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Lei(n)wandes Programm zieht das Publikum an © Filmcasino
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britta biron 30.03.2018

Lei(n)wandes Programm zieht das Publikum an

Während die Kinobranche unter sinkenden Besucherzahlen leidet, eröffnet das Filmcasino eine Zweigstelle.

••• Von Britta Biron

WIEN. Gegen die wachsende Gigaplexxisierung hatten die Programmkinos lange Zeit keinen leichten Stand, und so mancher sah schon ihr unvermeidbares Ende kommen. Aber auch hier hat sich die These bewahrheitet, dass Totgesagte oft lange leben. Und im Fall des Filmcasinos in Wien erfreuen sie sich dabei auch bester Gesundheit und bekommen sogar Nachwuchs: Am 6. April startet der tägliche Betrieb im Filmhaus Kino am Spittelberg. medianet hat mit Sabine Hofmann, Geschäftsführerin der beiden Arthouse-Kinos, über die Pläne und Ziele gesprochen.

medianet:
Seit Sie die Geschäftsführung des Filmcasino vor knapp fünf Jahren übernommen haben, sind die Besucherzahlen kontinuierlich gestiegen. Hat sich der Aufwärtstrend auch im Vorjahr fortgesetzt ?
Sabine Hofmann: Die letzten Jahre waren wirklich positiv. Das ist insbesondere deshalb so erfreulich, weil die Kinobesuche international und auch in Österreich aktuell leider eher rückläufig sind. Auch letztes Jahr ist es uns gelungen, unseren positiven Trend fortzusetzen und wir konnten rund 80.000 Besucher begrüßen – das sind mehr als jemals zuvor.

medianet:
Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Hofmann: Erfolg ist immer das Resultat optimaler Teamarbeit. Meine Vorgänger haben hier großartige Arbeit geleistet, das Kino aufgebaut und etabliert. An uns ist es nun, das positive Image zu festigen und zu stärken. Das passiert nicht einfach so, sondern ist das Ergebnis steter Weiterentwicklung und intensiver Publikumsarbeit. Hans König, der unseren Filmverleih polyfilm leitet, ist für die Programmierung des Kinos verantwortlich; Gerald Knell, der Betriebsleiter des Filmcasino, entwickelt laufend Specials und neue Formate, um attraktive Angebote für unser Publikum zu haben. Das gesamte Team arbeitet mit maximaler Freude und Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel. Als Programmkino mit nur einem Saal muss man größtmögliche Flexibilität und Innovationskraft vereinen, um interessant zu bleiben.

medianet:
Und wie sieht es wirtschaftlich aus?
Hofmann: Unsere Branche ist sehr volatil. Wir kaufen und spielen nur Filme, die wir selbst mögen und an deren Potenzial beim Publikum wir glauben. Das heißt, es besteht immer ein gewisses Restrisiko, dass wir uns irren. Auch ist die Kulturbranche im Allgemeinen und die Film- und Kinobranche im Besonderen vom Wohlwollen der Fördergeber abhängig. Dieses System kann sich nicht selbst erhalten. Augenblicklich geht es uns ökonomisch jedoch ganz gut. Insbesondere angesichts des Umstandes, dass wir die Chance bekommen, unser zweites Kino am Spittelberg zu eröffnen und zu bespielen, tun sich neue Möglichkeiten und Synergien auf.

medianet:
Inwiefern lässt sich die Situation des Kinos am Spittelberg mit jener des Filmcasinos im Jahr 2013 vergleichen?
Hofmann: Die Vorgaben liegen hier tatsächlich ein wenig anders und sind schwer zu vergleichen. 2013 wurde das Filmcasino bereits seit 24 Jahren erfolgreich betrieben, war seit geraumer Zeit aus dem ursprünglichen VHS-Verbund ausgegliedert und wirtschaftete eigenständig. Das Filmhaus Kino am Spittelberg war seit 1995 durchgängig der zweite Standort des Stadtkinos, das als subventioniertes, kommunales Kino den Anspruch hat, weniger kommerziellen und heimischen Produktionen eine Plattform zu bieten. Für uns ist das Filmhaus daher völlig neues Terrain, wir kennen unser Publikum noch nicht und müssen uns die Potenziale des Kinos erst erarbeiten und eine wirtschaftlich tragfähige und eigenständige Struktur etablieren. Im Gegensatz zu den 254 Plätzen im Filmcasino ist es jedoch wesentlich schwieriger, ein Kino mit 100 Sitzen wirtschaftlich erfolgreich und nachhaltig zu bespielen.

medianet:
Wie sieht das Konzept im Vergleich zu jenem des Filmcasino aus?
Hofmann: Es wird sicherlich Überschneidungen geben; erklärtes Ziel ist es jedoch, für beide Kinos individuelle Charakteristika zu behalten, die auf die unterschiedliche Umgebung und Demografie der beiden Häuser abgestimmt sind. So werden extra für den Spittelberg eigene Programmformate, wie zum Beispiel eine Dokumentarfilmschiene, spezielles Kinderprogramm, Spätvorstellungen, etc. entwickelt. Es wird also, ebenso wie im Filmcasino, ein buntes und eigenständiges Programm mit vielen Extras geben, jedoch nicht notwendigerweise dasselbe. Wir wollen auch die schöne und geräumige Bar im Filmhaus (re-)aktivieren, um Gäste auch abseits der Filmvorführung anzulocken.

medianet:
Wie schätzen Sie generell die Zukunft der Programmkinos ein?
Hofmann: Meiner Meinung nach muss und wird es das Programmkino auch weiterhin geben. Es verfolgt einen kulturpolitischen Auftrag und diesen gilt es zu stärken. Denn viele Filme, insbesondere auch österreichische Produktionen, sind nur in den Programmkinos zu sehen! Es liegt an uns Kinobetreibern, den Mehrwert des qualitätsvollen Kinos gegenüber Streaming-plattformen oder den großen, oftmals unpersönlichen Vielsaal-Cineplexen zu behaupten. Durch das große Angebot und den unkomplizierten Zugang zu Filmen daheim entwickelt sich der Kinobesuch verstärkt zu einem sozialen Event mit persönlichem Kontakt; darauf müssen wir aufbauen und das positive Erlebnis aktiv mitgestalten.

medianet:
Welche Rolle spielen dabei Festivals?
Hofmann: Festivals stellen eine Art Ausnahmezustand im positivsten Sinn des Wortes dar. Wir veranstalten oder beherbergen im Filmcasino eine Reihe unterschiedlicher Festivals, die zumeist spezifische Zielgruppen adressieren und ein thematisches Rahmenprogramm anbieten. ‚/slash' und ‚identities' sind sicherlich unsere Zugpferde im internen Festivalzirkus. Aber auch das alle zwei Jahre stattfindende ‚Cine Latino', ein wichtiger Schwerpunkt für die lateinamerikanische Community, funktioniert sehr gut. Für das Filmhaus bieten sich beispielsweise die etwas experimentelleren oder kleineren Festivals an. Was dann tatsächlich funktioniert oder auch nicht, wird uns die Zukunft zeigen. Mein erklärtes Ziel ist es, das Vertrauen, das wir bei unserem Publikum im Filmcasino aufbauen konnten, ins Filmcasino zu transferieren und dort ein erfolgreiches und eigenständiges Kino zu etablieren.

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