Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
STOPP. Die Zeit ist aus den Fugen. Nicht metaphorisch oder philosophisch, sondern buchstäblich. Die Erde dreht sich schneller, die Atomuhren schwingen unbeeindruckt, und irgendwo zwischen Himmelsmechanik und Hochtechnologie verlieren wir Zeit. Statt der traditionellen (addierten) Schaltsekunden – 27 seit dem Jahr 1972 – droht jetzt die „negative Schaltsekunde“. Für Satelliten, Kommunikationsnetze und Computersysteme möglicherweise eine Katastrophe, meinen Experten. Schließlich wurde eine negative Schaltsekunde noch nie praktisch erprobt. Kommt ihnen bekannt vor?
Wir erinnern uns an Y2K. Als sich das Jahr 1999 seinem Ende zuneigte, fürchtete die digitalisierte Welt die Apokalypse. Computer würden gnadenlos an zweistellig gespeicherten Jahreszahlen scheitern, Bankkonten gelöscht werden und Flugzeuge vom Himmel fallen. Batterieradios, Konservendosen und mobile Campingtoiletten gingen wie die warmen Semmeln. Die Katastrophe blieb aus, die Erleichterung war groß, der Spott hinterher auch.
Nun also Y2K im Sekundenformat. Diesmal geht es nicht um den „one giant leap“ ins nächste Jahrtausend, sondern um den „one small step“ zurück in die Zukunft. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht in Paris hat vergangene Woche eine Resolution zur Abschaffung der Schaltsekunde verabschiedet. Und: Auch die Toleranzgrenze wird erweitert; man lässt Weltzeit und astronomische Zeit jetzt einfach auseinanderlaufen. Infolgedessen wird man sich erst in ein paar Jahrhunderten wieder mit einem künstlichen Eingriff in die Zeit befassen müssen.
Das ist eine bemerkenswerte Kapitulation. Wir haben die Schaltsekunde einstens eingeführt, um unsere künstliche Zeit an die Natur anzupassen. Jetzt schaffen wir sie ab, weil unsere künstlichen Systeme mit der Anpassung an die Natur nicht zurechtkommen.
Früher mussten sich die Uhren nach der Erde richten. Heute hat sich die Erde bitteschön aus der Zeitmessung herauszuhalten.