Kreislauf statt Abfall: Tchibos Kaffee-Erde
© Tchibo Österreich
Paul Unterluggauer
RETAIL Redaktion 10.04.2026

Kreislauf statt Abfall: Tchibos Kaffee-Erde

Paul Unterluggauer, Chef von Tchibo Österreich, blickt im medianet Interview nachhaltig über den Tellerrand.

•• Von Christian Novacek

Kaffeesatz wird zunehmend als Rohstoff entdeckt – für Energie, Dünger oder Materialien. Für Tchibo ist er längst mehr als ein Nebenprodukt. „Kaffeesatz ist für uns kein Sekundärrohstoff mehr, sondern eine wertvolle Ressource“, sagt dazu Paul Unterluggauer, Geschäftsführer Tchibo Österreich.

Bereits seit 2016 verwertet das Unternehmen Kaffeesud aus dem Kapselrecycling weiter: „Kaffeesud wird zu Energie, aus dem Kunststoff entstehen neue Produkte des täglichen Gebrauchs. So bleiben Ressourcen länger im Kreislauf“, so Unterluggauer. Somit: Mehr als jede dritte Kaffeekapsel wird inzwischen wieder zurück in die Filiale gebracht.

Mit den neuen Kaffee-Erde Pellets geht Tchibo nun noch einen Schritt weiter. Gemeinsam mit dem Kärntner Unternehmen Waldaffe wird Kaffeesatz aus regionalen Filialen gesammelt und zu torffreier Erde mit integriertem Langzeitdünger verarbeitet. „Abfall wird zur Ressource, der Kreis schließt sich“, berichtet der Tchibo Österreich-Chef. Die Pellets sind leicht zu transportieren, sauber in der Anwendung und lassen sich problemlos lagern. Mit Wasser aufbereitet entstehen aus rund vier Kilogramm Pellets bis zu 20 Liter gebrauchsfertige Erde. Das Projekt steht exemplarisch für regionale Kreislaufwirtschaft: gesammelt in Kärnten, verarbeitet in Kärnten, verfügbar in ganz Österreich – ein Ansatz, der sowohl ökologisch als auch logistisch nachvollziehbar ist.

Chance mit Potenzial
Das wirtschaftliche Potenzial solcher Ansätze ist beträchtlich. In den österreichischen Coffeebars fallen jährlich große Mengen Kaffeesatz an, die bisher nur teilweise genutzt wurden. „Wir setzen bewusst auf regional skalierbare Lösungen mit Relevanz für unsere Kundinnen und Kunden“, erklärt Unterluggauer. Gleichzeitig bleibt der Weg anspruchsvoll. „Kreislaufwirtschaft bedeutet zunächst Mehrkosten – für Logistik, Sortierung, Aufbereitung und Vermarktung.“ Einige Systeme würden sich bereits rechnen, andere seien gezielte Investitionen in die Zukunft des Geschäftsmodells. Entscheidend sei eine systematische Analyse, welche Modelle langfristig tragfähig sind.

Herausforderung Verpackung
Ein zentraler Hebel liegt in Verpackungen und Kapselsystemen. Hier trifft Sichtbarkeit auf Komplexität. „Verpackungen sind der Bereich mit der größten Sichtbarkeit – und der größten Herausforderung“, so Unterluggauer. Fortschritte gibt es etwa bei recycelbaren Materialien, die im Sortierprozess besser erkannt werden und so wieder in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können. Auch bei Kaffeekapseln wurden Verbesserungen erzielt, dennoch bleibt die Rücklaufquote ausbaufähig. „Die größte Lücke ist die fehlende Standardisierung. Jeder Anbieter hat eigene Systeme – das erschwert die Orientierung für Konsumentinnen und Konsumenten und verhindert skalierbare Lösungen.“

Auch entlang der Lieferkette kann ein Handelsunternehmen Impulse setzen, stößt aber an Grenzen. „Wir können entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirken – vom nachhaltigen Anbau über Verpackungen bis zur Weiterverwertung. Gleichzeitig sind wir auf Partner angewiesen.“ Gerade bei globalen Themen wie Preisvolatilität, Klimawandel oder geopolitischen Spannungen seien Kooperationen und Brancheninitiativen entscheidend, um Veränderungen tatsächlich umzusetzen. Nachhaltigkeit sei damit immer auch eine Frage von Zusammenarbeit.

Damit Kreislaufmodelle funktionieren, braucht es die Einbindung der Konsumenten. „Ein zentraler Faktor ist Einfachheit“, betont Unterluggauer. Systeme müssten intuitiv funktionieren und einen klaren Mehrwert bieten. Beim Kapselrecycling oder bei neuen Produkten wie der Kaffee-Erde gehe es darum, Nachhaltigkeit greifbar zu machen. „Wenn Lösungen unkompliziert sind und einen Nutzen haben, werden sie auch angenommen.“ Dabei spielt auch der stationäre Handel eine wichtige Rolle: „Das Gespräch in der Filiale hilft, nachhaltige Angebote zu erklären, Fragen zu beantworten und Vertrauen aufzubauen.“

Global trifft auf lokal
Für die Zukunft erwartet Tchibo eine Kombination aus globalen und regionalen Ansätzen. Kaffee bleibt ein global gehandeltes Produkt, viele Kreislauflösungen entstehen jedoch lokal. „Regionale Kreislaufwirtschaft wird an Bedeutung gewinnen“, berichtet Unterluggauer. Gleichzeitig sieht das Unternehmen Innovationspotenzial in der Nutzung von Nebenprodukten wie Kaffeesatz – etwa in Energie, Materialien oder Gartenprodukten. Projekte wie die Kaffee-Erde Pellets sind nur ein erster Schritt.

Kooperationen sind ein zentraler Baustein dieser Entwicklung. „Gemeinsam mit Partnern entstehen neue Lösungen“, ist Unterluggauer überzeugt. Die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen zeigt, wie aus innovativen Ideen marktfähige Produkte werden können. Für Tchibo ist Nachhaltigkeit längst mehr als ein Zusatzthema. „Wir wollen weg von der linearen Wirtschaft hin zu einem zirkulären Modell“, beschreibt er die strategische Stoßrichtung. Dabei gehe es darum, Produkte, Materialien und Prozesse grundlegend neu zu denken.

Der Blick nach vorne ist entsprechend klar: Materialien sollen möglichst vollständig im Kreislauf bleiben – von der Bohne bis zum Kaffeesatz. Bereits beim Anbau setzt Tchibo auf Programme, die Klimaschutz, Fairness und stabile Lieferketten fördern. Gleichzeitig werden Verpackungen weiterentwickelt, um Recyclingfähigkeit und Ressourcenschonung zu verbessern. „Nachhaltigkeit und Profitabilität sind kein Widerspruch, sondern die Grundlage zukünftigen Wirtschaftens“, sagt Unterluggauer. Projekte wie die Kaffee-Erde Pellets zeigen, dass dieser Anspruch zunehmend konkrete Formen annimmt.

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