••• Von Georg Sohler
ServusTV wird seine Spitzensportrechte der Streamingplattform Joyn künftig nicht mehr zur Verfügung stellen. Die Streamingplattform der ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe hatte diese bislang angeboten. Der Salzburger Privatsender wiederum hält die teuren nationalen FreeTV-Rechte an Formel 1, MotoGP, Tennis-Grand-Slam-Turnieren sowie Spitzenfußball – vom Europacup bis hin zur mit dem ORF geteilten WM-/EM-Berichterstattung. Weiteren Sport überträgt der ORF.
ServusTV wird Premium-Sportrechte und weitere Premium-Formate künftig live und auf Abruf exklusiv auf den hauseigenen Plattformen zeigen, das ist letzte Woche bekannt geworden. „Im Zuge unserer digitalen Wachstumsstrategie wollen wir unsere digitale Präsenz und Reichweite konsequent ausbauen“, so der Sender auf Anfragen, unter anderem von medianet. Auch der ORF überlegt, wie mit Joyn umzugehen ist.
Rechtliche Grauzone
Bevor es um das Warum geht, braucht es eine rechtliche Einordnung. Hinsichtlich ServusTV wird die Sichtbarkeit einzelner Live-Inhalte künftig beschränkt. Eine entsprechende Vereinbarung gilt laut der ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe bereits ab 1. Jänner 2026: „Dies wird den Usern ersichtlich ausgewiesen. Die Mediathek von ServusTV auf Joyn ist davon nicht betroffen.“
Die Einbindung von ORF-On Demand Content ist wiederum etwas anderes als die uneingeschränkte Verfügbarkeit von ORF-Inhalten im Rahmen der Live-Weitersendung der ORF-Signale. Letztere erfolgt nicht auf Basis klassischer Lizenzverträge, sondern durch technische Einbindung (sog. Embedding). Das ist nach Ansicht von ProSiebenSat.1 Puls 4 im Rahmen der Judikatur des EuGH rechtlich zulässig. Damit stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob Plattformen wie Joyn auf Inhalte öffentlich-rechtlicher Anbieter zugreifen können. Über den Zeitpunkt der entsprechenden Medienberichte – mehrere Monate später – zeigt man sich verwundert.
Eigentlich Einvernehmen
Beobachter spekulieren, dass die anstehende Fußball-WM den Ausschlag gab. Bei der ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe betont man gegenüber medianet auch das gute Einvernehmen mit den Partnern. Alle erhalten die jeweilige Reichweite täglich und transparent direkt zugeschrieben und profitieren davon.
Alleine der ORF generiert laut der Puls 4-Gruppe dank Joyn 25% zusätzliche Reichweite. Der Rundfunk ist zudem zur Kooperation mit privaten Anbietern verpflichtet. Jedenfalls heißt es in einem ORF-Statement weiter: „Um öffentlich-rechtlichen Qualitätsinhalten zusätzliche Sichtbarkeit zu verleihen, sind die ORF-Fernsehprogramme weiterhin live und on demand auf Joyn verfügbar.“
Allerdings gewinnt aus ORF-Sicht mit der zunehmend herausfordernden Situation am Medienmarkt die Frage nach den Rechten und der fairen Abgeltung von Kreativleistungen immer stärker an Bedeutung: „Der ORF hat daher eine Evaluierung dieser Zusammenarbeit eingeleitet, die noch nicht abgeschlossen ist.“ Inwiefern dies ORF-Sportrechte wie Olympia betrifft, ist offen. Wie stark Sport insgesamt als Reichweitentreiber wirkt, zeigen die folgenden Zahlen.
Sport als Reichweitentreiber
2024 verkündete ServusTV dank der Co-Übertragung der Fußball-EM einen Jahresmarktanteil von 5,3% (+1,0 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr) und in der Zielgruppe E12–49 einen Jahresmarktanteil von 5,2% (+1,9%). 2025 lauteten die Werte ohne einen derartigen Groß-event: 4,7% in der Basis 12+ und 4,4% in der Zielgruppe der 12- bis 49-Jährigen.
Um das mit ORF-Zahlen zu unterstreichen: Von den von Erwachsenen meistgesehenen Sendungen waren hinter der „Zeit im Bild“ vom 6. Jänner 2025 die Hälfte Sportevents. Die zweitmeist gesehene Sendung war Skispringen, die Opernballeröffnung landete auf Rang vier. Der Eurovision Song Contest, den Österreich bekanntlich gewonnen hat, landete nur auf Rang neun. Die Zahlen zeigen deutlich, wie stark Sportgroßereignisse die Reichweite treiben.
Die Jungen ansprechen
Doch es geht hierbei nicht nur um absolute Zahlen, entscheidend ist ebenfalls, wer zusieht. Dass man mit Sport mehr Männer erreicht, geht aus den ORF-Zahlen gut hervor und ist aufgrund des deutlichen Überhangs in der Berichterstattung logisch. Aber auch bei den Drei- bis Elfjährigen überzeugen Sportevents laut ORF. Auf diese jüngeren Zielgruppen verweist die ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe gegenüber medianet. Denn von den 1,5 Mio. monatlichen Video-Usern sind mehr als 50% unter 40 Jahre alt.
Ende von Win-win-win?
Dass ServusTV und ORF davon profitieren würden, wenn alle auf ihre Plattformen wechseln, ist ein naheliegender Gedanke. Und andere Medien könnten beiden Beispielen folgen. Ob alle, die bislang via Joyn geschaut haben, eins zu eins wechseln, kann bezweifelt werden. Bei Joyn ist man sich dennoch sicher, dass alle Beteiligten profitieren: die User, die lokale Inhalte kostenlos bekommen; die Partner durch die zusätzliche Reichweite; und letztlich Joyn selbst. Inwiefern sich all dies auszahlt, wird sich weisen.
