Handelskonjunktur rutscht ins Minus – Österreichs Einzelhandel verliert EU-weit an Boden
© APA/Tobias Steinmaurer
RETAIL Redaktion 20.08.2026

Handelskonjunktur rutscht ins Minus – Österreichs Einzelhandel verliert EU-weit an Boden

WIEN. Die Erholung im österreichischen Handel ist vorerst wieder vorbei. Im ersten Halbjahr 2026 konnten die Handelsunternehmen ihre Umsätze zwar nominell um 2,1 Prozent steigern, preisbereinigt verzeichnete die Branche jedoch ein Minus von 0,7 Prozent. Gleichzeitig verliert der österreichische Einzelhandel im EU-Vergleich weiter an Boden.

„Die zaghafte Erholung im Vorjahr war leider nur von kurzer Dauer. Die Handelskonjunktur ist derzeit nicht dort, wo wir sie uns wünschen würden“, kommentiert Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), die Entwicklung. Die Inflationsrate lag im ersten Halbjahr bei 3,0 Prozent und damit über dem EU-27-Durchschnitt von 2,7 Prozent.

„Sowohl der Einzelhandel als auch der Großhandel belasten die Handelskonjunktur. Aber auch der bisherige Aufwärtstrend in der Kfz-Wirtschaft verliert 2026 an Dynamik“, sagt Handelsforscher Peter Voithofer vom Institut für Österreichs Wirtschaft (iföw). Der Einzelhandel verzeichnete real ein Minus von 0,1 Prozent, der Großhandel von 1,9 Prozent. Die Kfz-Wirtschaft wuchs hingegen real um 3,4 Prozent.
Einzelhandel mit drittschwächster Entwicklung in der EU

Nominell legte der Einzelhandelsumsatz im ersten Halbjahr um 1,9 Prozent zu und damit deutlich schwächer als im Gesamtjahr 2025 mit 2,6 Prozent. Vor allem der Non-Food-Sektor bremste die Entwicklung. Mit einem Umsatz von rund 45,2 Mrd. Euro liegt Österreich damit im EU-Ranking auf Rang 25 und weist die drittschwächste Einzelhandelskonjunktur der 27 Mitgliedstaaten auf.

Zwischen den Branchen zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede. Nominell verzeichneten der Spielwarenhandel mit 5,2 Prozent, der Uhren- und Schmuckhandel mit 4,9 Prozent und der Blumenhandel mit 4,5 Prozent die stärksten Zuwächse. Real lagen Spielwaren mit 5,6 Prozent, Drogerien mit 4,8 Prozent und der Schuheinzelhandel mit 3,8 Prozent vorne. „In diesen Branchen treffen steigende nominelle Umsätze auf sinkende Preise. Das führt dazu, dass die reale Umsatzentwicklung deutlich stärker ausfällt als das nominelle Wachstum“, erklärt Voithofer.

Beim Uhren- und Schmuckhandel ist das Bild umgekehrt: Das nominelle Plus von 4,9 Prozent ist laut WKÖ ausschließlich auf gestiegene Preise, insbesondere durch den höheren Goldpreis, zurückzuführen. Real ergibt sich ein Minus von 5,3 Prozent. Auch Elektrohandel, Buchhandel und Onlinehandel verzeichneten real Rückgänge.

Die schwache Konjunktur zeigt sich zudem bei den Insolvenzen. Mit 539 Fällen im ersten Halbjahr lag deren Zahl zwar unter dem Vorjahreswert von 565, aber weiterhin auf hohem Niveau. Die Beschäftigung im Handel ging um 0,3 Prozent zurück, wobei sich der Rückgang gegenüber dem Gesamtjahr 2025 mit minus 1,6 Prozent abgeschwächt hat.

Für das Gesamtjahr bleibt die Prognose verhalten. Trefelik spricht von einem „neuerlich sehr herausfordernden Jahr für den Handel“. Besonders der Kostendruck belastet die Unternehmen. „Unser Hauptproblem ist, dass die Umsatzentwicklung mit jener der Kosten nicht Schritt hält, sprich die Ausgaben steigen wesentlich stärker als die Einnahmen“, sagt Trefelik. Weitere Belastungen seien daher zu vermeiden. „Die Handelsunternehmen sind an der Belastungsgrenze angelangt. Zusätzliche Kosten wie beispielsweise durch die EU-Verpackungsverordnung oder auch den nationalen Alleingang bei der Paketsteuer sind vor allem für KMU kaum noch zu stemmen. Hier brauchen wir in beiden Fällen eine dringende Überarbeitung“, fordert der Handelsobmann.
Neue Karrierewege durch HBB

Positiver fällt der Ausblick bei den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten aus. Ab Jänner 2027 sollen neue Karrierewege durch die Höhere Berufliche Bildung (HBB) im Handel offenstehen. Der Handel hat dafür drei aufeinander aufbauende Qualifikationen entwickelt, die berufsbegleitend absolviert werden können.

„Wir leisten hier Pionierarbeit bei der Umsetzung der HBB und sind sehr zuversichtlich, dass dies sowohl für die Beschäftigten als auch die Handelsunternehmen viele Vorteile bringen wird“, sagt Sonja Marchhart, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundessparte Handel. „Betriebe erhalten dadurch zusätzliche Möglichkeiten, zu qualifizierten Fach- und Führungskräften zu kommen, können qualifizierte Mitarbeitende im eigenen Betrieb weiterentwickeln und auch besser ans Unternehmen binden. Für Absolvent:innen einer Lehre wiederum ergeben sich neue Karriereperspektiven. Das wertet die duale Ausbildung stark auf und macht eine Lehre im Handel noch attraktiver“, betont Marchhart.

Die ersten HBB-Prüfungen können ab Jänner 2027 an den Meisterprüfungsstellen der Wirtschaftskammern abgelegt werden. (red)

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL