Was sich die Pharmabranche von der Politik wünscht
© Boehringer Ingelheim/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger
Pavol Dobrocky.
HEALTH ECONOMY Redaktion 10.07.2026

Was sich die Pharmabranche von der Politik wünscht

Die Pharmaindustrie zeigt auf, was klinische Studien bringen und ihr Präsident skizziert im Interview Forderungen.

••• Von Martin Rümmele

Die Pharmabranche steht vor wachsenden Herausforderungen: steigend Kosten, wachsend Konkurrenz in den USA und Asien und nahezu überall Preisdruck. ­medianet sprach darüber mit dem Präsidenten des heimischen Pharmaverbandes Pharmig, Pavol Dobrocky.

medianet: Wo sehen Sie die Herausforderungen für Österreich und Handlungsbedarf im Arzneimittelbereich?
Pavol Dobrocky: Einerseits investiert Österreich mehr als drei Prozent seines BIP in Forschung – das ist eine gute Basis. Noch mehr Potenzial sehe ich in der gezielten Stärkung jener Branchen, die für unsere Zukunft entscheidend sind. Life Sciences wurde von der Bundesregierung nicht ohne Grund als Schlüsselindustrie definiert. Die Forschungsprämie ist dabei ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig belasten hohe Energiepreise, hohe Abgaben und stark gestiegene Lohnstückkosten die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Der dritte Punkt ist ein innovationsfreundlicher Markt, der medizinischen Fortschritt anerkennt und entsprechend bewertet..

medianet: Wo liegt hier das Problem?
Dobrocky: Gerade bei Innovationen im niedergelassenen Bereich erleben wir nicht immer die Wertschätzung, die ihrem Nutzen entspricht. Während der Zugang zu neuen Therapien im Spitalsbereich gut funktioniert, ist der Preisdruck im niedergelassenen Bereich enorm. Wenn wir wollen, dass innovative Arzneimittel auch künftig in Österreich und Europa entwickelt und produziert werden, müssen wir die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Letztlich geht es auch um die Frage, wie abhängig wir von asiatischen Lieferketten sein wollen und welchen Stellenwert europäische Produktion künftig haben soll.

medianet: Was wünschen Sie sich von der Bundesregierung?
Dobrocky: Wir brauchen eine ganzheitliche Life-Sciences-Strategie, die Forschung, Produktion, Innovation und Versorgung zusammen denkt. Nur wenn diese Bereiche ineinandergreifen, können wir das volle Potenzial des Standorts Österreich nutzen.

medianet: Das inkludiert, dass die verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen an einem Strang ziehen. Haben Sie das Gefühl, dass da wirklich an einer Life-Science-Strategie gearbeitet wird?
Dobrocky: Ich nehme ein klares Bekenntnis der Politik zu einer Life-Sciences-Strategie wahr und wir sehen es als unsere Aufgabe, die Bundesregierung darin auch zu unterstützen. Wir hoffen, in der zweiten Jahreshälfte einen konkreten Entwurf diskutieren zu können. Entscheidend wird sein, daraus eine Strategie zu machen, die auch umgesetzt wird. Das ist nicht einfach, weil viele unterschiedliche Interessen zusammenkommen – umso wichtiger ist ein gemeinsames, verbindliches Ziel.

medianet: Nimmt die Politik das Wachstums- und Zukunfts­potenzial der Branche wahr?
Dobrocky: Ich glaube schon. Auf der einen Seite stehen weltweit tätige Unternehmen, die Forschung betreiben, Innovationen entwickeln und aus Österreich in die Welt exportieren. Auf der anderen Seite sorgt die generische Industrie für Versorgungssicherheit. Beide Bereiche sind essenziell für einen starken Gesundheits- und Wirtschaftsstandort.

medianet: Es gibt Warnungen, dass im Bereich von günstigen Massenprodukten die Versorgung dann auch kippen könnte.
Dobrocky: Kurzfristig sehe ich diese Gefahr nicht. Allerdings gibt es geopolitische Entwicklungen, auf die Europa nur begrenzten Einfluss hat. Je mehr wir Produktion und kritische Lieferketten in Europa absichern, desto höher ist die Versorgungssicherheit. Das gilt insbesondere für Wirkstoffe und Rohstoffe, die heute oft nur aus wenigen Regionen der Welt kommen.

medianet: Wie beurteilen sie die Entwicklungen und den Preisdruck in den USA und deren Folgen für Europa und für Österreich?
Dobrocky: Die USA stehen für fast die Hälfte des globalen Pharmamarktes, repräsentieren aber nur rund vier Prozent der Weltbevölkerung. Gleichzeitig kommt heute ein großer Teil der pharmazeutischen Innovation aus den USA. Während Europa vor Jahrzehnten führend war, haben die USA Innovation konsequent gefördert und rasch zu den Patienten gebracht. Dadurch wurden erhebliche Investitionen in Forschung und Entwicklung angezogen. Die Diskussion in den USA dreht sich deshalb zunehmend um die Frage, warum amerikanische Patienten einen so großen Teil dieser Innovationskosten tragen sollen und welchen Beitrag andere wohlhabende Regionen leisten.

medianet: Was hat das für Auswirkungen?
Dobrocky: Wir sehen bereits heute, dass viele Innovationen später nach Europa kommen und manche hier gar nicht erst eingeführt werden. Gleichzeitig orientieren sich Preise in vielen Ländern an internationalen Referenzsystemen. Das kann beeinflussen, wann und zu welchen Bedingungen Innovationen nach Europa gelangen. Deshalb müssen wir über Marktmodelle sprechen – nicht nur in Österreich, sondern auf europäischer Ebene. Hinzu kommt der rasante Aufstieg Chinas. China hat die USA bei wissenschaftlichen Publikationen und Patentanmeldungen mittlerweile eingeholt und investiert massiv in Life Sciences. Dort wird die Branche als strategische Zukunftsindustrie verstanden und entsprechend gefördert.

medianet: Womit wir wieder bei der Life-Science-Strategie in Österreich sind.
Dobrocky: Das Gesundheitswesen macht rund zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung aus und ist damit einer der bedeutendsten Sektoren überhaupt. Entscheidend ist, Ausgaben in diesem Bereich nicht nur als Kosten, sondern als Investition zu betrachten. Die moderne Medizin hat in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte ermöglicht: höhere Überlebensraten bei Krebs, Heilung bei Krankheiten, die früher als nicht behandelbar galten, und eine deutlich gestiegene Lebenserwartung. Zahlreiche Studien zeigen, dass jeder in Gesundheit investierte Euro einen mehrfachen volkswirtschaftlichen Nutzen erzeugt. Gleichzeitig gewinnen Menschen mehr gesunde Lebensjahre – und können dadurch länger aktiv und produktiv am Leben teilnehmen.

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