Vorbereitung auf Jobs, die es noch nicht gibt
© Gregor Nesvadba
CAREER NETWORK Redaktion 05.06.2026

Vorbereitung auf Jobs, die es noch nicht gibt

Der Arbeitsmarkt ist im völligen Umbruch. Ali Mahlodji über „Selbstführung“ und seinen neuen Bestseller.

Ali Mahlodji ist ein international mehrfach ausgezeichneter Unternehmer, Keynote-Speaker und Bestseller-Autor. Geboren in Persien und aufgewachsen in einem Flüchtlingsheim, führte ihn sein Weg vom stotternden Schulabbrecher mit mehr als 40 Jobs in die Top-Management-Ebene internationaler Tech-Konzerne. Aus einer Kindheitsidee heraus gründete er „whatchado“, das Handbuch der Lebensgeschichten, das Millionen von Jugendlichen auf ihrem Weg geholfen hat. Heute begleitet er als CEO von „futureOne“ Unternehmen, Führungskräfte, Bildungseinrichtungen, und Kinder durch Zeiten des Wandels. Sein neues Buch „(Null) Bock auf Arbeit: Wie du wirst, was morgen zählt“ verkauft sich blendend. Was hinter dem Erfolg des neuen Buchs steckt und wie Jugendliche dazu motiviert werden können, ihr Leben und ihre Karriere aktiv zu gestalten, verrät Mahlodji im medianet-Interview.

medianet: Ihr neues Buch ist ein Bestseller. Worum geht es und was steckt hinter dem Erfolg?
Ali Mahlodji: Ich bin ein studierter Computerwissenschafter, der sich irgendwann in die Menschheit verliebt hat. Bereits damals habe ich erkannt, dass wir auf das, was in der Welt passiert, nicht einmal im Ansatz vorbereitet sind. Das war vor zwanzig Jahren. Ich habe bereits damals der Führungsetage bei Siemens Global gesagt, dass, wenn diese technologischen Entwicklungen so kommen, dann werden wir eine Welt erleben, die es zerreißt. Wir haben bereits damals autonome Systeme getestet. Wir werden Sinnfragen haben und sagen, dass Menschen Leistung erbringen müssen. Gleichzeitig wird aber diese Leistungsgesellschaft zerbrechen, da uns Technologie sehr vieles abnehmen wird. Wir werden an einen Punkt kommen an dem wir fragen, wer wir ohne unseren Job sind. In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren hat eine rasante Entwicklung stattgefunden und die Menschen haben noch immer nicht gecheckt, was kommt.

medianet: Wie können sich Menschen auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen?
Mahlodji: Ich wusste, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem sich Menschen neu erfinden müssen. Wenn das passiert, braucht es etwas, das anschlussfähig ist und nicht hochtrabend. All das, was man aus der Hirn- und Verhaltensforschung kennt und was global passiert, muss man herunterbrechen. Menschen können das Buch bei einer Zugfahrt von Wien nach München innerhalb von vier Stunden lesen. Die Welt, in der wir uns befinden, ist eine der Selbstverantwortung. Vor zehn Jahren konnte man noch auf die Versprechen der Politik verweisen, es gab Jobgarantien und Zehnjahrespläne. Das gilt heute nicht mehr.
Das Buch gibt es, da wir die Gesellschaft educaten müssen und den Menschen wieder Dinge beibringen, die auch an den besten Unis nicht gelehrt werden. Zuerst muss man verstehen, was gerade in der Welt passiert und die Zusammenhänge erkennen. Die Generationenproblematik hängt mit vielen Dingen zusammen, die in der Wirtschaft zerbrochen sind. Die Sinn-Thematik hängt mit den explodierenden Zahlen von Burnout zusammen. Der Stellenwert von Freude als Energietreiber war früher ein ‚Nice to have‘ und ist heute ganz anders. Das ist in dem Buch simpel dargestellt.

Im zweiten Schritt geht es auf einer sehr praktikablen Ebene um das Thema der Selbstführung und um das Verständnis, worum es dabei wirklich geht. Zudem geht es darum wie man es schafft, gemeinsam mit anderen Menschen Dinge zu entwickeln und eine neue Welt zu erschaffen. Das sind die drei Ebenen des Buches, das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt und die Menschen abholt. Es ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis.

medianet: Und sogar Nationaltrainer Ralf Rangnick verwendet Ihr Buch zum Coaching.
Mahlodji: Er hat es im Urlaub gelesen und es dem gesamten Betreuerstab gegeben, um die Mannschaft mental auf die WM in den USA vorzubereiten. Vergangenen Donnerstag war ich im Trainingslager des ÖFB, um mit dem gesamten Stab und allen Nationalspielern zu arbeiten und sie mental vorzubereiten.

medianet: Wie können Jugendliche in einer Zeit multipler ­Krise motiviert werden, an der eigenen Zukunft zu arbeiten?
Mahlodji: Das Buch wurde eigentlich für Erwachsene geschrieben. Aber wenn sich Erwachsene besser im Griff haben und sich selbst besser führen, ist das daheim, mit den Jugendlichen, weniger ein Thema. Denn Jugendliche orientieren sich an den Erwachsenen, die meist der Meinung sind, alles sei furchtbar. Andererseits werden sie auf Social Media durch Algorithmen damit bombardiert, wie geil die Welt ist, wie sie sechsstellige Summen verdienen und in Dubai leben können. In diesem Zwischenspiel ist es ganz normal, dass Jugendliche die Welt so sehen.

Wir hatten früher eine Welt, in der wir uns zu sehr auf das Entweder-Oder fokussierten. Heute kommt es auf die Balance an. Man sieht den Schatten, den Schrecken und all das, was nicht funktioniert. Und in der gleichen Sekunde sieht man, was alles möglich ist. Wer das vorlebt und mit Jugendlichen darüber spricht, kann diese Balance hinbekommen. Ich habe eine siebenjährige und eine dreijährige Tochter und wir meditieren spielerisch. Wenn die Große etwas nicht hinbekommt, sagt sie zu sich selbst: Ich kann es, ich kann es. Das haben wir ihr beigebracht.

Es gibt natürlich eine Phase, in der man Jugendlichen keine Hilfe sein kann, in der sich das Gehirn in der Pubertät komplett neu sortiert. Aber bei allen Problem muss man dem Kind immer klar machen, dass man es bedingungslos so liebt, wie es ist.

Die Antwort auf die Frage, weshalb sich Jugendliche anstrengen und arbeiten sollen war früher, dass sie sich damit etwas aufbauen können. Heute ist das eine Antwort aus der alten Welt. Heute geht es darum Jugendliche dabei zu begleiten, die Antwort selbst zu finden. Was möchtest du dir aufbauen, was bereitet dir Freude, womit möchtest du den ganzen Tag verbringen? Ich selbst wollte früher der größte Lehrer der Welt werden, Erwachsenen erklären worum es in der Welt geht und Kindern die Angst davor nehmen. Und ich habe mir alle meine Jobs selbst erschaffen. War das leicht? Nein, es war zum Teil die Hölle auf Erden.
Es geht darum, Jugendlichen Zuversicht zu vermitteln, denn sie sind nicht die erste Generation, die große Herausforderungen zu bewältigen hat. Ein gutes Beispiel der Problembewältigung sind Computerspiele. Die Belohnung für ein bewältigtes Level ist ein schwierigeres, das Tempo nimmt zu und es ist sehr anstrengend. Das Leben wird auch nicht unbedingt leichter, aber du wirst besser.

Je mehr die KI-Kiste auf uns zukommt, umso mehr stellen die Menschen die richtigen Fragen. Wer bin ich als Mensch? Worauf kommt es wirklich an? Wer sind die Menschen, mit denen ich Zeit verbringen möchte? Wie will ich meine Welt gestalten? Natürlich macht dieser Prozess Angst. Wer diese Fragen beantworten kann, für den kann die Zukunft nicht schlecht sein.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL