•• Von Jakob Klawatsch
Führungskräfte bewegen sich einem komplexen Umfeld von geopolitischen Spannungen, Künstlicher Intelligenz und permanenten Veränderungen. Alexander Bari, Head of Executive Education an der WU Executive Academy, erklärt im medianet-Interview, welche Skills heute entscheidend sind und warum vor allem der Mittelstand Kompetenz braucht.
medianet: Herr Bari, was sind aus Ihrer Sicht die größten Führungsherausforderungen im Jahr 2026?
Alexander Bari: Die größte Führungsherausforderung im Jahr 2026 ist aus meiner Sicht der Umgang mit permanenter Unsicherheit und einer nie dagewesenen Geschwindigkeit von Veränderungen. Führungskräfte bewegen sich heute in einem Umfeld, das von geopolitischen Spannungen, wirtschaftlichen Verwerfungen, neuen Regulierungen und globalen Krisen geprägt ist. Viele Entwicklungen sind nur schwer vorhersehbar und können innerhalb kürzester Zeit erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen und Märkte haben.
Gleichzeitig erleben wir mit Künstlicher Intelligenz einen weiteren, enormen Beschleuniger des Wandels. KI ist nicht nur ein neues technologisches Werkzeug, sondern wird die Arbeitswelt grundlegend verändern. Geschäftsmodelle, Prozesse, Kompetenzanforderungen und sogar ganze Berufsbilder befinden sich bereits im Umbruch. Die Geschwindigkeit, mit der diese Transformation stattfindet, stellt viele Unternehmen und ihre Führungskräfte vor völlig neue Herausforderungen.
medianet: Welche Skills braucht es also heutzutage?
Bari: Führungskräfte müssen heute mehr denn je in der Lage sein, mit Unsicherheit umzugehen, Orientierung zu geben und gleichzeitig Veränderung aktiv zu gestalten. Es reicht nicht mehr aus, auf Entwicklungen zu reagieren – erfolgreiche Führung bedeutet, Trends frühzeitig zu erkennen, kontinuierliches Lernen zu fördern und Teams für eine Zukunft zu befähigen, deren genaue Ausgestaltung wir noch gar nicht vollständig kennen.
Die Fähigkeit, Menschen in Zeiten geopolitischer Unsicherheit und technologischer Disruption mitzunehmen, wird deshalb zu einer der wichtigsten Führungskompetenzen der kommenden Jahre. Wer Vertrauen schafft, Anpassungsfähigkeit fördert und die Chancen von KI strategisch nutzt, wird die Transformation nicht nur bewältigen, sondern aktiv gestalten können.
medianet: Sie nennen Corporate Purpose, Business Resilience, Hybrid Leadership und Strategic Foresight als zentrale Weiterbildungstrends. Welcher dieser vier Trends wird in der Praxis am stärksten unterschätzt und warum?
Bari: Eine pauschale Einschätzung fällt mir schwer, da die Bedeutung der einzelnen Trends stark von Branche, Unternehmensgröße und den jeweiligen Herausforderungen abhängt. Aus meiner Sicht werden jedoch alle vier Themen künftig entscheidend sein.
Wenn ich einen Trend nennen müsste, der häufig unterschätzt wird, dann wäre es Strategic Foresight. Viele Unternehmen beschäftigen sich verständlicherweise intensiv mit dem Tagesgeschäft und reagieren auf Veränderungen, statt sich systematisch mit möglichen Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen. Gerade angesichts geopolitischer Unsicherheiten, wirtschaftlicher Volatilität und der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz wird die Fähigkeit, zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und strategisch einzuordnen, jedoch zu einem wesentlichen Wettbewerbsvorteil.
Dabei geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern Unternehmen auf unterschiedliche Entwicklungen vorzubereiten und ihre Handlungsfähigkeit zu stärken. Wer heute Zukunftskompetenz aufbaut, wird morgen resilienter, schneller und erfolgreicher auf Veränderungen reagieren können.
medianet: Die vier Trends klingen auf den ersten Blick nach Großunternehmen mit eigenen Strategieabteilungen. Gelten diese genauso für eine Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen? Oder braucht es dort andere Schwerpunkte?
Bari: Nein, im Gegenteil: Gerade für den Mittelstand sind diese Themen oft noch relevanter. Mittelständische Unternehmen spüren geopolitische Verwerfungen, Fachkräftemangel, Digitalisierung und den Einfluss von KI meist unmittelbarer als Großkonzerne – verfügen aber gleichzeitig über weniger personelle und finanzielle Puffer. Während Großunternehmen auf spezialisierte Strategie-, HR- oder Transformationsteams zurückgreifen können, liegt die Verantwortung im Mittelstand häufig direkt bei den Führungskräften. Umso wichtiger sind Kompetenzen wie Resilienz, vorausschauendes Denken und die Fähigkeit, Teams sicher durch Veränderungen zu führen.
Wer heute als mittelständisches Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben will, kann es sich nicht leisten, nur auf Entwicklungen zu reagieren. Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Führungskräfte Veränderungen früh erkennen, Chancen nutzen und ihr Unternehmen aktiv auf die Herausforderungen von morgen vorbereiten.
medianet: Wie verändern sich die Erwartungen an Führungskräfte konkret? Welche Kompetenzen zählen heute mehr als noch vor wenigen Jahren?
Bari: Die Anforderungen an Führungskräfte haben sich deutlich verschoben. Während früher vor allem Fachwissen und operative Steuerung im Vordergrund standen, sind heute Resilienz, Anpassungsfähigkeit und Veränderungskompetenz gefragt. Führungskräfte müssen in einer von geopolitischen Unsicherheiten, technologischen Disruptionen und permanenter Veränderung geprägten Welt Orientierung geben und ihre Teams auch dann sicher führen, wenn die Zukunft nicht eindeutig planbar ist.
Gleichzeitig erfordert die hybride Arbeitswelt neue Führungsansätze. Vertrauen aufzubauen und Zusammenhalt zu fördern gehört heute zu den zentralen Aufgaben moderner Führung. Hinzu kommt mit Künstlicher Intelligenz ein weiterer Transformationsbeschleuniger. Führungskräfte müssen nicht nur die technologischen Auswirkungen verstehen, sondern ihre Mitarbeitenden aktiv auf neue Arbeitsweisen und Kompetenzanforderungen vorbereiten.
Kurz gesagt: Die Führungskraft der Zukunft zeichnet sich weniger durch Kontrolle und mehr durch Anpassungsfähigkeit, Orientierung und die Fähigkeit aus, Menschen erfolgreich durch Veränderung zu führen.
medianet: Viele Unternehmen investieren derzeit in KI-Tools und -Prozesse – sie betonen aber vor allem Mindset und innere Haltung. Warum ist dieser Perspektivwechsel wichtig?
Bari: Technologien wie Künstliche Intelligenz sind zweifellos wichtige Enabler der Transformation. Der eigentliche Erfolgsfaktor liegt jedoch nicht in der Technologie selbst, sondern in den Menschen, die sie einsetzen und die damit verbundenen Veränderungen gestalten. Unternehmen können die besten KI-Tools implementieren – wenn Führungskräfte und Mitarbeitende nicht bereit sind, neue Denkweisen anzunehmen, kontinuierlich zu lernen und Veränderung als Chance zu begreifen, bleibt das Potenzial weitgehend ungenutzt. Deshalb gewinnen Mindset, Resilienz, Lernbereitschaft und Veränderungskompetenz zunehmend an Bedeutung. Gerade in einer Welt, in der sich Technologien, Märkte und Rahmenbedingungen immer schneller verändern, wird die innere Haltung zur entscheidenden Zukunftskompetenz.
Genau hier setzt auch die Executive Education an: Es geht nicht nur darum, neues Wissen zu vermitteln, sondern Führungskräfte dabei zu unterstützen, ihre Perspektiven zu erweitern, strategisches Denken zu fördern und die persönliche Fähigkeit zu entwickeln, Transformation aktiv zu gestalten. Denn die Herausforderungen der Zukunft werden nicht allein durch Technologie gelöst, sondern durch Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Wandel erfolgreich zu führen.
medianet: Wie lässt sich Resilienz in Führungstrainings tatsächlich vermitteln? Wo endet das Training und wo beginnt persönliche Haltung?
Bari: Resilienz lässt sich nicht einfach vermitteln wie ein Management-Tool. Sie entsteht aus der persönlichen Haltung, der Fähigkeit zur Selbstreflexion und dem bewussten Umgang mit Unsicherheit und Veränderung. Trainings können jedoch wichtige Impulse setzen. Sie helfen Führungskräften, ihre eigenen Verhaltensmuster besser zu verstehen, ihre mentale Widerstandskraft zu stärken und konkrete Strategien für den Umgang mit Druck, Komplexität und Krisen zu entwickeln. Entscheidend ist dabei die Erkenntnis, dass Resilienz heute weit über persönliche Belastbarkeit hinausgeht. Führungskräfte müssen nicht nur selbst resilient sein, sondern auch Orientierung geben, Vertrauen schaffen und ihre Teams sicher durch Veränderungsprozesse führen.
Hier setzen unsere Programme an der WU Executive Academy an: Wir verbinden wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse mit praxisnahen Methoden und persönlicher Reflexion, um Führungskräfte dabei zu unterstützen, ihre eigene Resilienz zu stärken und gleichzeitig die Resilienz ihrer Teams und Organisationen nachhaltig zu fördern.
medianet: Sie beschreiben ‚Superteams‘, in denen Menschen und KI-Agenten gemeinsam arbeiten. Was verändert sich an der Führungsrolle grundlegend, wenn KI nicht mehr nur Werkzeug ist, sondern aktiver Teil des Teams?
Bari: Wenn KI vom Werkzeug zum aktiven Teil der Wertschöpfung wird, verändert sich Führung grundlegend. Führungskräfte werden künftig hybride Teams führen, in denen Menschen und KI-Agenten eng zusammenarbeiten. Dabei rückt die intelligente Aufgabenverteilung in den Mittelpunkt: Welche Aufgaben übernimmt die KI, welche der Mensch und wie lassen sich die jeweiligen Stärken optimal kombinieren? Die Aufgabe von Führung wird zunehmend darin bestehen, dieses Zusammenspiel erfolgreich zu gestalten.
Gleichzeitig bleibt der Mensch zentral. Kreativität, Empathie, Urteilsvermögen und ethische Verantwortung werden sogar noch wichtiger, je leistungsfähiger KI wird. Deshalb braucht es einen digitalen Humanismus, der Technologie nicht als Ersatz für Menschen versteht, sondern als Instrument zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten. Die Führungskraft der Zukunft wird daher weniger Kontrolleur und mehr Gestalter eines integrierten Teams aus Menschen und KI sein.
medianet: Wenn Sie auf die kommenden zwei bis drei Jahre blicken: Welche Rolle wird Executive Education für die strategische Erneuerung von Unternehmen spielen?
Bari: Executive Education wird in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle für die strategische Erneuerung von Unternehmen spielen. In einer Zeit, in der sich Märkte, Technologien und Kompetenzanforderungen immer schneller verändern, wird kontinuierliches Lernen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Im Mittelpunkt steht künftig weniger die Vermittlung von Wissen als die Entwicklung von Handlungskompetenz. Entscheidend wird sein, Führungskräfte darauf vorzubereiten, auch unter unsicheren Rahmenbedingungen wirksam zu führen und Transformation aktiv zu gestalten.
Executive Education wird damit immer stärker zu einer skill-basierten Plattform für Transformation. Unternehmen, die gezielt in die Weiterentwicklung ihrer Führungskräfte investieren, schaffen die Voraussetzung, um Wandel nicht nur zu bewältigen, sondern aktiv für ihre strategische Weiterentwicklung zu nutzen. Die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen wird daher maßgeblich davon abhängen, wie schnell ihre Führungskräfte neue Kompetenzen aufbauen und in die Praxis übertragen können.