Schumann im Interview: „Es muss funktionieren“
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Korinna Schumann
HEALTH ECONOMY Redaktion 16.01.2026

Schumann im Interview: „Es muss funktionieren“

Das Gesundheitssystem steht unter Druck: Ministerin Korinna Schumann (SPÖ) setzt auf Kooperation, Regionen und ambulanten Ausbau.

Das österreichische Gesundheitssystem steht vor einer finanziellen und strukturellen Bewährungsprobe. Steigende Kosten, knappe Budgets bei Ländern und Sozialversicherung sowie wachsende Erwartungen der Bevölkerung erhöhen den Reformdruck. Gesundheitsministerin Korinna Schumann macht dafür vor allem langfristige Entwicklungen verantwortlich: „eine alternde Bevölkerung, eine steigende Zahl chronischer Erkrankungen, wachsende Anforderungen an Qualität und Erreichbarkeit sowie Kostensteigerungen der jüngsten Vergangenheit bei Personal, Energie und Infrastruktur“. Gleichzeitig seien viele Herausforderungen über Jahre nicht systematisch angegangen worden.

„Strukturen schaffen“
Schumann setzt daher auf einen strukturellen Neustart. Ziel sei es, gemeinsam mit Ländern, Kassen und Leistungserbringern tragfähige Lösungen zu entwickeln, die Versorgungssicherheit und Solidarität gewährleisten. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, tragfähige Strukturen zu schaffen – und nicht nur kurzfristig Haushaltsposten zu verschieben“, betont die Ministerin. Für die Bevölkerung sei letztlich entscheidend, dass das System funktioniere. „Den Menschen ist egal, wie das System organisiert ist, es muss funktionieren.“

Finanzströme vereinfachen
In der politischen Debatte gilt eine Finanzierung „aus einer Hand“ vielen als Königsweg. Schumann warnt jedoch vor falschen Erwartungen. „Ich sehe eine einheitliche Finanzierung nicht als Selbstzweck“, sagt sie. Zentrale Probleme ließen sich dadurch nicht automatisch lösen. Wichtiger sei die tatsächliche Zusammenarbeit der Akteure. Genau hier setzt die Reformpartnerschaft Gesundheit an, in der Bund, Länder und Sozialversicherung gemeinsam Verantwortung übernehmen. Benötigt würden „verbindliche Kooperationsmodelle, klare gemeinsame Ziele und transparente Entscheidungsprozesse“, die auch konsequent in den Regionen umgesetzt werden.

Ein zentrales Instrument sind aus Sicht der Ministerin Gesundheitsregionen. Sie ermöglichten es, „die Stärken aller Ebenen zu bündeln, regionale Unterschiede zu berücksichtigen und Reformen dort wirksam werden zu lassen, wo Versorgung konkret stattfindet – bei den Menschen vor Ort“. Für Unternehmen im Gesundheitssektor bedeutet das: Investitions- und Kooperationschancen werden künftig stärker regional geprägt sein.

Rechnungshof ortet Lücken
Rückenwind erhält dieser Ansatz durch den jüngsten Bericht des Rechnungshofs, der vor allem im ambulanten Bereich erheblichen Reformbedarf sieht. Die Bundesregierung reagiert mit dem neuen Gesundheitsreformfonds, der ab 2026 jährlich rund 500 Mio. € bereitstellt. Die Mittel sollen insbesondere in Primärversorgungseinheiten (PVE), regionale Versorgungszentren, ambulante Angebote und Maßnahmen zur Reduktion von Wartezeiten fließen. Der Fonds ermögliche es, „bestehende Versorgungslücken gezielt und rasch zu schließen und die ambulante Versorgung nach­haltig zu stärken“, sagt Schumann.

Gespräche mit Ärzten
Auch strukturelle Fragen stehen auf der Agenda. Der Rechnungshof fordert einen bundesweit einheitlichen Gesamtvertrag zwischen Ärztekammer und Sozialversicherung. Schumann unterstützt das Ziel einheitlicher Leistungsdefinitionen und zeitgemäßer Versorgungsaufträge, mahnt aber zu einem respektvollen Umgang. „Einen Partner im Gesundheitswesen medial auszurichten oder per Gesetz zu entmachten, ist respektlos und nicht mein Stil“, sagt sie.
Beim Ausbau der Primärversorgung positioniert sich die Ministerin klar für einen Versorgungsmix. PVE seien zentral, „weil sie niederschwellig, multiprofessionell und koordinierend wirken“. Sie könnten Wartezeiten senken und Spitäler sinnvoll entlasten. Gleichzeitig bleibe die Einzelpraxis – die heute rund 95% der niedergelassenen Versorgung abdeckt – unverzichtbar, insbesondere im ländlichen Raum. „Die Zukunft liegt in einem vielfältigen Versorgungsmix, bei dem sich PVE, Gruppenpraxen und Einzelpraxen ergänzen“, betont Schumann.
Ein weiteres Spannungsfeld sind steigende private Zuzahlungen. Das Zurückdrängen einer Zwei-Klassen-Medizin sei „ein zentrales Anliegen“. Eine gerechte Versorgung setze ein starkes öffentliches System voraus. Innerhalb der Reformpartnerschaft arbeitet daher eine eigene Reformgruppe an einem ausgewogenen Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Sektor, inklusive einer stärkeren Einbindung von Wahlärzten und einer Attraktivierung des Kassensystems.

„Bessere Bedingungen“
Dass viele Ärztinnen und Ärzte nach 15 bis 20 Jahren ihre Kassenverträge zurückgeben, erklärt Schumann mit hohem Arbeitsdruck und mangelnder Zeit für Patienten. „Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die attraktive, planbare und familienfreundliche Vertragsformen ermöglichen“, sagt sie. Dazu zählten moderne Arbeitszeitmodelle, PVE-Strukturen und der Ausbau der Telemedizin nach dem Prinzip „digital vor ambulant vor stationär“.
Proteste von Beschäftigten und Patienten zeigen nach Ansicht der Ministerin, wie sensibel Reformen wahrgenommen werden. Schumann räumt ein, dass Kommunikation oft zu spät ansetze. „Aussitzen ist keine Option“, sagt sie mit Blick auf die Länder. Reformen müssten klar erklärt und sozial abgefedert werden, um Akzeptanz zu ­schaffen.
Auch neue Rollenverteilungen im System sind denkbar. Apotheken könnten aus Sicht der Gesundheitsministerin stärker in Beratung und Prävention eingebunden werden. „Das kann die Versorgung verbessern und Ärztinnen und Ärzte entlasten – wenn es gut koordiniert ist und keine Doppelstrukturen entstehen.“ Für Gesundheitsunternehmen zeichnet sich damit ein möglicher Kurs ab: Der Umbau des Systems wird kommen, getragen von regionalen Modellen, stärkerer Ambulantisierung und neuen Formen der Zusammenarbeit.

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