WIEN. ORF-Chef Roland Weißmann (57) tritt "mit sofortiger Wirkung" zurück, das gab Heinz Lederer, Vorsitzender des Stiftungsrates, am Montag per Aussendung bekannt. In den vergangenen Tagen hat eine ORF-Mitarbeiterin gegenüber dem Generaldirektor "Vorwürfe der sexuellen Belästigung" erhoben. Weißmann bestreitet diese Vorwürfe.
"Meinem Mandanten liegt bis heute der von der Mitarbeiterin genau vorgebrachte Sachverhalt nicht vor, dennoch war er, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit und trat daher (...) mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurück", reagierte Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum in einer Aussendung. Die "mediale Verbreitung der in keinster Weise aufgeklärten Vorwürfe" stelle eine "völlig unangemessene und überschießende Reaktion" dar.
Anwalt kündigt rechtliche Schritte an
"Diese Vorgehensweise, wie auch eine allfällige Wiedergabe der Vorwürfe durch Dritte, verletzen die Persönlichkeitsrechte meines Mandanten massiv", so Scherbaum. Der Anwalt kündigte rechtliche Schritte an. Weißmann sei vom Stiftungsrat darüber in Kenntnis gesetzt worden, "dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtszeit als Generaldirektor (2022) vorgeworfen wird", hieß es im Anwaltsschreiben. Ihm sei seitens des Stiftungsrates eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt worden, um seinen Rücktritt zu erklären, "obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte".
Stiftungsrat: "rasche Aufklärung" nötig
Der im Raum stehende Vorwurf verlange "eine rasche und transparente Aufklärung in enger Kooperation mit der ORF-Compliance-Stelle", bei der die Wahrung des Schutzes der betroffenen Person das oberste Ziel sein müsse, so Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze. Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch, hieß es.
Die Sitzungen des Stiftungsrats in dieser Woche werden wie geplant stattfinden. Bereits in der Plenarsitzung am Donnerstag soll die amtierende Hörfunkdirektorin Thurnher auf Vorschlag von Schütze und Lederer mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Generaldirektors beauftragt werden. Sie werde den ORF "aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung in leitenden redaktionellen Funktionen und nun seit mehr als vier Jahren im Direktorium hervorragend führen".
Wahl des neuen Direktorats im Sommer
"Es ist die Verantwortung des ORF-Stiftungsrats, nun rasch die nötigen Schritte zu setzen, damit die erhobenen Vorwürfe transparent und mit aller Konsequenz aufgeklärt werden können und die reibungslose Fortführung der Geschäftsführung garantiert ist. Mit der von uns als Generaldirektorin vorgeschlagenen Ingrid Thurnher ist dies sichergestellt", betonte Lederer. "Mit der entschiedenen Vorgangsweise zeigt der ORF-Stiftungsrat, dass er auch in schwierigen Momenten eine ruhige Hand bewahrt", ergänzte Schütze.
Am Fahrplan für die Neubestellung der ORF-Geschäftsführung für die Periode ab 1. Jänner 2027 ändert sich nichts, wurde betont. Die Ausschreibung zur Wahl der Generalintendanz soll ab 1. Mai erfolgen. Gewählt wird am 11. August. Weißmann galt bisher als Favorit. (APA/red)
Zur Person Ingrid Thurnher
Ingrid Thurnher begann ihre Laufbahn im ORF als TV-Ansagerin. Ab 1986 arbeitete sie im Landesstudio Niederösterreich als Redakteurin im Aktuellen Dienst und moderierte Sendungen wie „Land und Leute“, „Österreich-Bild“, „Österreich heute“ sowie „Niederösterreich heute“. 1991 wechselte sie als Innenpolitikredakteurin zum ORF-Hörfunk ins „Mittagsjournal“. Ab 1995 wurde sie neben Kollegen wie Robert Hochner und Armin Wolf zu einem der prägenden Gesichter der ORF-Abendnachrichten „ZiB 2“.
Im Zuge einer Programmreform wechselte Thurnher 2007 zur „Zeit im Bild“ um 19:30 Uhr („ZiB 1“), die sie bis 2008 gemeinsam mit Gerald Groß moderierte. Von 2008 bis 2016 war sie Hauptmoderatorin der politischen Diskussionssendungen „Im Zentrum“ und „Runder Tisch“. Zudem leitete sie im Rahmen der ORF-Wahlberichterstattung mehrfach TV-Duelle und Konfrontationen der Spitzenkandidaten, unter anderem zu Nationalratswahlen und zur Bundespräsidentenwahl. Zwischen 2009 und 2011 moderierte sie auch die ORF-„Sommergespräche“.
Von 2017 bis Ende 2021 war Thurnher Chefredakteurin des Info- und Kulturspartensenders ORF III. Im September 2021 bestellte der ORF-Stiftungsrat sie auf Vorschlag von ORF-Generaldirektor Roland Weissmann zur Radiodirektorin des ORF, eine Funktion, die sie seit Jänner 2022 ausübt.
