•• Von Oliver Jonke und Helga Krémer
Die nächste Evolutionsstufe der Digitalisierung heißt Agentic AI. Doch wie werden aus ersten KI-Anwendungen produktive Agenten, die echten Mehrwert schaffen? Und welche Voraussetzungen müssen Unternehmen dafür erfüllen? Darüber spricht Daniel Scherling, Geschäftsführer von Orbis Austria. Im Interview gibt er Einblicke in die Entwicklung des Unternehmens, die Zusammenarbeit mit SAP und Microsoft sowie den Weg von ersten KI-Projekten hin zur Agentic Company.
medianet: Wie kam es zur Gründung der Orbis? Was waren die wichtigsten Meilensteine?
Daniel Scherling: Die Idee war, die internationale Erfahrung der Orbis-Gruppe mit echter lokaler Verantwortung im österreichischen Markt zu verbinden. Am Anfang haben wir uns auf klassische CRM-Projekte konzentriert und dann Schritt für Schritt das gesamte Portfolio der Gruppe nach Österreich gebracht – Integrationsszenarien, SAP, HR-Prozesse mit SuccessFactors, die Power Platform, Modern Work und heute ganz stark Data & AI. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Digitalisierung von HR-Prozessen. Heute sind wir rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den beiden Standorten Wien und Salzburg – im Kern immer noch ein Team mit Start-up-Spirit, aber längst eine Referenzorganisation, auf die der österreichische Enterprise-Markt stark setzt.
Wir sind nicht der reine technische Implementierer, sondern verstehen uns als starkes Beratungshaus. Im SAP Bereich reicht von klassischen S/4HANA- und Cloud-Projekten bis zur Digitalisierung von HR-Prozessen mit SuccessFactors – sehr strategisch aufgesetzt. Und weil wir aus dem Microsoft-Umfeld kommen, verstehen wir wie wenige in Österreich hybride Szenarien, wie sie in Firmen real vorkommen: SAP als Grundsystem, Dynamics 365 als CRM. Genau diese Welten bringen wir zusammen, ohne neue Datensilos zu schaffen.
medianet: Ein Steckenpferd von Orbis sind aktuell die AI-
Agents …
Scherling: Da lohnt sich zuerst ein Schritt zurück: Was ist eigentlich ein Agent? Es ist nicht einfach Software, die im Hintergrund mitläuft. Ein Agent ist ein zielorientiertes System, das eigenständig Schritte planen, Schritte anpassen und Aufgaben ausführen kann – aber immer nur in dem Rahmen, in dem er freigeschaltet ist. Kein digitaler Mitarbeiter mit Generalvollmacht.
medianet: Hätten Sie ein Beispiel für uns?
Scherling: Ein gutes Beispiel aus dem Vertrieb ist ein Ausschreibungsagent: Er nimmt eine Anforderung entgegen, prüft, was wir intern schon ähnlich umgesetzt haben, greift auf Referenzen und Wissensdatenbanken zu und formuliert einen Entwurf. Der Vertriebsmitarbeiter macht daraus in einem Bruchteil der Zeit ein hochwertiges Angebot – der Output steigt also qualitativ wie quantitativ. Ähnliches sehen wir im Service, wo Agents Anfragen entgegennehmen, priorisieren, kategorisieren und passende Antworten vorbereiten, bis hin zur Ersatzteilbestellung. Standardisierte, manuelle Arbeit wird automatisiert – der Mensch bleibt für die anspruchsvollen Fälle frei.
medianet: Liegt die Zukunft vieler Unternehmen in der Transformation zu Agentic Companies?
Scherling: Ja, – aber evolutionär, nicht als ‚Big Bang‘. Unternehmen, die künftig wirklich produktiv arbeiten wollen, werden agentisch arbeiten müssen. Und ich sage bewusst: wollen. Es geht nicht darum, Mitarbeiter zu ersetzen, sondern sie zu befähigen, komplexere Aufgaben in kürzerer Zeit zu lösen.
medianet: Und wie?
Scherling: Wir arbeiten mit einem mehrstufigen Modell, das wir gemeinsam mit den Unternehmen entwickeln. Am Anfang stehen immer die geschäftlichen Ziele: Was soll die KI überhaupt unterstützen? Dann die Datenbasis – wenn die nicht passt, wird ein Prozess durch einen Agent nicht besser. Danach Governance, Kultur und die Frage, wo der Human in the Loop bleiben muss. Das sind einzelne Phasen, in denen wir die Firmen bei jedem Schritt unterstützen. Ziel ist ein gesamtheitliches Modell, nennen wir es AI-Kompass, und das die Firmen vom ersten Quick Win bis zur Agentic Company begleitet.
medianet: Es ist das Wort AI-Kompass gefallen …
Scherling: Der entsteht im Zusammenspiel von Geschäftsführung und Fachabteilungen – je nachdem, wo der Agent eingesetzt wird. Er ist der Mittelweg zwischen den rechtlichen, technischen und organisatorischen Gegebenheiten des Unternehmens. Ausdrücklich kein Rechts- oder Verbotsdokument, sondern das Gegenteil: Er soll den großen grünen Bereich beleuchten, in dem sich die Mitarbeitenden sicher bewegen und produktiv arbeiten können.
medianet: Wenn es grüne Bereiche gibt, gibt es auch rote?
Scherling: Ja, sicher. Grün geht, gelb geht vielleicht, rot geht gar nicht. Dazu ein Beispiel aus dem Marketing: Deepfakes, Bildwelten, die generiert werden, um Realitäten vorzutäuschen, die werden immer rot sein. Oder eine automatische Einstellung oder Ablehnung im HR-Bereich ist auch klar rot.
medianet: Wann hat man als Agentic Company eigentlich sein Ziel erreicht?
Scherling: Nie. Die Reise zur Agentic Company ist nie beendet, weil sich die Technologie rasant weiterentwickelt – man muss nur zwölf Monate zurückschauen. Aber genau das ist unsere Rolle: Wir begleiten Unternehmen dabei, die sinnvollen Use Cases zu finden und umzusetzen, damit aus KI kein Selbstzweck wird, sondern messbarer Mehrwert. Im Moment ist der Weg das Ziel.