Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
ERREGUNGSKURVEN. Die Welt wird nicht von den Besten regiert, sondern von den Verlässlichsten (frei nach Max Weber). Die Mittelmäßigkeit hat heutzutage ein Imageproblem. Sie gilt als das, was übrig bleibt, wenn Talent fehlt, Ehrgeiz schwindet und Exzellenz nie ein Thema war. Dabei ist sie womöglich die stabilste Kulturleistung der Moderne. Denn während Genialität selten und meist anstrengend ist – auch für die, die im Parkett zusehen –, hält die Mittelmäßigkeit die Gesellschaft zusammen und das Werkl am Laufen.
Sie steht pünktlich auf, erledigt ihre Aufgaben ordentlich und geht abends nach Hause, ohne LinkedIn darüber zu informieren. Mittelmäßigkeit ist verlässlich und verspricht nichts, was sie nicht halten kann. In einer Zeit, in der jede Powerpoint-Präsentation „Disruption“ verspricht (#gewinnermindset!) und jede Idee „transformativ“ ist, wirkt das fast schon angenehm subversiv.
Historisch betrachtet ist Mittelmäßigkeit in bester Gesellschaft. Die meisten von uns geschätzten Institutionen bestehen nicht wegen visionärer Ausnahmefiguren, sondern trotz dieser. Fortschritt, so betrachtet, ist oft weniger das Werk brillanter Einzelner als das Resultat geduldiger, harte Bretter bohrender Durchschnittlichkeit.
Ironischerweise ist es gerade das Außergewöhnliche, das die Mittelmäßigkeit heute attraktiv macht. Wenn alles exzellent, innovativ, einzigartig und ein bahnbrechender Gamechanger ist, wird das Eckerlstehen im Mittelmaß zum letzten Ort realistischer Selbsteinschätzung. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Ohne Mittelmäßigkeit keine Normalität, ohne Normalität keine Abweichung und ohne Abweichung erst recht keine Genialität. Eine Verbeugung.
Nachtrag: „Selbst eine mittelmäßige KI ist schon heute besser als eine mittelmäßige Führungskraft“, erklärt José Parra Moyano, Professor für Digital Strategy am IMD Lausanne, im aktuellen Harvard Business Manager. Aber das ist eine andere Geschichte. Und eigentlich unfair.
