WIEN. Am 11. Juni wir der neue ORF Generaldirektor gewählt. Geht es nach ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer soll es mit ihr als Generaldirektorin eine Frau werden. Anfang dieser Woche hat sie zumindest als erste ihren Hut in den Ring geworfen und bei einem Pressegespräch gestern Mittwoch ihre Vorstellungen für die künftige Ausrichtung des öffentlich-rechtlichen Medienhauses umrissen. Dabei zeichnete sie ein deutliches Bild der aktuellen Lage und sprach von einer tiefgreifenden schwierigen Lage des Unternehmens in manchen Bereichen. „Der ORF ist in einer fundamentalen Krise. Seit zwei Monaten bekommen wir das mit. Das Bild, das wir gerade abgeben, ist für viele – und auch für mich – schmerzhaft und beschämend“, so Totzauer.
Reformdruck und demokratische Rolle
Nach ihrer Ansicht gehe es künftig um mehr, als nur organisatorische Anpassungen. „Wenn der ORF nicht jetzt reformiert wird, sondern nur kosmetische Veränderungen vorgenommen werden, dann verlieren wir einen wichtigen Teil unserer demokratiepolitischen Infrastruktur“, sagte sie. Die Reform könne „nicht weiter aufgeschoben werden“.
Die künftige Rolle des ORF beschreibt Totzauer vor allem im demokratiepolitischen Kontext. „Wer den ORF nur als Medienunternehmen behandelt, hat ihn nicht verstanden. Der ORF ist unsere demokratische Infrastruktur“, so Totzauer. In einer Zeit, in der „Algorithmen entscheiden, was wir sehen“ und „Despoten entscheiden, was wir glauben wollen“, brauche es um so mehr einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie den ORF als „Antwort auf die älteste Frage der Demokratie: Wer kontrolliert die Information?“.
Totzauer sprach von einer Gleichzeitigkeit mehrerer problematischen Themen, die unsere Zeit beherrschen würden: „Wir leben in einer Glaubwürdigkeitskrise, einer ökonomischen Krise und einer Konkurrenzkrise.“ Diese Entwicklungen würden erklären, warum die Legitimation öffentlich-rechtlicher Medien zunehmend hinterfragt werde. Die Skepsis vieler Menschen etwa gegenüber der Haushaltsabgabe des ORF oder Abomodellen bei Zeitungen müssten die Medien selbst beantworten und erklären, „warum öffentlich-rechtlicher Rundfunk als demokratiepolitische Infrastruktur notwendig ist“.
Strukturreformen und „Silodenken“
Auch die interne Organisation des ORF stellte Totzauer zur Diskussion. Bestehende Strukturen würden Reformen erschweren. „Dieses Silodenken hemmt uns vor Reformen und einer Transformation, die der ORF braucht“, sagte sie. Zwar seien in den vergangenen Jahren bereits wichtige Schritte gesetzt worden, etwa bei der Digitalisierung, dennoch brauche es weitere Schritte. Kritisch äußerte sich Totzauer zum bisherigen Aufbau der Führungsbereiche. „Die bisherige Struktur der Direktoren folgt einer Logik von Landtagswahlen und Nationalratswahlen“, sagte sie. Das mache den ORF „nicht gerade geschmeidig“.
Unternehmenskultur und Missstände
Einen Schwerpunkt setzte Totzauer auf die künftige Unternehmenskultur im ORF. Sie distanzierte sich dabei von jenen Mustern, die in den vergangenen Monaten und Wochen angeprangert worden seien. Es müsse klar werden, „was wir sind, was wir wollen und was unsere Haltung ist“, so ihr Wunsch. Die Dingen, die den ORF in den letzten Wochen in die Schlagzeilen gebracht hätten, nennt sie „beschämend und erschreckend“. Und auch wenn das eine oder andere auch schon vorher diskutiert, wurde, überrasche die Dimension der Belästigungen, des Machtmissbrauchs und der Interventionen“, die da nun aufgekommen sei.
Und um all diese Dinge in den Griff zu bekommen, brauche es jemand, der die Innensicht des Unternehmens kenne, und auch deshalb bewerbe sie sich als langjährige Mitarbeiterin des ORF für den Führungsposten. Und wichtig sei ihr in diesem Zusammenhang, dass der ORF künftig jene Maßstäbe, die er etwa an die Politik und die Institutionen lege, auch selbst erfüllen müsse: „Wer Transparenz von Politikern fordert, muss selbst transparent sein. Transparenz gibt es nur ganz oder gar nicht“, sagte sie.
Finanzierung und Sparlogik
Bei der Finanzierung des ORF plädierte Totzauer für eine grundsätzliche Debatte über Auftrag und Zielbild des Hauses. Bevor über Einsparungen oder den Finanzbedarf gesprochen werde, müsse geklärt werden, welche Rolle der ORF erfüllen solle, was man von ihm erwarte, und erst dann können man wissen, welche Mittel er dafür benötigen würde. Entscheidend sei zunächst die Frage: „Was ist der ORF? Was ist seine Aufgabe in der Gesellschaft? Was erwarten wir?“ Erst danach könne diskutiert werden, „was uns das alles wert ist“.
Team und Führungsverständnis
Für die Besetzung zentraler Positionen kündigte Totzauer einen leistungsorientierten Zugang an. „Es geht darum, die Besten zu finden – und nicht die, die am Tag einer Wahl vorgestellt werden, die ich gar nicht erkenne“, sagte sie. Ausgangspunkt müsse sein, welche Aufgaben der ORF künftig zu bewältigen habe. Erst dann können man wissen, wer dafür in Frage kommt.
Lob für Ingrid Thurnher
Positiv äußerte sich Totzauer über die interimistische ORF-Führung durch Ingrid Thurnher. Diese sei eine „wundervolle, großartige Kollegin“. Sie sehe „ihr tägliches Ringen und Kämpfen“ und verstehe, dass die aktuelle Übergangsphase keine leichte Aufgabe sei.
Keine Alternative zu Kandidatur
Zur Entscheidung, erneut für die ORF-Führung zu kandidieren, sagte Totzauer, sie habe diese erst in der vergangenen Woche getroffen. Ausschlaggebend sei für sie auch ein Verantwortungsgefühl gewesen. „Du hast die moralische Verpflichtung“, sagte sie über ihre Beweggründe. Einen „Plan B“, sollte sie nicht gewählt werden, habe sie nicht.
Als historisches Vorbild nannte Totzauer den früheren ORF-Generaldirektor Gerd Bacher. Bacher habe aus ihrer Sicht eine zentrale Rolle dabei gespielt, Entwicklungen aktiv gestalten zu wollen und journalistische Kompetenz in den Mittelpunkt zu stellen. Und vor dem Hintergrund der aktuellen Situation im ORF sprach sie sich dafür aus, dass erneut journalistische Kompetenz in der Führung des Unternehmens stehen solle. „Ich bin überzeugt, dass es in der derzeitigen Lage einen Journalisten oder eine Journalistin an der Spitze des ORF benötigt, denn es geht um die Sinnfrage für den ORF“ und um diese zu beantworten, dafür sei „der journalistische Ansatz das Wichtigste“. (red)