••• Von Alexander Haide
Die Zahlen können sich durchaus sehen lassen. In der Stadt Wien gibt es mittlerweile ein Radverkehrsnetz mit einer Gesamtlänge von knapp 1.800 km, davon entfallen 12,9 km auf Fahrradstraßen und 196,9 km auf Radwege. Weiters stehen 67.000 öffentliche Radabstellplätze zur Verfügung. Seit November 2011 ist Martin Blum Radfahrbeauftragter der Mobilitätsagentur der Stadt Wien und hat bis heute vieles erreicht. Ein Spoiler vorab: Es kann nie genügend Radwege geben, zeigt sich Blum im medianet-Interview überzeugt.
medianet: Die Frage ist nicht provokant gemeint, aber weshalb braucht Wien einen Radfahrbeauftragten?
Martin Blum: Die Stadt Wien baut das Radwegenetz stetig aus und legt einen Fokus auf das Thema Mobilität sowie darauf, die Bedingungen für das Radfahren deutlich zu verbessern. Dafür braucht es Koordination, es müssen Prioritäten gesetzt werden, wo zuerst gebaut wird und welche Projekte noch ein bisschen warten können. Das muss oftmals unter Einbeziehung von Bürgerbeteiligungen abgewickelt werden. Das zu koordinieren ist meine Aufgabe.
medianet: Sie sind seit 15 Jahren in dieser Position tätig. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Blum: Der Radverkehrsanteil hat sich in dieser Zeit in Wien von rund fünf, sechs Prozent auf mittlerweile rund elf Prozent nahezu verdoppelt. Da ist schon einiges weitergegangen. Der Radverkehr hat sich von einem Konfliktthema zu einem anerkannten Thema entwickelt. Es wurden, gerade in den vergangenen Jahren, viele, viele Kilometer Radwege gebaut. Durch die Radwegoffensive entstanden durch mehr als 50 Projekte mehr als einhundert Kilometer neuer Radwege und wichtige Achsen verfügen nun über Radwege.
Ein wesentlicher Aspekt ist auch, dass Transportfahrräder in Wien angekommen sind. Als ich begonnen habe, gab es sie de facto gar nicht und heute gehören sie zum Straßenbild.
medianet: Wie sehr bremst Sie der aktuelle Sparkurs im Stadtbudget?
Blum: Natürlich gibt es durch die knappen öffentlichen Budgets auch Einsparungsbedarf beim Radverkehr. Wir achten darauf, derzeit kostengünstigere Projekte umzusetzen und auch kostengünstigere Bauweisen voranzutreiben. Ein Beispiel ist der Radweg am Neubaugürtel beim Westbahnhof. Dort haben wir einen Zwei-Richtungsradweg errichtet, der durch eine Betonleitwand vom Kfz-Verkehr abgetrennt ist und nicht vollbaulich ausgeführt wurde. Dadurch ist er kostengünstig, aber ebenso sicher.
medianet: Radfahrer waren noch vor einigen Jahrzehnten das Feindbild der Autofahrer und umgekehrt. Spüren Sie noch immer Widerstände?
Blum: Das wurde deutlich besser und es gibt keine klare Trennung mehr zwischen den Auto- und den Radfahrern. Je nach Bedarf benutzen die Wiener unterschiedliche Verkehrsmittel. Es gibt viele Radfahrer, die auch ein Auto nutzen und umgekehrt. Es gibt immer weniger eine klare Segmentierung. Dabei war auch die Pandemie ein Katalysator und die Menschen haben erkannt, welchen Wert Bewegung im Freien darstellt. Andererseits gehen wir bei der Umsetzung von Projekten sehr behutsam vor, denn es hilft nichts, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will und sich mehr Widerstände als nötig einfängt.
medianet: Hat sich das Verständnis der Autofahrer verbessert?
Blum: Ich denke schon. Wenn man im Auto sitzt, ärgert man sich manchmal über die Radfahrer, sitzt man am Rad, schimpft man über die Autofahrer. Das ist offenbar noch Teil unserer Kultur. Das gegenseitige Verständnis hat sich aber deutlich verbessert.
medianet: Die Wiener Linien haben es wiederholt abgelehnt, Fahrräder in Bus und Bim zu transportieren. Gerade Radfahrer in den hügeligen Randbezirken werden dadurch benachteiligt. Gibt es Lösungsansätze?
Blum: Ich habe volles Verständnis für die Wiener Linien, denn deren Verkehrsmittel werden bereits sehr stark genutzt und Busse und Straßenbahnen sind nicht für den Transport von Fahrrädern ausgelegt. In der U-Bahn und in den Schnellbahnen ist das außerhalb der Stoßzeiten aber möglich. Es gibt immer mehr E-Bikes und langfristig wird sich dadurch die Situation für die Bewohner der hügeligen Gebiete Wiens verbessern.
medianet: Bei Radfahrern gilt eine Helmpflicht bis zum Alter von zwölf Jahren. Das KfV fordert immer wieder, sie auf alle Altersgruppen auszuweiten.
Blum: Das Wichtigste ist, dass die Menschen überhaupt Radfahren, denn Bewegung hat einen positiven Einfluss auf die Gesundheit. Wer älter als zwölf Jahre ist, sollte grundsätzlich ohne Helm fahren dürfen. Wenn sich Radfahrer mit einem Helm sicherer fühlen, sollen sie einen aufsetzen.
medianet: E-Mopeds wurden nun von den Radwegen verbannt. E-Bikes erreichen eine ähnliche Geschwindigkeit, dürfen aber weiterhin Radwege nutzen. Sollte hier keine Gleichstellung gelten?
Blum: Das Problem bei den E-Mopeds ist, dass viele von ihnen deutlich zu schnell unterwegs sind. Sie verfügen zudem über eine größere Masse und die Schwere von Unfallfolgen nimmt mit dem Gewicht zu. Es gibt also gute Gründe, dass sie nicht mehr auf Radwegen fahren dürfen. Zudem sollten Radwege primär der aktiven Mobilität dienen. Für E-Scooter gibt es eine Ausnahme, aber diese Gefährte sind auch viel leichter.
medianet: Werden Lastenfahrräder in Zukunft das Stadtbild prägen?
Blum: Das passiert ja bereits jetzt in einigen innerstädtischen Bezirken. Der Vergleich mit anderen Metropolen wie Kopenhagen und Amsterdam zeigt, dass der Verkehr mit Lastenfahrrädern nicht überbordend zunehmen wird.
medianet: Was halten Sie von Kennzeichen und einer Versicherungspflicht für Fahrräder?
Blum: Das gibt es in keinem Nachbarland Österreichs. In der Schweiz wurde das einige Jahre ausprobiert, aber wieder eingestellt, da sich der Administrationsaufwand nicht lohnt. Zudem ist der Schaden, den Fahrräder anrichten, geringer als bei Kfz.
medianet: Sie sind Teil der Wiener Mobilitätsagentur, bei der auch die Fußgängerbeauftragte beheimatet ist. Kann man sich die Agentur als Clique ‚Alle gegen den Autoverkehr‘ vorstellen?
Blum: Es geht darum, dass wir in der Stadt gemeinsam im öffentlichen Verkehr gut unterwegs sind, sowohl beim Autoverkehr als auch bei der aktiven Mobilität wie dem Radfahren und dem Zu-Fuß-Gehen. Wien ist ja eine Stadt des Zu-Fuß-Gehens und es wird ein großer Teil der Wege zu Fuß erledigt. Das hängt mit der sehr dichten Nahversorgung zusammen.