WIEN. Eine neue Analyse der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW) im Auftrag des Handelsverbands beziffert erstmals die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der wachsenden Umsätze asiatischer Onlineplattformen. Demnach entgehen dem österreichischen Handel durch die Verlagerung von Konsumausgaben ins Ausland jährlich knapp 570 Millionen Euro Bruttoumsatz und 171 Millionen Euro Bruttowertschöpfung. Daraus ergibt sich ein BIP-Rückgang von rund 212 Millionen Euro. Zudem gehen mehr als 1.600 Arbeitsplätze und knapp 100 Millionen Euro an Steuern und Abgaben verloren.
„Unsere neue Studie legt erstmals die volkswirtschaftliche Rechnung für den vermeintlichen Billigkonsum auf Fernost-Plattformen vor. Temu, Shein und AliExpress kosten Österreich 212 Millionen Euro Wirtschaftsleistung, mehr als 1.600 Arbeitsplätze und fast 100 Millionen Euro an Steuern und Abgaben“, erklärt HV-Geschäftsführer Rainer Will. „Jeder Klick auf diese Plattformen hat seinen Preis. Aus dem Paket um wenige Euro wird ein millionenschwerer Bumerang für den Wirtschaftsstandort. Bezahlt wird er von heimischen Betrieben, ihren 711.000 Beschäftigten und letztlich von allen Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern.“
Mittelstand besonders betroffen
Den größten direkten Wertschöpfungsverlust trägt der österreichische Handel mit 58 Millionen Euro. Auch andere Branchen sind betroffen, darunter die Produktion mit 22 Millionen Euro, die Bauwirtschaft mit 11 Millionen Euro und die Gastronomie mit 6 Millionen Euro. Auf Einpersonenunternehmen entfallen laut GAW 19 Millionen Euro Bruttowertschöpfungsverlust, auf Kleinstbetriebe 35 Millionen Euro, auf Kleinbetriebe 38 Millionen Euro, auf Mittelbetriebe 32 Millionen Euro und auf Großbetriebe 47 Millionen Euro.
„Europäische Händler spielen nach europäischen Regeln, bezahlen faire Löhne und Steuern, finanzieren Qualität, Lehrstellen und Produktsicherheit. Zugleich konkurrieren sie mit asiatischen Plattformen, bei denen geltendes EU-Recht vielfach nur auf dem Papier existiert. Das ist ein systematischer Standortnachteil für heimische Unternehmen. Wertschöpfungsverluste von mindestens 171 Millionen Euro sprechen eine klare Sprache“, sagt Harald Gutschi, Geschäftsführer von OTTO Austria, HV-Vizepräsident und Leiter des HV-Fachforums “eCommerce & Marktplätze”.
Auch die öffentlichen Haushalte sind betroffen. Die Umsatzverlagerungen führen laut GAW zu einem Verlust von knapp 100 Millionen Euro an Steuern und Abgaben. Hinzu kommen Einkommensverluste der Beschäftigten. Allein im Handel sinkt das Arbeitnehmerentgelt um 35 Millionen Euro, über alle untersuchten Branchen hinweg um rund 90 Millionen Euro. Die Berechnung gilt laut Handelsverband als konservativ, da mögliche Ausfälle durch falsch oder zu niedrig deklarierte Warenwerte nicht berücksichtigt wurden.
„Die fast 100 Millionen Euro an Steuerentgang sind nur die nachweisbare Unterkante des Schadens. Die tatsächlichen Kosten liegen weit höher. Dieses Geld, das dem Staat, den Gemeinden und der Sozialversicherung fehlt, muss am Ende von jenen aufgebracht werden, die sich an die Regeln halten“, warnt Rainer Will.
Gleichzeitig zeigen sich erste regulatorische Auswirkungen. Die EU-Kommission verhängte am 20. Juli eine Geldbuße von 550 Millionen Euro gegen AliExpress wegen eines Verstoßes gegen den Digital Services Act. Shein wurde in Frankreich im Juni mit einer Strafe von 22 Millionen Euro wegen Problemen bei Retouren und Bestellungen belegt, zuvor waren 40 Millionen Euro wegen irreführender Rabattangebote verhängt worden. Gegen Temu sprach die EU-Kommission Ende Mai wegen Verstößen im Zusammenhang mit illegalen Produkten eine Strafe von 200 Millionen Euro aus.
Seit 1. Juli gilt zudem der EU-Pauschalzoll von drei Euro auf Kleinsendungen aus Drittstaaten. Laut Österreichischer Post ist das Paketvolumen aus Fernost seither durchschnittlich um 26 Prozent zurückgegangen. Der Handelsverband sieht darin einen ersten Schritt zu mehr Fairness im Onlinehandel, fordert aber weitere Maßnahmen.
„Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben. Die asiatischen Plattformen passen ihre Geschäftsmodelle bereits an, etwa durch neue Lager in der EU. Der Rückgang der Paketmengen ist daher nur eine Momentaufnahme“, ist Harald Gutschi überzeugt.
„Der Einsatz für ein Level Playing Field im E-Commerce ist ein Marathon, kein Sprint. Entscheidend bleiben konsequente Kontrollen, mehr Ressourcen für die Zollbehörden, die rasche Umsetzung des EU-Zolldatenzentrums und die lückenlose Durchsetzung europäischer Regeln. Absolut kontraproduktiv ist hingegen die Einführung der nationalen Paketsteuer, die heimische Unternehmen garantiert belastet, während sich Anbieter aus Drittstaaten entziehen können“, so Handelssprecher Rainer Will abschließend. (red)