•• Von Reinhard Krémer
Wie es ist, wenn eine Verhandlung die nächste jagt, der Gegenwind im Saal rauer wird und private Gläubiger ihre Ersparnisse verlieren, berichtet Jürgen Gebauer, Leiter Insolvenz Wien beim KSV1870, im Gespräch mit medianet.
medianet: Wenn man auf die aktuellen Insolvenzzahlen blickt, ist zumindest ein kleiner Rückgang erkennbar. Ist das die Trendwende?
Jürgen Gebauer: Für eine Trendwende ist es meiner Meinung nach noch zu früh. Die Zahlen sind historisch betrachtet weiterhin hoch, zudem fällt der Rückgang zu gering aus. Wir sehen lediglich, dass sich die Insolvenzdynamik im ersten Halbjahr 2026 etwas verlangsamt hat. In Wien gab es rund 1.300 Unternehmensinsolvenzen, das entspricht einem Rückgang von zwei Prozent. Österreichweit wurden knapp 3.450 Fälle gezählt, also rund 19 pro Tag, was einem Minus von einem Prozent entspricht.
medianet: Die Zahl der mangels kostendeckenden Vermögens nicht eröffneten Verfahren steigt. Warum?
Gebauer: In diesen Fällen fehlt selbst das Vermögen, um ein Verfahren überhaupt eröffnen zu können. Oft sind nicht einmal 4.000 Euro vorhanden. Ein wesentlicher Grund ist, dass Insolvenzanträge zu spät gestellt werden. Das ist für alle Beteiligten das schlechteste Szenario. Sanierungen werden dadurch unmöglich, ebenso die Chance, bei einer konkursmäßigen Abwicklung zumindest eine geringe Quote für die Gläubiger zu erzielen. Das verursacht zusätzlichen volkswirtschaftlichen Schaden und gefährdet Arbeitsplätze. Generell gilt: Je länger mit einem Insolvenzantrag gewartet wird, desto schlechter werden die Sanierungschancen und desto höher fallen die Verluste der Gläubiger aus.
medianet: Welche Fehler in der Unternehmensführung sehen Sie immer wieder?
Gebauer: Viele suchen die Ursachen zunächst nicht bei sich selbst. Besonders nach der Corona-Pandemie wurde häufig auf äußere Umstände verwiesen. Bei genauerer Betrachtung lagen die Gründe aber oft im Unternehmen selbst. Managementfehler, fehlendes kaufmännisches Know-how oder eine unzureichende Buchhaltung zählen regelmäßig zu den Hauptursachen.
medianet: Ist jede Insolvenz ein Einzelfall – oder geht es letztlich immer um dasselbe?
Gebauer: Jedes Unternehmen schreibt seine eigene Geschichte. Gemeinsam ist allen insolventen Betrieben, dass sie ihre fälligen Verbindlichkeiten nicht mehr vollständig bezahlen können. Die Ursachen liegen häufig im operativen Bereich: Finanzierungsschwächen, Liquiditätsengpässe, mangelnde Forderungsbetreibung, Absatzprobleme, eine schlechte Kostenstruktur oder Planungsfehler. Gleichzeitig gibt es branchenspezifische Muster. In der Baubranche kommt es etwa immer wieder vor, dass Geschäftsführer nicht mehr greifbar sind, Vermögenswerte fehlen oder sogar sozialbetrügerische Sachverhalte auftauchen.
medianet: Sie verhandeln seit 20 Jahren Fälle aus unterschiedlichsten Branchen. Welche sind die schwierigsten?
Gebauer: Anspruchsvolle Themen können überall auftreten. Besonders komplex sind derzeit Immobilieninsolvenzen, die seit Beginn der Immobilienkrise stark zugenommen haben. Hier sind wir mit großen Verfahren und herausfordernden Problemstellungen konfrontiert, die oft rasche Entscheidungen erfordern. Hinzu kommen zahlreiche Gläubigerausschusssitzungen. Allein bei den drei größten Signa-Causen nahm unser Team in den vergangenen zwei Jahren an rund 100 Sitzungen teil. Aber auch kleinere Verfahren können aufgrund spezieller rechtlicher Fragestellungen sehr betreuungsintensiv sein.
medianet: Wie ist es, tagtäglich Unternehmensinsolvenzen in Wien zu verhandeln?
Gebauer: Auch nach beinahe 20 Jahren ist die Tätigkeit bei Gericht für mich die spannendste Aufgabe. Oft jagt eine Verhandlung die nächste. Manche dauern nur wenige Minuten, andere mehrere Stunden. Der Austausch mit allen Beteiligten ist abwechslungsreich und herausfordernd. Wenn über einen Sanierungsplan abgestimmt wird, nehmen wir Einfluss auf die Zukunft eines Unternehmens und tragen Verantwortung. Besonders erfreulich ist es, wenn wir durch erfolgreiche Verhandlungen eine höhere Quote für die Gläubiger erreichen.
medianet: Gab es Momente bei Gericht, die Sie besonders beeindruckt haben?
Gebauer: Besonders präsent sind die Signa-Insolvenzen. Wir entschieden uns damals, gegen eine Sanierung wesentlicher Immobiliengesellschaften zu stimmen. Dafür erhielten wir starken Gegenwind von Insolvenzverwalter- und Schuldnerseite, aber auch viel Zuspruch innerhalb der Insolvenzszene. Die weitere Entwicklung hat unsere Entscheidung bestätigt. Insgesamt beeindruckt mich, wie gut die Zusammenarbeit zwischen den wichtigsten Beteiligten funktioniert. Mit uns wird auf Augenhöhe kommuniziert. Das österreichische Insolvenzsystem genießt europaweit hohes Ansehen.
medianet: Was hat Sie persönlich besonders berührt?
Gebauer: In Erinnerung geblieben sind vor allem Gespräche mit privaten Gläubigern. Etwa mit älteren Menschen, die im Insolvenzverfahren der Alpine Holding ihr in Anleihen investiertes Vermögen nahezu vollständig verlieren werden. Oft waren diese Gelder für Kinder oder Enkelkinder gedacht. Emotional herausfordernd waren auch Gespräche im Zuge der Insolvenz von kika/Leiner. Viele Menschen, die nach den Hochwasserschäden 2024 bereits große Verluste erlitten hatten, verloren durch die Insolvenz auch ihre Anzahlungen für neue Möbel. Die Möbel wurden nicht mehr geliefert, die Anzahlungen wurden zu Insolvenzforderungen. In solchen Gesprächen spürt man das Vertrauen und die Dankbarkeit jener Menschen, die in einer schwierigen finanziellen Situation Unterstützung benötigen.