„Fahrlässig, KI nicht hinzuzuziehen“
© T-Systems Austria
Peter Lenz
INDUSTRIAL TECHNOLOGY Redaktion 10.07.2026

„Fahrlässig, KI nicht hinzuzuziehen“

Peter Lenz ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei T-Systems Austria. Er spricht über IT-Souveränität, KI und Investitionen.

••• Von Georg Sohler

IT-Sicherheitsfragen und die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz sind Puzzlestücke der weltpolitischen Lage. Beide Themen stellen Europa vor große Aufgaben. T-Systems bietet dafür Lösungen an, die über das eigene wirtschaftliche Fortkommen hinausgehen, erklärt Peter Lenz im medianet-Interview. Er ist seit Jänner 2017 im Unternehmen und seit Anfang 2018 als Vorsitzender der Geschäftsführung von T-Systems Austria für die Großkundensparte der Deutschen Telekom in Österreich verantwortlich – zuvor arbeitete er unter anderem bei Magna, der OMV und der ÖBB.

medianet: Europa ringt spätestens seit der zweiten Amtszeit von Präsident Trump um Souveränität in Sachen IT. Das ist eine gute Entwicklung. Wo stehen wir?
Peter Lenz: Wie in vielen Bereichen hat man sich auch in der IT zu sehr auf die USA verlassen. Nun gab es ein Aufwachen und Europa erlebt derzeit einen strategischen Paradigmenwechsel. Digitale Souveränität ist kein politisches Schlagwort mehr, sondern eine unternehmerische Notwendigkeit. Genau dort sehen wir T-Systems seit Jahren positioniert. Wir investieren konsequent in europäische Cloud- und KI-Infrastrukturen – von unserer T Cloud über die Industrial AI Cloud bis hin zu branchenspezifischen Lösungen für SAP und das Gesundheitswesen. So ermöglichen wir Unternehmen und der öffentlichen Hand, Innovation, KI und Cloud zu nutzen, ohne Kompromisse bei Datenschutz, Compliance oder Kontrolle über ihre Daten eingehen zu müssen. Das ist heute ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

medianet: Beim Umsatz (+10%) und Auftragseingang (+15%) ist T-Systems Austria 2025 stärker gewachsen als der Markt (+4,3%). Sind die erwähnten Entwicklungen dafür verantwortlich?
Lenz: Einerseits hat die Frage nach Souveränität und Verlässlichkeit zugenommen, andererseits haben wir gezielt auf Zukunftsthemen gesetzt. Ein weiteres Beispiel ist das gemeinsame Offering ‚RISE with SAP‘, wo wir Premium-Supplier sind. Wer nicht auf US-amerikanische Hyperscaler setzen möchte, hat mit uns als Provider für die SAP-Lösung eine Alternative. Unser Wachstum ist aber kein Zufall und auch nicht allein das Ergebnis eines Markttrends. Wir haben in den vergangenen Jahren konsequent in Zukunftsfelder wie Cloud, KI, SAP und die Digitalisierung des Gesundheitswesens investiert und gleichzeitig auf langfristige, partnerschaftliche Kundenbeziehungen gesetzt. Gerade in einem Markt, der zuletzt von Unsicherheit geprägt war, schätzen Kunden einen verlässlichen Partner, der Innovation mit Stabilität verbindet.

medianet: Der Gesundheitsbereich gilt als Wachstumsmarkt, also auch für Ihr Unternehmen?
Lenz: Hierbei haben wir gezielt investiert, etwa die Patientenabrechnung mit T-Systems Solutions for HealthCare (TSHC) auf ein neues Level gehoben. Die Aktualität dieser Entwicklung wird durch bereits laufende Projekte belegt. Zwei Gesundheitsbetriebe, bei denen die TSHC-Lösung in der Praxis zum Einsatz kommt, sind die Tirol Kliniken und die Vinzenz Gruppe. TSHC ermöglicht dabei eine schrittweise Modernisierung der IT-Landschaft, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen.

medianet: Wo sehen Sie weitere Potenziale?
Lenz: Wer selber Patient ist, merkt, dass es noch Medienbrüche gibt. Hierbei geht es beispielsweise um die Verbindung von niedergelassenem Bereich, Ambulanz und Spital bei der Vorbereitung und Nachbehandlung der Patienten. Heute dürfen manche Daten nicht einmal das Bundesland verlassen. Wer hier eine österreichische beziehungsweise europäische Lösung anbietet, hat einen Vorteil. In dem Zusammenhang befassen wir uns auch intensiv mit Health-Content-Management-Systemen und KI, die darauf angewandt werden kann.

medianet: Was bedeutet das konkret?
Lenz: Bei bildgebenden Verfahren wird KI schon länger eingesetzt und bietet unschlagbare Vorteile. Ich bin mittlerweile so weit zu sagen, dass es in manchen Bereichen fahrlässig ist, nicht die Analysevorteile von KI hinzuzuziehen. Wir gehen noch weiter. Die Deutsche Telekom hat uns mit dem strategischen Einkauf der Firma Synedra aus Innsbruck neue Möglichkeiten eröffnet. Deren Lösung ist schon im Einsatz und wir können Daten intelligent verknüpfen. Wenn es in einem Spital bzw. bei einem Gesundheitsträger Auffälligkeiten im Datenpool gibt, erkennt die KI diese Muster. So können Personen gezielt zu einer prophylaktischen Untersuchung gebeten werden. Dadurch können Krankheitsbilder früher erkannt und somit Leidenswege verkürzt werden – das ist positiv für den Patienten und wirkt sich in Folge auch kostendämpfend für die öffentliche Hand aus.

medianet: Wie trägt die Industrial AI Cloud dazu bei, KI schneller, sicherer und wirtschaftlicher einzusetzen – das ist ein Feld, in das seitens T-Systems zuletzt ebenfalls investiert wurde. Welche Vorteile hat man nun?
Lenz: Mit unserer Industrial AI Cloud haben wir eine der leistungsfähigsten KI-Infrastrukturen Europas geschaffen. In unserem Rechenzentrum in München kommen 10.000 Grafikprozessoren der neuesten Nvidia-Generation zum Einsatz. Unternehmen erhalten damit Zugang zu modernster KI-Rechenleistung – in einer souveränen europäischen Umgebung, die höchste Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit und Datenhoheit erfüllt. Gerade für Industrieunternehmen und den öffentlichen Sektor ist das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Ein Beispiel aus der Simulationsrechnung: Wenn ein Turbinenhersteller früher die Aerodynamik einer Turbine berechnen wollte, dauerte ein einzelner Rechengang bis zu 14 Tage. Heute liegen die Ergebnisse innerhalb von zwei Stunden vor. Das verkürzt die Time-to-Market erheblich.

medianet: Das heißt, der KI-Hype ist in der Realität angekommen?
Lenz: Ja, definitiv. KI ist eine enorme Chance. Sie wird vielen unserer Kunden helfen, Innovation zu beschleunigen, ihre Produkte und Services weiterzuentwickeln und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Wirtschaftsstandorts zu stärken. Es gibt mittlerweile genug Beispiele für Anwendungen mit konkretem geschäftlichem Nutzen. Mit unserer KI-Fabrik in München schaffen wir die Basis für innovative Geschäftsmodelle und zeigen, dass Europa bei KI technologisch eine führende Rolle übernehmen kann. Die Frage lautet nicht mehr, ob Unternehmen KI einsetzen, sondern auf welcher Infrastruktur sie KI verantwortungsvoll betreiben. Mit der Industrial AI Cloud bieten wir hier die ideale Lösung. Unsere Kunden behalten jederzeit die Kontrolle über ihre Daten und KI-Workloads.

medianet: Wie nutzen Sie diese Möglichkeiten intern?
Lenz: Diese Mechanismen stehen natürlich auch unserer Belegschaft zur Verfügung. Automatisierung ist dabei ein weites Feld. Wir haben unser Wachstum der vergangenen Jahre mit einem gleichbleibenden Mitarbeiterstand geschafft. Das gelingt auch deshalb, weil die üblichen Medienbrüche mit verschiedenen Toolketten durch Agenten durchautomatisiert werden können. So kann man automatisch patchen lassen und muss das nicht in der Nacht oder am Wochenende machen. Wir setzen KI auch in Personal-, Finanz- oder Deliveryprozessen ein. Das ist auch eine Notwendigkeit, nicht nur bei uns im Haus. Im öffentlichen Bereich beispielsweise gehen ein Fünftel der Beamten in den nächsten fünf Jahren in Pension. Angesichts geburtenschwächerer Jahrgänge wird es immer schwieriger, alle Stellen nachzubesetzen. Umso wichtiger wird es sein, Prozesse intelligent zu automatisieren und so die Leistungsfähigkeit der Verwaltung langfristig zu sichern. Davon profitieren letztlich auch die Bürger.

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