Die Dürre trifft hart und die Folgen sind teuer
© APA/Harald Schneider
RETAIL Redaktion 16.10.2026

Die Dürre trifft hart und die Folgen sind teuer

Der medianet-Rundruf bei Handel, Landwirtschaft und Herstellern zeigt, wie die Dürre die Preise bedroht.

•• Von Georg Sohler

Zu trocken, zu heiß – die Landwirtschaft leidet unter Wetterextremen. Der Regen bleibt aus, im Österreichschnitt liegt die Niederschlagsmenge 2026 aktuell deutlich unter dem langjährigen Mittel, in manchen Regionen im Osten und im Innviertel wird sogar ein Niederschlagsminus von über 50% gemessen.
Für die Ungewöhnlichkeit des Wetters liefert Bregenz einen anschaulichen Beleg: Laut Geosphere Austria gab es von 1961 bis 1990 im Schnitt zwei bis drei Tage mit Temperaturen über 30 Grad – 2026 waren es Mitte August bereits 34. Das hat dramatische Auswirkungen auf die Ernte. Doch wie stark kommen diese Auswirkungen bereits beim Lebensmittelhandel an?  medianet hat maßgebliche Branchenvertreter kontaktiert, um herauszufinden, welche Auswirkungen die Hitze und Dürre aktuell auf die Lebensmittelversorgung hat – dabei zeigt sich ein durchaus differenziertes Bild der Lage.

Alarmierende Zahlen
Laut Landwirtschaftskammer gibt es beispielsweise 50% weniger Sojabohnen als im Fünfjahresschnitt, bei Kartoffeln könnte das Minus bis zu 70% betragen. Zur Hitze gesellen sich noch weitere Extremwetterereignisse wie Hagelschäden, die im Waldviertel die Hopfenernte um 50% verringerten. Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes, illustriert die Zusammenhänge: „Die extreme Dürre zeigt einmal mehr, wie unmittelbar Landwirtschaft und Lebensmittelhandel miteinander verbunden sind. Im Obstbau wird heuer rund ein Drittel weniger Ernte erwartet, im Gemüsebau liegen die Einbußen im Schnitt bei 45 Prozent.“

Man müsse sich darauf einstellen, dass Wetterextreme die Verfügbarkeit und Preise landwirtschaftlicher Rohstoffe generell volatiler machen. Die Herausforderungen sind aus seiner Sicht für Landwirtschaft und Handel gleich: hochwertige heimische Lebensmittel unter zunehmend schwierigen Bedingungen wirtschaftlich erfolgreich zu produzieren und zu vermarkten.  „Unser gemeinsames Ziel muss sein, die österreichische Lebensmittelkette zu stärken, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und heimische Qualität auch künftig für möglichst viele Menschen leistbar zu halten“, stellt er klar. Der Handel selbst beruhigt.

Alles gut?
Spar gibt auf medianet-Anfrage an, dass es im Sommer „keine nennenswerten Probleme“ gab. Der Absatz von Wasser und Eis habe zugenommen. Preisschwankungen wären noch nicht beim Lebensmitteleinzelhändler angekommen, „Obst- und Gemüsepreise schwanken ja sowieso immer, sodass das noch kein großes Thema ist“. Mitbewerber Rewe verweist auf den Futtermangel in der Landwirtschaft und die Auswirkungen auf die Rinder. Die Rinderbauern sahen sich gezwungen, Schlachtungen vorzuziehen. Billa erhöhte bei seinen langjährigen Partnerbetrieben die Rindfleischabnahmemengen um 20%, ohne den Preis zu drücken. Noch zeigt sich die Dürre allerdings nicht in steigenden Lebensmittelpreisen: Im August lagen sie in Österreich laut Statistik Austria um 0,3% unter dem Vorjahresniveau, im Juli waren es 0,5%. Die Dürre ist in der Landwirtschaft angekommen, im Regal aber noch nicht. Doch der Preisdruck könnte zeitverzögert ankommen, wie der Blick auf die Herstellerseite zeigt.

Die Milch fließt
Sieht man von der Futtermittelherstellung ab, ist die heimische Milchproduktion mit einem Produktionswert von 2,24 Mrd. € (2025, Statistik Austria) der größte Lebensmittelsektor.
In einer Aussendung betonte Milchverband-Österreich-Präsident Helmut Petschar, das erste Halbjahr im Außenhandel sei gut gelaufen, Entwicklungen und Ergebnisse für das zweite Halbjahr werden aber „maßgeblich von den Auswirkungen der Dürre bestimmt.“ Hohe zusätzliche Kosten für „Futterbeschaffung, Energie- und Treibstoffpreise sowie Vorleistungskosten“ stellen die gesamte Milchwirtschaft auf eine harte Probe, sagt er weiters.

Ein Beispiel, wie auf all das reagiert werden kann, liefert Österreichs drittgrößtes Milchunternehmen, SalzburgMilch. Zur Abfederung der zusätzlichen Kosten für den notwendigen Grundfutterzukauf wird SalzburgMilch den Auszahlungspreis für alle Milchsorten ab September 2026 um bis zu 2,82 Cent je Kilogramm erhöhen. „Ein Premium- und Bio-Versprechen muss gerade in Krisenzeiten verlässlich bleiben. Deshalb halten wir gemeinsam an unseren hohen Standards fest und unterstützen unsere Betriebe dabei, diese weiterhin erfüllen zu können“, erklärt dazu SalzburgMilch Geschäftsführer Andreas Gasteiger. Die höheren Erzeugerpreise dürften auch die Preise im Handel steigen lassen.

Viel weniger Fleisch
Auch beim Fleisch dürften die Preise mittelfristig steigen, nicht nur bei Rindfleisch, sondern in mehreren Bereichen, erwartet Wiesbauer-Geschäftsführer Thomas Schmiedbauer. Zwar fiel der Rindfleischpreis durch die vorgezogenen Schlachtungen zunächst, aufgrund der nun herrschenden Verknappung dürften die Preise aber wieder steigen.

„Aufgrund der Futterpreis­situation haben wir von unseren Vorlieferanten und Vertragsbauern auch bereits die Info, dass weit weniger Schweine eingestellt werden und daher im Q1/2027 von einem nicht unwesentlichen Anstieg des Schweinefleisch-Preises auszugehen ist.“  Etwas mehr Spielraum scheint es bei Obst und Gemüse zu geben.

Obst und Gemüse? Schwierig
Das erklärt Josef Peck, Vorstand der Genossenschaft LGV Gärtnergemüse und Seewinkler Sonnengemüse: „Aufgrund der geschützten Kulturen und durch den Einsatz von ressourcenschonender Bewässerung konnten negative Auswirkungen durch extreme Hitze und wenig Niederschlag halbwegs vermieden werden.“  Temperaturen über 40 °C lösen allerdings auch im geschützten Anbau Stress bei den Pflanzen aus. Die drei Hauptgemüsesorten Paprika, Paradeiser und Gurken haben dies unterschiedlich überstanden: „Während bei Paprika kaum Einbußen zu verzeichnen sind, sind die Gurkenmengen doch leicht zurückgegangen.“ Am schlimmsten war es allerdings bei Paradeisern, hier gab es zwei bis drei Wochen große Ausfälle. Die Lehre aus der heurigen Saison sei, dass man mit derartigen Temperaturen in Zukunft öfter konfrontiert sein wird, so Peck: „Moderne Kulturräume mit entsprechenden Höhen, Benebelungsanlagen und Beschattungsmöglichkeiten werden notwendig sein. Die technischen Möglichkeiten dafür gibt es, diese kosten allerdings Geld und das muss über die Produktpreise zu erwirtschaften sein.“ Die eigenen Erzeuger unterstütze man dabei. Im Vergleich zu südlicheren Regionen sei man aber noch geographisch relativ günstig gelegen.

Politische Reaktion
Die Risikovorsorge, so die zuständige Hagelversicherung im Sommer, sei hoch. 80% der Ackerflächen und 40% der Grünlandflächen sind gegen das Risiko Dürre versichert. Die Politik hat darauf reagiert. Mit der einmaligen Erhöhung der Prämienbezuschussung für die Dürreversicherung auf 65% für das Jahr 2027 wurde ein Anreiz geschaffen, die Durchversicherungsrate zu erhöhen. Insgesamt schnürte die Politik ein 240 Mio. € schweres Hilfspaket. Interessenvertretungen, etwa der Unabhängige Bauernverband oder die IG Milch, kritisierten diese Vorhaben allerdings als „unzureichend“.

medianet hat die politischen Parteien auch um Stellungnahmen ersucht. Die Neos als Teil der Regierung ließen in Person von Umweltsprecher Michael Bernhard wissen: „Kurzfristig braucht es rasche, unbürokratische Hilfe für die betroffenen Betriebe. Mittelfristig muss das System stärker auf Vorsorge ausgerichtet werden, denn eine gute Risikoversicherung gibt mehr Planungssicherheit als immer neue Hilfspakete im Nachhinein.“ Mit den beschlossenen Hilfen zeigt er sich weitgehend zufrieden. Diese „sichern die Liquidität der Betriebe und verhindern, dass aus einem Ernteausfall eine Existenzkrise wird.“ Die anderen Parteien hatten sich bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht geäußert.

Große Zukunftsfragen
Der Lebensmitteleinzelhandel, so Will, müsse weiter gestützt werden. Neben der Dürre spielen auch geopolitische Verwerfungen eine Rolle. „Der österreichische Strom-Großhandelspreisindex liegt im September 2026 fast viermal so hoch wie im September 2020 – mit Folgen entlang der gesamten
landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette“, sagt er und kritisiert in dem Zusammenhang auch die hohen Arbeitskosten. An diesen Stellschrauben müsse gedreht werden: „Österreich braucht weitere Entlastungen, damit Landwirtschaft,Verarbeitung und Handel im internationalen Wettbewerb bestehen können.“

Das neue Klimaschutzgesetz mit dem bis Ende 2027 zu beschließenden Klimafahrplan soll aus Sicht der Bundesregierung von der Reaktion in die Aktion führen. In Bernhards Worten: „Langfristig entscheidend ist jedoch, dass wir uns von dieser Abhängigkeit lösen, die uns überhaupt erst verwundbar macht. Je unabhängiger wir von fossilen Importen und schwankenden Weltmarktpreisen sind, desto stabiler werden unsere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insgesamt.“ Das ist aber noch Zukunftsmusik. Sicher ist wohl nur, dass die nächste Dürre verlässlich kommen wird.

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