•• Von Martin Rümmele
Seit dem 1. Juli sind niedergelassene Ärztinnen und Ärzte gesetzlich verpflichtet, bei jedem ambulanten Patientenkontakt mindestens einen ICD-10-Code zu übermitteln. Die ELGA hilft mit einem speziellen Tool, sagt ELGA GmbH-Geschäftsführer Stefan Sabutsch im medianet-Interview.
medianet: Es gibt vom Gesundheitsministerium ein neues e-Health Codierservice, wo Sie die fachliche Betreuung machen – wie funktioniert das?
Stefan Sabutsch: Es ist eine niederschwellige Möglichkeit für Ärzte, präzis codierte Begriffe oder Diagnosen zu erfassen, lokal zu speichern und eine bessere Qualität in der lokalen Dokumentation zu erhalten. Man gibt einen Freitext ein, erhält passende Vorschläge und dann bei Auswahl des richtigen Begriffs einen Code, der lokal gespeichert werden kann. Das Tool verlangt keine Patienten- oder Arztdaten. Wir haben das Tool mit allen Softwareanbietern für den niedergelassenen Bereich ausgerollt.
medianet: Bisher waren oft die verschiedenen Softwareanbieter eine Hürde.
Sabutsch: Das System wird zentral gewartet und gepflegt. Kein Softwareanbieter muss sich um Updates der Codesysteme kümmern. Der Anbieter muss das Service in seine Software integrieren und die rückgemeldeten Codes in der jeweiligen Patientendokumentation speichern. Für die Erfassung haben wir also eine ‚Rundum-sorglos-Lösung‘ geschaffen.
medianet: Wie lange hatten Sie dafür Zeit?
Sabutsch: Die Entscheidung war Ende 2024. Das Jahr 2025 haben wir genutzt, um die Übersetzungen durchzuführen und das System live zu bringen. Und jetzt ist es da. Obwohl wir mehr als 74.000 Codes bereitstellen, fehlen manchmal noch Codes oder Übersetzungen sind nicht ganz präzise, das wird aber laufend nachgebessert. Es funktioniert schon sehr gut. Das Service wurde Anfang 2026 pilotiert und ist mit 1. Juli 2026 in Echtbetrieb gegangen, in allen Arztordinationen. So haben wir mit einem Schlag eine SNOMED-Codierung in ganz Österreich ermöglicht.
medianet: Was ist SNOMED?
Sabutsch: SNOMED CT ist die weltweit umfassendste medizinische Terminologie. Sie übersetzt klinische Begriffe wie Diagnosen in computerlesbare Zahlencodes, um den standardisierten Datenaustausch im Gesundheitswesen zu ermöglichen. Es gibt insgesamt fast 380.000 einzelne Begrifflichkeiten aus allen Bereichen der Medizin. Die Herausforderung ist, dass SNOMED CT auf Englisch bereitgestellt wird und es für den deutschsprachigen Bereich erst übersetzt werden muss. Wir haben bereits 2019 mit den Übersetzungsarbeiten begonnen – aber nur punktuell. Für das Codierservice mussten wir die Übersetzungstätigkeiten wesentlich intensivieren. Das gelang mit den Ressourcen, die wir in Österreich haben – mit unseren ELGA-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber auch mit Hilfe von Externen. Viel Unterstützung hatten wir durch ärztliche Fachgesellschaften, die ÖGAM, die MedUni Graz, die Charité in Berlin und die Kolleginnen und Kollegen der Deutschen und der Schweizer SNOMED Release Center. Wir haben zwischen den Ländern eine gemeinsame Übersetzungsrichtlinie abgestimmt. Das ist notwendig, um einheitlich und konsistent zu übersetzen, ich denke dabei an regionale Sprachunterschiede und Schreibweisen.
medianet: Warum das?
Sabutsch: Das hat einen enormen Fortschritt gebracht und wir schaffen mit Deutschland und der Schweiz eine gemeinsame deutsche Übersetzung. Die einheitliche computerverarbeitbare Terminologie ist für viele Fächer attraktiv, etwa für die Pathologie oder die HNO. Es gibt auch viel Interesse von Nicht-ärztlichen Berufsgruppen. Etwa die Diätologen und die Ergotherapeuten wollen SNOMED CT verwenden und haben freiwillig ‚Übersetzungsspenden‘ eingebracht. Und damit wird SNOMED immer besser und vollständiger verwendbar.
medianet: Wie sind die Rückmeldungen?
Sabutsch: Insgesamt sehr positiv. Der Codierservice selbst wird grundsätzlich positiv gesehen. Wohingegen die gesetzliche Kodierpflicht natürlich bei den Ärzten, die sie durchführen müssen, nicht auf besondere Gegenliebe stößt. Man muss in der Diskussion immer darauf achten, dass das Tool nicht mit der allgemeinen Unzufriedenheit mit der Kodierpflicht in einen Topf geworfen wird. Der Codierservice soll die Schmerzen der Einführung mildern.
medianet: Wie geht es weiter?
Sabutsch: Der nächste Schritt muss sein, diese erfassten und codierten Diagnosen zu einem echten Mehrwert für die Ärzte und das gesamte Gesundheitswesen zu machen, indem diese Codes oder Diagnosen über ELGA personenspezifisch gesammelt und dargestellt werden. Das Ziel ist, über ELGA eine patientenbezogene Liste von aktuellen Diagnosen in Österreich zu schaffen. Für die Patienten heißt das, wenn sie zum Arzt gehen, wird die Anamnese verbessert und beschleunigt. Die Diagnosen, die bereits gestellt wurden, stehen für alle behandelnden Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung stehen und müssen nicht noch einmal erzählt werden. Auch Allergien wären dann schon in ELGA drin. Für den Arzt ist es auch schneller, weil er nicht bei jedem neuen Patienten alle Diagnosen neu erfassen muss. Es geht nur noch um das Update: Was hat sich seit der letzten Erfassung verändert? Mit der e-Diagnose ergänzen wir den noch fehlenden Pfeiler, der für die automatisierte Erstellung einer hochwertigen ‚Patient Summary‘ erforderlich ist. Die Patient Summary oder Patientenkurzakte ist eine lang gehegte Forderung der Ärzteschaft.
medianet: Wie ist hier das Ziel?
Sabutsch: Man kann nicht einfach alle irgendwann dokumentierten Diagnosen in einen großen Topf werfen, weil dann ja Aktualität, Relevanz und Validität fehlen würden. Es muss eine gemeinsam sorgsam gepflegte Liste von Diagnosen geben. Das ist auch ein Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem. Im europäischen Vergleich sind wir da sehr weit vorne und dürfen Pionierarbeit leisten.
medianet: Bisher hat oft die politische Entscheidungsfindung Dinge verzögert. Wie ist das hier?
Sabutsch: Im Wesentlichen herrscht Einigkeit, dass sowohl e-Diagnose und Patient Summary benötigt werden. Es ist allgemein anerkannt und gewollt, dass das kommt. Es gibt natürlich Diskussionen über einzelne Details der Umsetzung. Es braucht auch noch ein paar Beschlüsse und dann auch eine rechtliche Ausgestaltung für die e-Diagnose und das Patient Summary. Die fachlichen Konzepte und der Leitfaden für die Patient Summary liegen bereits vor.