Gastkommentar ••• Von Markus Nutz
WIEN. Schon im Herbst will die Regierung den Unter-14-Jährigen den Social Media-Zugang verwehren. Wie sich dies umsetzen ließe, wird aktuell geprüft. Aus meiner Sicht ist ein Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche der falsche Ansatz. Das Hauptmotiv für das Verbot ist, Jugendliche zu schützen. Besonders ihre psychische Gesundheit ist etwa durch Cyber-Mobbing, das Suchtpotenzial oder schädliche Inhalte in Gefahr. So weit, so richtig.
Der Reiz des Verbotenen
Das Problem an einem vollständigen Verbot ist jedoch, dass gerade für junge Menschen oft genau das interessant wird, was man ihnen vorenthält. Und sind wir ehrlich: Solange Jugendliche einen Internetzugang haben, gelangen sie dorthin, wo sie hinwollen.
Mittels VPN lässt sich der eigene digitale Standort für ein paar Euro im Monat in ein beliebiges Land verlegen, in dem Social Media nicht eingeschränkt ist. Zudem fördert der heimliche Konsum schlechte Nutzungsmuster, wie etwa nachts unter der Bettdecke – das verhindert auch jegliche Aufsicht durch die Eltern.
Abwanderung droht
Und selbst wenn man dieses Problem ausklammert, stellt sich noch ein weiteres: Denn was fangen die Jugendlichen denn in Zukunft mit der Zeit an, die sie sonst auf den verbotenen Social Media-Kanälen verbracht haben? Wer naiv ist, antwortet vielleicht „für die Schule lernen“ oder „sich draußen beschäftigen“, aber die Realität sieht
bei den meisten wohl anders aus.
Viel eher werden sich die betroffenen Jugendlichen andere Plattformen suchen, die vom Verbot nicht betroffen oder klein genug sind, um die Regelung zu umgehen. Das ist im Zweifel gefährlicher als die Nutzung der großen Plattformen, die zumindest einigermaßen moderiert werden.
Alter ist nicht gleich Reife
Natürlich ist Nichtstun auch keine Lösung. Sinnvoll wäre, Accounts junger Menschen einzuschränken – etwa durch Privat-Profile, Contentfilter oder maximale tägliche Nutzungszeiten. Das wären aus Usersicht verkraftbare Maßnahmen, deren Umgehung nicht nötig scheint. Die Verantwortung darf keinesfalls bei Kindern und Eltern enden, sondern muss auch von den Plattformen wahrgenommen werden. Zu guter Letzt ist Alter nicht unbedingt ein aussagekräftiges Kriterium. Mit einer Art „digitalem Führerschein“ könnte man hingegen die Reife feststellen und Regulierungen danach richten.
Markus Nutz gründete 2010 Spinnwerk und leitet seither als Geschäftsführer und Eigentümer die Wiener Digitalagentur.
