Die Versorgung mit Arzneimitteln ist im Umbruch: Die Spannen der Apotheken sinken, die Kosten steigen inflationsbedingt. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch den Onlinehandel, der am liebsten auch rezeptpflichtige Produkte (Rx) versenden möchte. Doch auch dort wird es eng: Drogerieketten wie dm und andere wollen den etablierten Versandapotheken Konkurrenz machen. medianet sprach darüber mit Martina Egger, Österreich-Managerin von Redcare Pharmacy (Shop Apotheke).
medianet: Wo geht die Reise im Versandmarkt hin? Wie viel ist denkbar, wo ist das Limit?
Martina Egger: Ich glaube, dass das System immer hybrid bleibt. Das sehen wir auch in den Ländern, die komplett liberalisiert sind. In der ganzen EU hat jedes Land sowohl stationäre als auch Online-Apotheken. Menschen entscheiden sich, online zu bestellen, andere gehen stationär vor Ort. Das sind Themen, die pendeln sich dann meistens auf einer bestimmten Ebene ein, und wo die liegt, wäre Kaffeesudlesen. Was wir gerade sehen in einem Land wie Deutschland ist, dass wir am Rx-Markt ein Prozent Marktanteil haben. Da ist noch viel Raum. Ein guter Markt hat Platz für beide Systeme.
medianet: Jetzt hört man aus Deutschland, dass sich Drogerieketten und Amazon in Stellung bringen. Bisher schien das Match eher Onlineapotheke gegen stationäre Apotheke zu sein. Kommt eine neue Dynamik?
Egger: Alles, was man dazu denkt, ist höchst spekulativ und kann man überhaupt nicht bewerten. Bei uns ändert sich dadurch erst einmal nichts an sich. Unsere Gründer sind Apotheker und Apothekerinnen, und darauf ist das Geschäftsmodell aufgebaut. Drogeriemärkte sind nicht von Apothekern gegründet, und wir denken, dass es vielleicht doch ein schwierigeres Geschäft ist, als man denkt.
medianet: Im Online-Markt kommt nach der Shop Apotheke in Österreich lange nichts. Da ist ja wahrscheinlich auch entsprechend Platz für Mitbewerb?
Egger: Drogeriemärkte, die erst einmal keine Apotheke sind, sind ja nicht nur die Konkurrenz für die Online-Apotheken, sondern auch für die stationären Apotheken. Das ist der ganz normale Wettbewerb, der da stattfindet, und der Verbraucher braucht die Wahl und entscheidet.
medianet: Wie sehen Sie die Shop Apotheke positioniert?
Egger: Die Apotheke ist unser Kern, da kommen wir her, dabei bleiben wir. Wir erweitern das Sortiment in gesundheitsnahe Bereiche, also alles, was irgendwie Sinn macht, bei uns mitzubestellen, entweder rein aus der Produktperspektive heraus oder aus der Perspektive des Kunden. Mittlerweile haben wir eine breite Auswahl von Produkten zu Baby, Familie, Fitness, Supplements und Ernährung. Salopp gesagt: Man muss nicht krank sein, um bei uns zu bestellen, man darf auch gesund sein. Der andere Teil ist unser Marktplatzteil: Das sind Händler aus dem Nicht-Apothekenbereich, die über unsere Plattform auch ihr Sortiment anbieten. Wir haben unser Geschäftsmodell zudem erweitert mit Partnerschaften mit lokalen Apotheken, wodurch das Bestellen bei einer lokalen Apotheke vor Ort zur Abholung oder mit einer schnellen Lieferung möglich wird.
medianet: Mit wie vielen Apotheken arbeitet Sie zusammen?
Egger: Wir decken circa ein Drittel der Bevölkerung ab mit diesen lokalen Apotheken.
medianet: Das heißt, man bestellt über die Shop-Apotheke und holt es lokal ab?
Egger: Ja. Oder wir stellen umgekehrt einen Logistiker zur Verfügung, den die Apotheken dann nutzen können, um über uns zu liefern, sodass die sich um nichts mehr kümmern brauchen.
medianet: Reden wir noch über den Bereich mit rezeptpflichtigen Produkten – den Rx-Bereich: Sie hätten gerne, dass der Versand in Österreich wie in Deutschland erlaubt wird. Wie schätzen Sie die Chancen ein?
Egger: Wir hätten gerne, dass wir in jedem europäischen Land, in dem wir aktiv sind, vollwertig als Apotheke aktiv sein können und unser volles Angebot anbieten können. Dazu sind wir jetzt regulatorisch nicht in der Lage. Wir haben ein sehr stabiles Versandverbot gesetzlich in Österreich verankert und gleichzeitig eine Gesundheitsversorgung, die Richtung Digitalisierung gehen möchte. Ich stelle mir persönlich die Frage, wann der Punkt kommt, wo sich das beißt. Stichwort Telemedizin: Man möchte in die Telemedizin rein, man möchte in die digital-vor-ambulant-vor-stationär-Logik. Wir haben immer mehr Anwendungsfälle, wo man sagt: Das Versandverbot macht es sämtlichen Stakeholdern in diesem Land schwer. Also ein Ärztenotdienst, der keine Medikamente oder nur sehr geringe mitnehmen kann, ein 1450, das niemanden vorbeischicken kann mit einer Medikation. Ich glaube, dass es einfach Anwendungsfälle geben wird, wo man schauen muss, was da gesundheitstechnisch verhindert wird. Es gibt andere Länder, wie die Niederlande, die das gut vormachen und wo das System gut funktioniert.
medianet: Stationäre Apotheken argumentieren hier mit der Beratung.
Egger: Das ist der ganz große Punkt, zu verstehen, dass wir wirklich eine Apotheke sind. Wir machen alles wie eine Apotheke auch. Ein Mythos, den es immer gibt, ist: Da gibt es keine Beratung. Das ist nicht der Fall. Wir müssen jede Bestellung dokumentieren, inklusive Wechselwirkungschecks, inklusive Überdosierungschecks. Und wir müssen das den Behörden auf Knopfdruck im Zweifel dokumentieren können. In Deutschland ist die Shop Apotheke die meistgenutzte Informationsquelle für Konsumenten in Gesundheitsfragen. Wir haben eine hohe Zahl an Gesprächen pro Tag im pharmazeutischen Team. Patienten rufen an und haben ganz konkrete Fragen: ‚Ich habe hier das und das gelesen, was genau passiert da, soll ich mit meinem Arzt Rücksprache halten, was ratet ihr mir?‘
medianet: Haben Sie das Gefühl, dass im Apothekenbereich auch die Politik ein Interesse hat, irgendwas zu verändern?
Egger: Wir sind in Österreich Vorreiter, was Digitalisierungsthemen angeht – wenn man an digitale Behördenwege denkt. Da schaut Deutschland auf Österreich und fragt: Wie schaffen die das so schnell zu entwickeln? Ich glaube, die Politik muss sich damit beschäftigen, wie eine Gesundheitsversorgung und Steuerung in diesem Land aussehen soll. Vor anderthalb Jahren hat man über den Pharmaversand nicht mal gesprochen in Österreich. Es gab nicht mal einen Artikel dazu. Das ändert sich gerade. Als ich begonnen habe, durfte man Telemedizin nicht wirklich aussprechen. Und jetzt schreibt die ÖGK eine Telemedizinplattform aus. Ordinationen bauen sich selbst Anbindungen, dass man e-Rezepte vorbestellen kann und so weiter. Da ist schon einiges passiert.
medianet: Wie rasch kann der Wandel gehen?
Egger: Leider ist es in der Natur der Menschheit, erst zu reagieren, wenn die Krise da ist. Und ich glaube, da, wo wir die Krise ganz schnell bekommen, ist die Pflege. Wir haben Essen auf Rädern, wir haben mobile Pflegedienste und für Medikamente muss jeder einzelne Gepflegte sich eine Lösung überlegen. Der Bereich der Pflege zu Hause wird der erste Bereich sein, der voll durchdigitalisiert werden muss.
medianet: Abschließend noch ein Thema, das in der Branche polarisiert: Woher bekommen Sie Ihre Produkte? Hersteller sagen, dass sie nicht mit dem Versandhandel zusammenarbeiten, um stationäre Apotheken zu vergraulen. Aber irgendwo müssen Sie die Produkte ja herkriegen.
Egger: Wir kaufen da ein, wo lokale Apotheken in Österreich auch einkaufen.
medianet: Die lokalen Apotheken kaufen beim Großhandel …
Egger: Und auch beim Hersteller, je nachdem. Ich habe früher mit lokalen Apotheken eng zusammengearbeitet, und soweit ich weiß, wird Aspirin dann nicht beim Großhandel bezogen, wenn es eine große Menge ist, die man lieber beim Hersteller direkt einkauft. So ist es bei uns auch. Wir haben genau die gleichen Strukturen.
