••• Von Christian Novacek
Seit gestern, 1. Oktober, gilt in Österreich die neue Paketsteuer. Große Versandhändler mit mehr als 100 Mio. € Inlandsumsatz im vorangegangenen Wirtschaftsjahr zahlen nun zwei Euro pro zugestelltem Paket.
Die neue Regelung trifft den Onlinehandel unmittelbar vor Black Friday und Weihnachtsgeschäft – und sorgt bereits seit Monaten für Kritik aus der Branche. So warnt etwa der Handelsverband vor höheren Preisen, zusätzlicher Bürokratie und Wettbewerbsnachteilen für heimische Anbieter.
Für shöpping.at, den Online-Marktplatz der Österreichischen Post, eröffnet die Umsatzgrenze hingegen eine besondere Ausgangslage: Weil der über die Plattform generierte Handelsumsatz im Vorjahr unter 100 Mio. € lag, fällt für Bestellungen über shöpping.at derzeit keine Paketsteuer an. Auch im kommenden Jahr soll der Marktplatz laut Prognose unter dieser 100-Mio.-€-Grenze bleiben.
Shöpping ohne Paketsteuer
Die Österreichische Post positioniert shöpping.at daher gezielt als paketsteuerfreie Alternative für heimische Händler. „Die neue Paketsteuer stellt den heimischen Handel unmittelbar vor dem Weihnachtsgeschäft vor zusätzliche Herausforderungen“, konstatiert Peter Umundum, Generaldirektor-Stellvertreter und Vorstand für Paket & Logistik der Österreichischen Post AG.
Mit shöpping.at wolle die Post Händler entlang der gesamten E-Commerce-Wertschöpfungskette unterstützen und ihnen eine Plattform bieten, über die sie ihre Produkte ohne Paketsteuer verkaufen und somit neue Kunden erreichen können. Der 2017 gegründete Marktplatz umfasst mittlerweile mehr als drei Mio. Produkte und zählt rund eine Mio. Kunden.
Um kurzfristig weitere Händler auf die Plattform zu holen, startet shöpping.at zusätzlich eine Einstiegsaktion. Wer sich bis 31. Oktober registriert und auf die Paketsteuer verweist, zahlt bis Jahresende keine Provision auf verkaufte Produkte. Neue Anbieter sollen damit noch rechtzeitig vor Black Friday und dem Weihnachtsgeschäft starten können. „Mit dem Start der Paketsteuer wird shöpping.at für den österreichischen Online-Handel noch attraktiver“, erhofft sich Margit Waldau, Leiterin von shöpping.at.
Neben der Befreiung von der Paketsteuer verweist sie auf den Zugang zur bestehenden Kundenbasis, den Verzicht auf Fixkosten und die Logistikinfrastruktur der Post.
Kritik vom Handelsverband
Der Handelsverband beurteilt die Paketsteuer grundsätzlich kritisch. Bereits im Juni warnte die Interessenvertretung gemeinsam mit Otto Austria, refurbed und Dorda Rechtsanwälte vor negativen Folgen. Laut einer damals präsentierten GAW-Impact-Analyse könnten durch die Abgabe 2.870 Arbeitsplätze verloren gehen, das BIP jährlich um rund 360 Mio. € und die Bruttowertschöpfung um mehr als 290 Mio. € sinken.
Die öffentlichen Rückflüsse aus Steuern und Abgaben würden demnach um knapp 167 Mio. € zurückgehen. Der Handelsverband verwies zudem auf eine Reppublika-Umfrage, laut der 70% der Befragten die Paketsteuer ablehnten und 92% höhere Endkundenpreise befürchteten. Kritisiert wurde auch die Ausgestaltung der Abgabe. Sie wird unabhängig von Gewicht, Verpackungsgröße, Transportdistanz oder Emissionen erhoben und bleibt auch bei einer späteren Retoure fällig. Aus Sicht des Handelsverbands und eines von Dorda erstellten Gutachtens ergeben sich daraus verfassungs- und unionsrechtliche Bedenken. Besonders die unterschiedliche Behandlung von Online-Bestellungen und Lieferungen nach einem stationären Kauf sowie die Umsatzgrenze von 100 Mio. € wurden hinterfragt.
Parallel zur Diskussion über die Paketsteuer verschärft sich der Wettbewerbsdruck im österreichischen Onlinehandel. Nach Angaben von Advicum Consulting kaufen bereits 2,8 Mio. Österreicher bei Plattformen wie Temu, Shein und TikTok Shop; zwei Drittel der heimischen Online-Ausgaben fließen ins Ausland. Gleichzeitig liegt der Online-Anteil erstmals bei mehr als 16% der Konsumausgaben.
Rabatte sind keine Lösung
Für Advicum greift es zu kurz, die Probleme des heimischen Handels über Regulierung oder Preise lösen zu wollen. „Viele Händler reagieren noch immer mit Rabattaktionen auf ein Problem, das längst strukturell geworden ist“, beobachtet Andreas Kornberger, Associate Partner und Handelsexperte bei Advicum Consulting. Entscheidend seien Geschwindigkeit, Datenkompetenz und die Fähigkeit, Kunden entlang der Customer Journey zu erreichen.
Der Wettbewerb habe sich grundlegend verändert: Während klassische Händler vor allem bestehende Nachfrage bedienen, erzeugen internationale Plattformen Nachfrage zunehmend selbst: durch personalisierte Inhalte, Unterhaltung und permanente digitale Präsenz. Temu setze auf den Direktversand vom Hersteller, Shein auf datengetriebene Produktion in Echtzeit und TikTok Shop verbindet Unterhaltung und Einkauf.
Damit verschiebe sich der erste Kundenkontakt stärker zu internationalen Plattformen. Selbst ein Wegfall von Temu und Shein würde laut Advicum nur begrenzt Kaufkraft zu heimischen Anbietern zurückbringen: Lediglich 17% der Kunden würden zu österreichischen Onlineshops und acht Prozent in den stationären Handel wechseln, der Großteil hingegen zu Amazon & Co. Aktuell treffen zwei Entwicklungen aufeinander: Einerseits steigt der regulatorische und finanzielle Druck auf die großen Onlinehändler, andererseits verschiebt sich der Wettbewerb zu den internationalen Plattformen und neuen digitalen Vertriebsmodellen. Die Post versucht diese Situation mit shöpping.at für sich und heimische Händler zu nutzen.