WIEN. ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher wird sich nicht für die Führungsperiode ab 2027 bewerben. Das geht aus einem Schreiben an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hervor, das der APA vorliegt. Thurnher begründet ihre Entscheidung damit, dass sie dadurch mehr Freiheit habe, Missstände im ORF aufzuarbeiten und notwendige Veränderungen umzusetzen. "Ich muss nicht taktieren, ich muss nicht tun, was opportun ist", so Thurnher.
Thurnher war Mitte März nach dem Rücktritt von Roland Weißmann interimistisch mit der Leitung des ORF betraut worden. Mitte April wurde sie mit 31 von 35 Stimmen im ORF-Stiftungsrat zur Generaldirektorin bestellt. Bereits damals kündigte sie an, die verbleibende Zeit an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses für Reformen und strukturelle Veränderungen nutzen zu wollen.
Bericht von Transparenzbeirat vor Sommer
Im Zuge dessen richtete Thurnher einen Transparenzbeirat ein, der Vorwürfe und mögliche Missstände im ORF prüfen soll. Der Bericht des Gremiums werde noch vor dem Sommer erwartet. Empfehlungen, die in ihren Verantwortungsbereich fallen, wolle sie umsetzen, erklärt Thurnher. Manche Entscheidungen könnten „weh tun“ und „Widerstand auslösen“.
Die langjährige Journalistin räumt ein, dass eine Kandidatur für sie persönlich reizvoll gewesen wäre. "Es wäre auch ein besonderer Abschluss meiner jahrzehntelangen Karriere im ORF gewesen. Aber jetzt geht nicht um mich. Es geht um den ORF", betont sie. Thurnher ist seit 1985 für den ORF tätig und war unter anderem Moderatorin der „ZiB2“, von „Im Zentrum“ sowie der „Sommergespräche“. Später leitete sie ORF III als Chefredakteurin und war Radiodirektorin des Unternehmens.
Appell an die Politik
Mit Blick auf die Wahl im ORF-Stiftungsrat am 11. Juni appelliert Thurnher an die Politik, sich mit Einflussnahmen zurückzuhalten. „Der ORF ist nicht der Spielball der Politik und er gehört auch nicht der Politik“, schreibt sie.
Zugleich kündigt sie an, ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger bestmöglich unterstützen zu wollen. Gemeinsam solle im Sommer ein „Planungs-Summit“ stattfinden, um zusätzliche Einsparungspotenziale ab 2027 zu erarbeiten. Hintergrund sind aktuelle Sparüberlegungen der Bundesregierung in Höhe von 80 bis 90 Mio. Euro jährlich, vor denen Thurnher zuletzt gewarnt hatte.
Bis zum Ende ihrer Amtszeit wolle sie den eingeschlagenen Kurs fortsetzen. „Bis 1. Jänner wird nicht auf Pause gedrückt. Im Gegenteil: Das nächste halbe Jahr wird intensiv, arbeitsreich - und ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass wir wieder der ORF werden, der wir sein wollen, auf den wir stolz sein können, auf den ich stolz sein kann“, so Thurnher gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. (APA)