WIEN. Österreich würde mit dem Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche einem internationalen Trend folgen. medianet hat mit kraftwerk-CEO Heimo Hammer gesprochen.
medianet: Als Chef einer Agenturgruppe, die von der digitalen Dynamik lebt, müssten Sie doch eigentlich gegen so eine ‚analoge‘ Barriere Sturm laufen, oder?
Heimo Hammer: Wenn man abwägt zwischen freiem und unkontrolliertem Zugang zum Internet und Schutz unserer Kinder, würden fast alle sagen: Schutz unserer Kinder. Ideal wäre natürlich eine EU-weite Lösung für dieses Thema. Wenn wir zusehen, wie eine ganze Generation in algorithmischen Feed-Schleifen hängen bleibt, bevor sie überhaupt eine gefestigte Identität entwickelt hat, dann gefährden wir die digitale Gesellschaft von morgen: Wir brauchen geschützte Nutzer, keine süchtigen Kinder.
medianet: Wie erleben sie das als Vater?
Hammer: ‚Family First‘ ist meine wichtigste Leitlinie, aber das Handy ist heute oft das ‚dritte Kind‘ am Tisch, das dazwischenfunkt. Ich sehe den täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit. Die Faszination für TikTok oder Snapchat ist bei den Jungen enorm, aber die Fähigkeit zur kritischen Distanz fehlt in diesem Alter. Es ist wie beim Mopedfahren oder beim Alkohol: Klare Regeln helfen bei der Orientierung. Es geht nicht um Zensur, sondern um Schutzräume.
medianet: Kritiker sagen, ein nationales Verbot sei technisch kaum umsetzbar.
Hammer: Die technische Umsetzung ist natürlich die Achillesferse. Der politische Diskurs zeigt, dass zwischen politisch gewünschtem Schutz der Kinder und den Datenschützern mit dem ‚Ende des freien Zugangs zum Internets‘ die Lösung zu finden sein wird.
medianet: Wie soll man das Verbot in der Praxis kontrollieren?
Hammer: Der freie Zugang zum Internet muss erhalten bleiben, aber der Zugang zu bestimmten Plattformen sollte gesetzlich geregelt und technisch überprüft werden.
medianet: Müssen wir dann für jedes Katzenvideo den digitalen Ausweis zücken?
Hammer: Wir könnten die ID Austria als digitalen Türsteher nutzen, der nur den Daumen hebt oder senkt, ohne den Ausweis und Daten aus der Hand zu geben. Hierbei wäre eine EU-weite Lösung wichtig.
medianet: Jugendliche sind kreativ. Ein VPN-Tunnel, ein ausländischer Account und schon ist das Verbot umgangen. Macht sich der Gesetzgeber nicht lächerlich?
Hammer: Wir dürfen das Beste nicht zum Feind des Guten machen. Wenn wir 80 Prozent der Kinder aus den toxischen Algorithmen heraushalten, haben wir schon gewonnen. Wir sehen seit 2025, dass die Plattformen bei hohen Strafandrohungen sehr wohl in der Lage sind, Geoblocking und Verifikations-Hürden ernsthaft umzusetzen.
medianet: kraftwerk kooperiert eng mit OGM, um datenbasierte Strategien zu entwickeln. Zeigen Ihnen die Daten hier eine Gefahr, die wir unterschätzen?
Hammer: Die Polarisierung und der soziale Druck steigen durch die algorithmische Sortierung von Inhalten massiv an. Wenn Zwölfjährige mit Schönheitsidealen oder politischen Extremen konfrontiert werden, die durch KI-gesteuerte Feeds multipliziert werden, dann ist das eine Überforderung. Qualitativ hochwertige Daten zeigen uns, dass digitale Kompetenz nicht bedeutet, eine App bedienen zu können, sondern zu verstehen, wie sie einen beeinflusst. Ein späterer Einstieg gibt Zeit, die Jugendlichen so gut es geht darauf vorzubereiten.
medianet: Werden Marken durch dieses Verbot nicht eine wichtige Zielgruppe verlieren?
Hammer: Wenn eine Marke darauf angewiesen ist, Elfjährige auf TikTok zu bespielen, um erfolgreich zu sein, dann hat sie ein langfristiges Problem mit der Marke. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit jungen Zielgruppen zahlt sich langfristig mehr aus als ein kurzfristiger Hype im Kinderzimmer.
medianet: Was sagen die Daten zur Akzeptanz von solchen Hürden in der Bevölkerung?
Hammer: Die aktuellen OGM-Zahlen von Anfang Februar 2026 sind eindeutig: Laut Marie-Sophie Bachmayer befürworten 84 Prozent der Österreicher ein gesetzliches Verbot, und über 90 Prozent wollen klare Altersgrenzen. Wenn wir es schaffen, den freien Zugang zum Internet zu behalten und die Kinder technisch zu schützen, haben alle gewonnen. Wir machen das Internet nicht kaputt, wir machen es für die nächste Generation einfach nur ein Stück weit sicherer.
