••• Von Alexander Haide
Seit Anfang März 2025 ist Christoph Wiederkehr (Neos) nun Bildungsminister. Sein Amtsantritt fiel in eine Zeit, in der das Schulsystem vor gewaltigen Herausforderungen steht: Überbordende Bürokratie, veraltete Lehrpläne, mangelnde Deutschkenntnisse, fehlendes Lehrpersonal und nun akute Sparmaßnahmen. Dennoch werden beinahe täglich neue Vorhaben publik, die Wiederkehr in dieser Legislaturperiode umsetzen will. Im medianet-Interview beantwortet der Minister dringende Fragen.
medianet: Welche Schulnote würden Sie dem Bildungssystem heute geben und welche sollte es zum Ende der aktuellen Legislaturperiode bekommen?
Christoph Wiederkehr: Es gibt unfassbar viele unglaublich engagierte Pädagoginnen und Pädagogen, die aus einem starren System das beste herausholen. Meine Aufgabe als Bildungsminister ist es dafür zu sorgen, dass das System so aufgestellt ist, dass es den aktuellen Anforderungen auch gerecht wird. Mein Ziel ist natürlich eine Eins, da liegt aber noch einiges an Arbeit vor uns.
medianet: Umstritten ist die Bewertung von Volksschulen. Was bringt das Eltern, die zwar Schulen vergleichen können, aber nicht wählen können, in welche öffentliche Volksschule ihre Kinder gehen?
Wiederkehr: Transparenz trägt immer zu einer Verbesserung bei. Transparente Daten führen dazu, dass am Schulstandort alle Beteiligten gemeinsam nach Lösungen suchen können, um die Schule weiterzuentwickeln. Für die Eltern, die vor der Schulwahl stehen, tragen die Daten dazu bei, dass sie sich ein umfassendes Bild von einer Schule machen können. Neben den Leistungsdaten, die immer im fairen Vergleich veröffentlicht werden, sodass klassische Rankings nicht möglich sind, wird es auch andere Informationen geben. Beispielsweise, ob eine Schule eine Chancenbonus-Schule ist und so zusätzliche Förderungen erhalten, ob es spezielle Schwerpunkte gibt oder Gütesiegel, durch die sich eine Schule auszeichnet. Leistungsdaten alleine zu veröffentlichen, wäre zu wenig.
medianet: Die Zufriedenheit von Jugendlichen mit der Demokratie sinkt. Welche Maßnahmen können Sie gegen diesen Trend setzen?
Wiederkehr: Wir wollen dafür sorgen, dass Demokratie und demokratische Prozesse an der Schule gelehrt werden und erlebbar gemacht werden. So wird ein Fach Medienbildung & Demokratie für die AHS-Oberstufe eingeführt, in dem auch Raum für demokratische Teilhabe geschaffen wird. Und auch alle Zehn- bis 14-Jährigen werden in Zukunft verstärkt mit Demokratiebildung in Zusammenhang mit dem Aufbau sozialer Kompetenzen zu tun haben. Sie lernen dort, ihre Meinung zu vertreten, andere Meinungen zu akzeptieren und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Nur wenn man versteht, wie Demokratie funktioniert, wird man auch verstehen, wie wichtig ihr Erhalt ist.
medianet: Sie wollen den Unterricht zu IT und KI ausbauen. Bekannt ist, dass Lehrpläne sehr lange bis zur Umsetzung brauchen. Besteht nicht die Gefahr, dass sie bereits bei der Implementation wieder veraltet sind?
Wiederkehr: Die Lehrpläne werden so ausgearbeitet, dass man jedenfalls damit arbeiten kann. Sie stehen jetzt kurz vor der Fertigstellung und sollen im Schuljahr 2027/28 in Kraft treten. Aber grundsätzlich werden wir dafür sorgen, dass Lehrpläne in kürzeren Abständen überarbeitet werden, denn so wie bisher zehn Jahre und länger an Lehrplänen festzuhalten, ist definitiv nicht mehr zeitgemäß.
medianet: Schulen werden als Orte sozialer Kompetenzen und kritischen Denkens wahrgenommen. Entspricht das der Realität?
Wiederkehr: Ich habe den Wunsch von ganz vielen Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und Schülerinnen und Schülern gehört, dass jedenfalls noch mehr soziale Kompetenz und kritisches Denken im Schulalltag verankert werden sollen. Derzeit gibt es sicher viele Schulen und Lehrer, die einen großen Wert auf diese Kompetenzen legen. Aber mein Ziel ist es, dass der Stellenwert für alle Schüler groß wird. Daher auch neue Schulfächer, die genau das abbilden.
medianet: Wie denken Sie über ein generelles Handyverbot in Schulen?
Wiederkehr: Das Handyverbot bis 14 wurde vor einem Jahr eingeführt, die Resonanz ist extrem positiv.
medianet: Immer wieder werden mangelnde Deutschkenntnisse von Kindern hervorgehoben. Reichen die jetzigen Förder-
und Sanktionsmaßnahmen?
Wiederkehr: Nein, daher haben wir im vergangenen Jahr massiv in die Deutschförderung investiert. Die Deutschförderkräfte wurden österreichweit verdoppelt. Und wir haben die Art, wie Deutschförderung umgesetzt wird, den Schulen überlassen, denn sie wissen am besten, wie an ihrem Standort Deutschförderung umgesetzt wird, ob in eigenen Klassen oder im bestehenden Klassenverband. Damit haben wir den Rahmen gesetzt, dass Deutschförderung besser bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen ankommen kann.
medianet: Die überbordende Bürokratisierung wird seit Jahrzehnten angeprangert. Welche Maßnahmen können Sie hier in welchem Zeitraum setzen?
Wiederkehr: Auch hier haben wir schon vieles auf den Weg gebracht. Mit der Initiative ‚Freiraum Schule‘ habe ich 2025 eine österreichweite Ideen-Offensive gestartet, um die Verwaltung in und um die Schule zu vereinfachen.
Ziel ist es, allen, die an der Schule arbeiten, mehr Zeit und Freiraum für das Wesentliche zu geben: pädagogische Arbeit, gemeinsame Gestaltung und Innovation. In einem ersten Schritt wurden 80 Prozent der Rundschreiben aufgehoben, Anträge und Meldungen wie die einer Schwangerschaft werden ab sofort über eine App möglich und Kopien von Zeugnissen müssen nicht mehr, wie bisher, 60 Jahre lang physisch ausdruckt archiviert werden. Viele weitere Maßnahmen und den Stand der Umsetzung sind unter freiraumschule.bmb.gv.at einzusehen.
medianet: Wie sehr betreffen Sparmaßnahmen im Budget Ihr Ressort und können Sie diese ausgleichen, ohne eine Beeinträchtigung der Qualität des Unterrichts?
Wiederkehr: Die Budgetverhandlungen für die kommenden zwei Jahre sind derzeit im Gange, auch das Bildungsministerium wird weiter sparen müssen. Allerdings passiert das vor allem in der Verwaltung. Die Qualität des Unterrichts wird sicher nicht leiden, es wird auch noch Raum für weitere Zukunftsinvestitionen geben.
medianet: Stichwort Lehrermangel – wie ist die aktuelle Situation und wie können mehr junge Menschen zum Lehrerberuf motiviert werden?
Wiederkehr: Der Lehrermangel ist sicher noch vorhanden, allerdings entspannt sich die Situation etwas. Wir haben vor allem regional und in einigen Fächern noch Herausforderungen zu meistern. Grundsätzlich sehen wir den Quereinstieg als Erfolgsmodell, dass wir weiterhin fördern wollen. Grundsätzlich ist für mich der Beruf des Pädagogen bzw. der Pädagogin der wichtigste dieser Republik, daher setze ich alles daran, dass dieser Beruf attraktiver wird.
medianet: Ist das System der ‚Halbtagsschule‘ nicht längst überholt und bräuchte es nicht ganztägige Schulen für alle?
Wiederkehr: Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Ganztagesschulen großartige Schulformen sind, bin aber der Meinung, dass Eltern jedenfalls weiterhin die Wahlfreiheit gelassen werden soll, ob sie ihre Kinder lieber nur halbtags oder den ganzen Tag in der Schule lassen.