•• Von Oliver Jonke und Christian Novacek
Der CEO der SES Spar European Shopping Centers Christoph Andexlinger erklärt im medianet-Interview, warum Shoppingcenter für ihn längst mehr sind als reine Handelsorte. Er spricht über stabile Besucherfrequenzen, den wachsenden Anteil von Gastronomie und neue Angebote wie Kultur oder Gesundheit.
medianet: Herr Andexlinger, welche Trends sehen Sie aktuell im Betrieb von Shoppingcentern?
Christoph Andexlinger: Es ist viel in Bewegung. Der Handel bleibt zwar Kern, aber die Gastronomie prägt unsere Standorte immer stärker. Dazu kommen je nach Haus Themen wie Kultur, Bildung oder Gesundheit. Entscheidend ist Relevanz: Was brauchen Menschen im Alltag – und was nicht mehr?
medianet: Und wie entwickeln sich vor diesem Hintergrund die Besucherfrequenzen?
Andexlinger: Erstaunlich stabil, teils sogar wachsend. Obwohl das Umfeld schwierig ist, sind wir zufrieden. Offenbar ist die Stimmung der Menschen besser, als sie medial oft dargestellt wird – und Stimmung ist im stationären Handel ein zentraler Faktor.
medianet: Wie lautet da die zugehörige Positionierung?
Andexlinger: Wir sprechen heute bewusst von Shoppingdestinationen. Sie sind Lebensräume, in denen Handel, Gastronomie und zusätzliche Services zusammenkommen. Diese Plattform nutzen zunehmend auch Unternehmen ohne eigenen Shop – für Promotions, Präsentationen oder temporäre Auftritte. Für alles gilt: Es muss Qualität haben und zum Ort passen.
medianet: Wie sehen Sie die Zukunft von Shoppingcentern? Ist die Bereinigung bereits abgeschlossen?
Andexlinger: Noch nicht ganz, aber wir glauben, die Talsohle ist durchschritten. Menschen wollen dorthin, wo Menschen sind. Gastronomie ist Erlebnis, das Haptische und Analoge gewinnt an Bedeutung. Unser Leitbild lautet auf pulsierende Lebensräume mit Kundenrelevanz. Und dabei braucht es dann auch mal den Mut, nicht nur immer etwas dazuzupacken, sondern bei Bedarf auch mal zu reduzieren.
medianet: Wo expandiert die SES derzeit?
Andexlinger: In Italien haben wir ein Center in Bassano del Grappa erworben, in Slowenien einen Retailpark nahe Ljubljana. In Kroatien haben wir den Baustart für einen Spar in Varaždin. Gleichzeitig investieren wir stark qualitativ: Refurbishments, Technik, neue Nutzungen.
medianet: Stichwort Bodenversiegelung – wie gehen Sie damit um?
Andexlinger: Sorgsam. Wenn möglich, werten wir bereits versiegelte Flächen auf. Wichtig ist auch die Einordnung: Handel verursacht in Österreich inklusive Park- und Logistikflächen lediglich rund 1,2 Prozent der versiegelten Gewerbefläche. Natürlich tragen wir Verantwortung, aber die Debatte wird oft verkürzt geführt.
medianet: Nachhaltigkeit wirkt in vielen Unternehmen gerade etwas weniger präsent. Wie ist das bei Ihnen?
Andexlinger: Bei uns ist das Teil der DNA. Intern nennen wir es Enkeltauglichkeit. Wir haben investiert: Photovoltaikflächen, LED-Umstellungen, moderne Kälte- und Wärmetechnik, Energiemanagement. Und wir testen KI zur Optimierung von Lüftung und Beleuchtung – selbst in gut eingestellten Häusern erzielen wir beim Energieverbrauch noch Einsparungen zwischen zehn und fünfzehn Prozent. Man muss dabei aber die gesamte Kette rechnen, weil KI auch Ressourcen braucht. Aber die Richtung stimmt.
medianet: Ihr Fazit?
Andexlinger: Nachhaltigkeit ist nicht Greenwashing, sondern langfristig schlau. Sie rechnet sich ökologisch und ökonomisch – und sie macht unsere Shoppingdestinationen zukunftsfähig.
medianet: Sie investieren auch stark in bestehende Häuser. Welche Projekte stechen derzeit heraus?
Andexlinger: Der Sillpark Innsbruck ist ein großes Refurbishment. Einerseits bringen wir das Haus technisch und gestalterisch auf den neuesten Stand, andererseits kommt eine Nutzung dazu, die es in dieser Dimension so noch nicht gab: ein Gesundheitspark. Gemanagt wird er von der Vinzenz-Gruppe, einem großen privaten Betreiber von Gesundheitseinrichtungen. Wir investieren im Sillpark bis Herbst ’26 insgesamt rund 30 Millionen Euro; davon fließen über zehn in den Umbau des zweiten Obergeschoßes für den Gesundheitspark.
medianet: Und der Europark Salzburg?
Andexlinger: Dort erweitern wir um rund 6.000 Quadratmeter. Gleichzeitig achten wir darauf, dass keine zusätzliche Flächenversiegelung entsteht, wenn es nicht notwendig ist – etwa weil die Tiefgarage seit Jahrzehnten vorhanden ist. Insgesamt sprechen wir beim Europark von Investitionen in Höhe von über
40 Millionen Euro.
medianet: Sie haben auch Kroatien und Zagreb erwähnt. Was passiert dort?
Andexlinger: In Zagreb modernisieren wir das King Cross umfassend. Wir haben das Haus erst seit wenigen Jahren im Eigentum. Man sieht dort deutlich, was passiert, wenn über lange Zeit zu wenig investiert wird: Man muss viel aufholen. Trotzdem haben wir während des Umbaus bei der Frequenz nur rund zehn Prozent verloren. Das zeigt, wie stark solche Orte in den Gewohnheiten der Menschen verankert sein können. Ein Schwerpunkt ist auch hier die Gastronomie: Sie wird künftig als Magnet deutlich aufgewertet – mit einem Village-Konzept, das innen wie außen stärker verbindet.
medianet: Was meinen Sie hier konkret mit ‚innen und außen stärker verbinden‘?
Andexlinger: Früher war die Logik vieler Shoppingcenter: alles spielt sich innen ab. Wir ändern das. Außenanbindungen, Freiflächen, Schnittstellen zur Stadt werden wichtiger. Dort, wo wir es bereits umgesetzt haben, sieht man, dass Besucher das annehmen – und es stärkt natürlich die Gastronomie.
medianet: Welche Rolle spielt Mobilität in Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie?
Andexlinger: Eine große. Wir bauen E-Ladepunkte aus, unterstützen zusätzliche Haltestellen und Projekte im öffentlichen Verkehr. In Graz beim Citypark ist eine neue Straßenbahnlinie ein Thema, in Italien in Padua ebenfalls. Mobilität wird sich in den nächsten zehn Jahren stark verändern. Wir wollen unsere Standorte dafür vorbereiten.
medianet: Wenn Sie all das zusammenfassen – was ist der rote Faden?
Andexlinger: Das ist immer die Kundenrelevanz! Wir müssen Handelsorte so weiterentwickeln, dass sie im Alltag der Menschen eine Funktion haben: einkaufen, essen, erleben, Services nutzen – und dabei ressourcenschonend wirtschaften. Enkeltauglichkeit ist dafür ein gutes Wort, weil es den Zeithorizont richtig setzt.
Das gesamte Interview sehen Sie auf: tv.medianet.at
