barber und ORF Chefin Ingrid Thurnher eröffneten mit ihren Reden das ORF-Zukunftsforum. Ganz rechst der dann ab dem 1. Jänner 2026 amtierende Generaldirektor Clemens Pig.
PRIMENEWS Dinko Fejzuli 10.09.2026

Thurnher: "Geschwächter ORF bedeutet nicht starke Privatmedien"

Medienminister Andreas Babler und ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher betonen beim Auftakt des ORF-Zukunftsforums die demokratische Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

WIEN. Der ORF soll „schlanker, digitaler, transparenter, bürgernäher, regionaler und nachhaltiger“ werden. Mit diesen Vorgaben aus dem Regierungsprogramm eröffnete Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler das ORF-Zukunftsforum. Die Reform solle nicht hinter verschlossenen Türen entwickelt werden: „Wir haben sie deshalb nicht eingeladen, damit sie uns zuhören. Wir haben sie eingeladen, damit wir ihnen zuhören.“

Rund 400 Personen und Institutionen waren laut Babler im Vorfeld eingeladen worden, ihre Perspektiven einzubringen. Beim Forum kommen zudem rund 200 Vertreter aus Medien, Wissenschaft, Politik, Kunst, Kultur, Sport, Kreativwirtschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung zusammen.

Für Babler geht es bei der ORF-Reform um mehr als die Zukunft des Senders: „Es geht um nichts weniger als um die Qualität unserer Demokratie.“ Freie und unabhängige Medien seien „zentraler Teil der demokratischen Grundausstattung unseres Landes“. Der ORF habe dabei die Aufgabe, zu informieren und einzuordnen, Österreich in seiner Vielfalt abzubilden sowie Regionen und Minderheiten sichtbar zu machen.

Gleichzeitig habe sich die Mediennutzung fundamental verändert. „Viele Menschen warten heute nicht mehr auf eine bestimmte Sendung zu einer bestimmten Uhrzeit. Sie streamen, hören Podcasts, bekommen Nachrichten über soziale Medien zugespielt.“ Gerade junge Menschen würden immer weniger zwischen Fernsehen, Radio, Zeitung, Streaming und Social Media unterscheiden.

„Entscheidend ist, ob ein Inhalt dort vorkommt, wo sie sich bewegen“, so Babler. Der ORF müsse sich deshalb digital weiterentwickeln können. „Es reicht nicht, die Inhalte zu produzieren, wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung sie nicht mehr findet.“

 „Ein ORF für alle“

Babler betonte zugleich, dass ein „ORF für alle“ nicht bedeute, ein Programm zu produzieren, das jedem gleichermaßen gefalle. „Für alle heißt vielmehr: Niemand soll aus der gemeinsamen Öffentlichkeit herausfallen.“ Menschen in ländlichen Regionen müssten ebenso vorkommen wie Menschen in Städten, junge ebenso wie ältere Lebenswelten.

Auch die Verantwortung des ORF selbst müsse gestärkt werden. Mit Blick auf die in den vergangenen Monaten bekannt gewordenen Fälle von Machtmissbrauch, Übergriffen und Belästigungen sagte Babler: „Es kann nicht so bleiben, wie es war.“ Die Politik müsse den gesetzlichen Rahmen für Unabhängigkeit, Transparenz und Kontrolle schaffen. In die Unternehmenskultur selbst wolle er als Medienminister nicht hineinregieren: „Als Medienminister werde ich nicht in den ORF hineinregieren.“

Eine starke öffentliche Medieninfrastruktur brauche zudem starke private Medien. „Österreich braucht starke private Medien und Österreich braucht gleichzeitig einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, sagte Babler. Die Zukunft des ORF könne daher nicht isoliert vom gesamten österreichischen Medienstandort betrachtet werden.

 Thurnher: „Ausgangspunkt ist für mich nur eins – das Publikum“

ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher stellte ebenfalls das Publikum ins Zentrum. „Alles, was der ORF tut, alles, was er leistet, muss konsequent im Interesse des Publikums im Mittelpunkt sein.“Der ORF gehöre nicht einzelnen Personen, Gremien oder der Politik, sondern „allen Menschen in Österreich“. Restriktionen bei Online-Angeboten und bei der Ansprache junger Menschen würden deshalb vor allem das Publikum treffen. „Die Menschen in Österreich sollen möglichst viel ORF für ihr Geld bekommen.“

Thurnher forderte gleichzeitig mehr Selbstkritik innerhalb des ORF. Man müsse „aus unseren Fehlern lernen, Missstände und Fehlverhalten konsequent ahnden, überholte Strukturen beseitigen, alte Zöpfe abschneiden und demütig und sorgsam mit jedem Euro umgehen“.6,1 Millionen Menschen beziehungsweise rund 79 Prozent der Bevölkerung würden täglich zumindest eines der ORF-Angebote nutzen. Das sei „mehr als eine Zahl oder einfach eine Reichweite“, sondern zeige, „was der ORF ist, nämlich ein unverzichtbarer Teil von Österreich“.

Finanzierung als zentrale Frage

Deutlich machte Thurnher auch, dass die Finanzierung des ORF bei der Zukunftsdebatte nicht ausgeklammert werden dürfe. Zwar ist die Finanzierung kein eigener Themenbereich des Zukunftsforums und wird dort auch nicht in einem eigenen Arbeitskreis behandelt. Dennoch müsse darüber gesprochen werden.

„Wenn die Menschen in Österreich zu Recht erwarten dürfen, dass der ORF jeden Tag verlässlich für sie da ist, dann braucht der ORF selbst Verlässlichkeit“, sagte Thurnher. Dazu gehöre „natürlich auch eine verlässliche Finanzierung“. Das sei kein Argument gegen Sparen, Effizienz oder Reformen. Wer aber langfristig österreichische Inhalte, Information, Kultur, Unterhaltung und Sport anbieten wolle, brauche entsprechende Rahmenbedingungen. „Ein verlässlicher Auftrag braucht verlässliche Rahmenbedingungen.“

Thurnher warnte zudem davor, eine Schwächung des ORF als Vorteil für private Medien zu betrachten. „Geld, das der ORF zukünftig nicht mehr bekommt, geht nicht automatisch an ein anderes österreichisches Unternehmen.“ Auch Publikum, das der ORF aufgrund von Einschränkungen nicht mehr erreiche, wechsle „nicht automatisch zu einem anderen österreichischen Medium“.

Die Gefahr bestehe vielmehr, dass Geld, Werbung und vor allem Publikum zu internationalen Plattformen und Big-Tech-Konzernen abwandern. „Unser Publikum kann ganz schnell abwandern zu den großen internationalen Plattformen und Big-Tech-Konzernen.“

 „Viele Gründe“, den ORF zu nutzen

Thurnher wandte sich damit auch gegen ein Konzept eines auf ein Minimum reduzierten ORF, wie es etwa im Zusammenhang mit dem Begriff „Grundfunk“ diskutiert wird.

Ihre eigene Vorstellung sei ein anderer „Grundfunk“: „Ein ORF, der den Menschen jeden Tag einen Grund oder besser viele Gründe liefert, ihn einzuschalten und zu folgen und zuzusehen, zuzuhören oder zu lesen.“ Entscheidend sei daher nicht die Frage, „wie wenig ORF ist gerade noch genug“, sondern: „Was braucht es, damit der ORF seinen Auftrag für die Menschen in Österreich bestmöglich erfüllen kann? Und wie können wir für unser Publikum täglich einen Mehrwert schaffen?“ (fej)

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