Kommentar ••• Von Dinko Fejzuli
ENTFÄRBUNG. Ich bin schon so lange im Mediengeschäft, dass ich mich noch an ein ORF-Aufsichtsgremium – damals Kuratorium genannt – erinnern kann, in dem dezidiert Parteienvertreter saßen. Insgesamt gehörten dem ORF-Kuratorium seit seiner Installation im Herbst 1974 bis zu seiner Abschaffung im Dezember 2001 (es wurde durch den heute noch bestehenden ORF Stiftungsrat ersetzt) exakt 145 Personen an. Darunter waren übrigens nur elf Frauen.
Das Besondere war: Neben durch diverse andere Regeln Beschickten saßen dort auch deklarierte Parteienvertreter. Die Liste war lang und illuster. Unter ihnen waren – meist im frühen Stadium ihrer politischen Karriere – unter anderem etwa Michael Häupl, Jörg Haider, Heide Schmidt oder auch Werner Amon und Martin Bartenstein.
Irgendwann sollte das Gremium „entpolitisiert“ werden. Das Ergebnis war eine typisch österreichische Lösung. Explizite Parteienvertreter waren verboten, offensichtliche Parteigänger nicht.
Schön ablesen kann man das an den sogenannten „Freundeskreisen“, in denen sich jene versammeln, die einer Partei irgendwie zugehörig sind, am Ende aber eben auch frei, unabhängig und objektiv die ORF-Führung wählen sollen.
Pig bricht mit einer fragwürdigen Tradition
In wenigen Wochen bestellt der Stiftungsrat nun auch die ORF-Direktoren und Landesdirektoren. Hier soll es ja einen Sideletter geben, der regelt, welche Partei welche Direktion bekommt. Öffentlich wird diese Absprache dementiert und es könnte ohnedies anders kommen, weil der künftige ORF-Direktor Clemens Pig macht nämlich nach seiner Wahl das, was er davor angekündigt hat: Er ignoriert angeblich ohnedies nicht bestehende Sideletter zwischen SPÖ und ÖVP und setzt auf Kompetenz statt auf Parteiwünsche.
Und was sollen ÖVP und SPÖ nun machen, nachdem sie Pig mit einer deutlichen Mehrheit gewählt hatten? Ihm plötzlich die Gefolgschaft für das, was er vor der eigenen Wahl angekündigt hat und wofür sie ihn gewählt hatten, verweigern? Das geht sich nun wirklich nicht mehr aus.