Selbstgefälligkeit, aber mit Herz
MARKETING & MEDIA Redaktion 10.04.2026

Selbstgefälligkeit, aber mit Herz

Das Land am Strome steckt nicht nur in einer Energiekrise. Es wird weitergewurschtelt.

Leitartikel  ••• Von Sabine Bretschneider

TRÄGHEITSMOMENT. Österreich, dem Erdteil inmitten, war (und ist) schon vieles: Brückenbauer, Exportnation, Tourismusland, Umweltmusterland, Feinkostladen Europas, ein Sozialstaat mit Augenmaß, ein Land der Sozialpartnerschaft, sogar die Industrie werkt „mit Herz“. Zumindest, wenn man den eigenen Erzählungen vertraut. In Rankings liegt man halbwegs solide, in Vergleichen meist irgendwo im guten Mittelfeld – und dort liegt es sich bequem. Aus „nicht schlecht“ wurde im nationalen Zerrspiegel „ziemlich gut“, aus „ziemlich gut“ irgendwann „eigentlich eh immer noch relativ super“. Während viele andere Volkswirtschaften wachsen, transformieren, Risiken eingehen, kultiviert Österreich das Verwechseln von Stabilität mit Stärke. Aus robust wurde träge.

Das wäre weitgehend unproblematisch, wenn die Welt stillstehen würde. Tut sie aber nicht. Wachstum entsteht dort, wo Tempo gemacht wird, wo Kapital in neue Märkte fließt, wo Unternehmen skalieren und Staaten Rahmen­bedingungen schaffen, die mehr ermöglichen als verhindern.

Die eigentliche Gefahr liegt dabei nicht im Rückstand per se. Der ist zwar real, aber noch beherrschbar. Gefährlicher ist die Hartnäckigkeit, mit der man ihn ignoriert.

So entsteht eine paradoxe Situation: Ein Land mit solider Basis, hoher Lebensqualität und funktionierender Industrie verliert an wirtschaftlicher Relevanz – nicht aus Mangel an Möglichkeiten, sondern aus dem vermeintlichen Mangel an Dringlichkeit.
Eine Option böte, siehe „paradox“, eine maßvolle paradoxe Intervention. „So sind wir nicht“, sprach Bundespräsident Van der Bellen in seiner Rede an die Nation nach dem Bekanntwerden des Ibiza-Videos. Und dann kam die Affäre Kurz … Von wegen, „so sind wir nicht“. Intervention geglückt.

Das größte Risiko ist übrigens nicht, dass Österreich weiter zurückfällt. Sondern dass es sich dabei weiterhin auf die Schulter klopft. Selbstgefälligkeit „mit Herz“.

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