Die Auslagerung der Denkarbeit
MARKETING & MEDIA Redaktion 03.04.2026

Die Auslagerung der Denkarbeit

Die durchs Netz kriechenden Bots fressen nicht nur Strom, sondern auch Gehirnzellen.

Leitartikel  ••• Von Sabine Bretschneider

ÜBERLASTUNG. Schon nächstes Jahr wird der Anteil des Bot-Traffics im Internet den menschlichen übersteigen. Das ist keine Spekulation, sondern eine Prognose, die sich auf entsprechende Skalierung stützt. Während ein Mensch etwa für eine Produktrecherche fünf, sechs Webseiten besucht, durchforstet ein KI-Agent problemlos 50, 60 Seiten. Bots kriechen schon lange durch das weltweite Netz – schon allein wegen der Armeen, die Googles Webcrawler durchs Netz schickt. Doch jetzt sind es die KI-Crawler von Unternehmen wie OpenAI, Anthropic und weiteren Anbietern großer Sprachmodelle, die auf der Suche nach Content-Trainingspartnern ausschwärmen – und gewissenhaft Antworten für ihre Nutzer recherchieren.
Top-Use-Cases sind übrigens Hausaufgaben, Texte, Alltagsprobleme. Hoch oben im Ranking: „Schreib das bitte professioneller“,„Fass mir das kurz zusammen“, „Erklär mir das“, „Was soll ich darauf antworten?“oder „Ist das gut oder schlecht?“. Studien belegen: Large Language Models ersetzen keine Suchmaschinen, sondern kognitive Arbeit. „Cognitive offloading“ nennt sich diese Auslagerung. Eine häufige Nutzung der KI-Hirne korreliert mit schwächerem kritischen Denken, weniger mentaler Aktivität und geringerer „metakognitiver Kontrolle“ (Selbstprüfung). Ein Begriff, der aktuell kursiert, ist „cognitive debt“ – man spart jetzt Denkarbeit, zahlt später mit Kompetenzverlust. Wer schon seit Jahren mit „Google-Demenz“ kämpft, sollte spätestens jetzt aufmerken …

Parallel zu unserer kognitiven Architektur ist auch die heutige Webinfrastruktur auf die automatisierte Nutzung in diesem Ausmaß nicht ausgelegt; die Stromnetze auch nicht. Zwei bis zweieinhalb Mrd. Anfragen werden pro Tag an ChatGPT gestellt, das sind hochgerechnet auf ein Jahr 900 Mrd. – die Konkurrenz, Gemini, Claude etc., noch gar nicht eingerechnet …
Dennoch, vielleicht ist es ja ein Segen – und eine effiziente Form moderner Arbeitsteilung: Der Mensch stellt Fragen, die Maschine antwortet, und niemand sinniert über Konsequenzen.

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