ORF wünscht sich digital mehr Bewegungsfreiheit
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ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher
MARKETING & MEDIA Redaktion 11.09.2026

ORF wünscht sich digital mehr Bewegungsfreiheit

Drastische Budgetkürzungen und überholte Digitalregeln gefährden laut Ingrid Thurnher den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF.

••• Von Dinko Fejzuli

Bereits am Dienstag dieser Woche hat ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher im Vorfeld des gestern und heute stattfindenden medienpolitischen ORF-Zukunftsforums die strategische Linie des öffentlich-rechtlichen Senders vor Medienjournalistinnen und Medienjournalisten präsentiert.

Als wesentlich betrachtet sie drei Themen: die programmliche, die technologische und die finanzielle Zukunftsfähigkeit des ORF. Das Thema Finanzierung sei zwar kein eigener Arbeitsbereich des Zukunftsforums, spiele für die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags für den ORF aber eine zentrale ­Rolle, so Thurnher.

Die Publikumsperspektive
Ausgangspunkt für die Position des ORF sei stets das Publikum, erklärte Thurnher. Man wolle Menschen in Österreich für ihre Haushaltsabgabe „so viel ORF wie möglich bieten und das auf allen Kanälen, die für sie relevant sind.“

Der bestehende Programmauftrag müsse aus ihrer Sicht daher zeitgemäß interpretiert und auch an veränderte gesellschaftliche und technologische Rahmenbedingungen angepasst werden.
Der öffentlich-rechtliche Auftrag umfasst derzeit 19 Punkte. Thurnher sieht darin Potenzial für eine stärkere Bündelung und eine Aktualisierung. Themen wie Medienkompetenz, digitale Bildung und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz könnten stärker im Auftrag verankert werden.

Die grundsätzliche Linie des ORF sei dabei klar: „Wir wünschen uns eine Stärkung unseres Auftrags und nicht eine Beschneidung.“ Gleichzeitig gehe es darum, die Programmvielfalt und die Programmautonomie abzusichern und das Angebot zeitgemäß weiterentwickeln zu können.

Mehr digitaler Spielraum
Besonders deutlichen Handlungsbedarf sieht Thurnher bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen für die digitale Verbreitung von ORF-Content. Das Mediennutzungsverhalten habe sich seit Jahren grundlegend verändert, während zahlreiche gesetzliche Vorgaben noch aus einer anderen, analogen Medienlogik stammten.

Online First und Online only
So wünscht man sich unter anderem längere Bereitstellungsdauern für Audio- und Videoinhalte sowie mehr Möglichkeiten für Online-Only- und Online-First-Angebote. Inhalte, die mit Mitteln der Haushaltsabgabe produziert wurden, sollten dem Publikum auch länger zur Verfügung stehen können. Auch das Archiv könnte man mehr zugänglich machen.

Aus Sicht des ORF solle auch das Aggregationsverbot fallen, das ihm aktuell verbietet, Inhalte aus unterschiedlichen eigenen Angeboten ohne Weiteres zu neuem digitalen Content zusammenzuführen. Fallen solle auch das Forenverbot, denn so könnte der ORF mehr mit dem eigenen Publikum interagieren. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Diskussion um das Onlineangebot des ORF und die sogenannte „blaue Seite“, orf.at, zu. Forderungen, das Textangebot des ORF deutlich einzuschränken, wies Thurnher zurück.

Denn: Während private Medienhäuser selbst zunehmend auf Podcasts, Bewegtbild und andere multimediale Angebote setzen, wollen sie gleichzeitig eine Einschränkung für den ORF in diesem Bereich. Aber ein öffentlich-rechtliches Angebot vollständig aus bestimmten Medienformen herauszuhalten, entspreche aus ihrer Sicht nicht mehr dem tatsächlichen Nutzungsverhalten.

„Das ist einfach absurd“, sagte Thurnher mit Blick auf die Forderung, den ORF bei digitalen Textangeboten weitgehend einzuschränken. Gleichzeitig zeigte sie sich offen für eine Weiterentwicklung der „blauen Seite“ und verwies auf bereits länger diskutierte Möglichkeiten, österreichische Zeitungsangebote stärker einzubinden oder Verlinkungen zu österreichischen Medien anzubieten.

Kooperation statt Abgrenzung
Eine weitere zentrale Position betrifft das Verhältnis des ORF zu den privaten Medien. Thurnher betonte, dass der ORF grundsätzlich zu Kooperationen bereit sei. Gespräche mit privaten Medienhäusern seien wieder aufgenommen worden, verschiedene Vorschläge würden geprüft.

Dabei gehe es unter anderem um gemeinsame Initiativen zur Stärkung des Werbestandorts, die Weiterentwicklung gemeinsam genutzter Broadcasting-Infrastruktur sowie Kooperationen im österreichischen Medienmarkt.

Der ORF verstehe sich als „Infrastrukturpartner des gesamten österreichischen Medienstandorts“ und wolle zur Stärkung der heimischen Medienvielfalt beitragen. Eine Strategie, den ORF zugunsten privater Anbieter einzuschränken, lehnt Thurnher hingegen ab. „Das Einzige, was ich sage, was auf gar keinen Fall geht, ist die Nummer. Wir müssen den ORF beschränken, damit es uns besser geht.“ Stattdessen wolle sie „eine Vorwärtsstrategie gemeinsam mit den Privaten entwickeln“ und keine Abwehrstrategie.

Auch müssten wichtige Sportarten weiter im ORF zu sehen sein. Hier sieht die Generaldirektorin auch eine gute Möglichkeit für weitere Kooperationen, vor allem, weil sonst aufgrund der hohen Lizenzkosten Premiumsport künftig nur mehr im Pay-TV zu sehen sein könnte, warnt sie, so ihre Befürchtung.
Über allen programmlichen und technologischen Fragen steht für Thurnher aber die finanzielle Zukunftsfähigkeit des ORF. Der Sender befinde sich weiterhin auf einem intensiven Sparkurs, aber, so die ORF-Chefin: „Wir müssen darauf zählen können, dass wir eine vorhersehbare Finanzierung haben.“ Es gehe darum, zu verhindern, dass die finanzielle Grundlage für die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags kurzfristig wesentlich verändert werde. Der ORF bereitet in diesem Zusammenhang den Gang zum Verfassungsgerichtshof vor und hat nach eigenen Angaben auch die Medienbehörde über die derzeitigen finanziellen Schwierigkeiten informiert.

Allerdings machte die ÖVP in dieser Frage just am Tag des Pressegesprächs die Ankündigung, dass der ORF künftig nicht mehr via Haushaltsabgabe, sondern direkt aus dem Budget finanziert werden solle.
Eine Forderung, die zuvor bereits die FPÖ artikuliert hatte, die aber von Kritikern zurückgewiesen wird, öffne sie damit doch der Möglichkeit, via Budgetkürzungen direkt auf den ORF Einfluss nehmen zu können. Die SPÖ wies diese ÖVP-Forderung bereits mit dem Argument zurück, dass die Haushaltsabgabe quasi erst kürzlich ein­geführt worden sei und hier derzeit kein Änderungsbedarf zu erkennen sei.

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