Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
MEMENTO MORI. Migration, Pandemie, Krieg, Energiepreisexplosion, Inflation, politische und gesellschaftliche Erschütterungen: Spätestens seit der europäischen Flüchtlingskrise 2015 verfolgt ein Ausnahmezustand den nächsten. Dazu kommen Extremwetter, wirtschaftliche Verwerfungen und technologische Umbrüche. Wer behauptet, die vergangenen zehn Jahre seien eine Phase der Stabilität gewesen, war vermutlich irgendwo eingemauert.
Aufgaben der Kunst im Lichte der Discokugel
Apropos „eingemauert“: Im Zuge der Umbauarbeiten des Wiener Volkskundemuseums wurde im November 2025 eine Zeitkapsel im Mauerwerk des historischen Gartenpalais Schönborn deponiert. Mit dieser symbolischen Geste wollte das Museum „einen Moment der Gegenwart für kommende Generationen bewahren“. Der Inhalt: eine Urkunde mit Unterschriften der Beteiligten, eine Tageszeitung vom 27. November, eine Regenbogenfahne, Sojabohnensamen – und eine Discokugel.
Welche Schlüsse die Nachwelt einmal aus dieser Momentaufnahme ziehen wird? Dass eine Gesellschaft veganer Partypeople sich ein Denkmal setzen wollte? Die Schlagzeilen am 27. November dominierten der Stabilitätspakt, die Wirtschaftskammer-Reform, der Black Friday, Österreichs Fußball-WM-Qualifikation und ein Lawinenabgang am Stubaier Gletscher. Wenig krisenhaft, aber eine bunte Themenpalette …
Welche Gegenstände hätten sich eher angeboten, um eine realitätsnähere Collage „eines Moments der Gegenwart“ anzubieten? Drohnen, Gasrechnungen, ein MAGA-Kapperl?
„Die Aufgabe der Kunst ist es nicht, die Wirklichkeit zu kopieren, sondern eine Wirklichkeit zu schaffen“, postulierte, so heißt es, Pablo Picasso. Dann also doch die Discokugel. Sie wirft ein bisschen Licht in alle Richtungen – und zerlegt die Wirklichkeit in viele kleine, glitzernde Fragmente. Perfekt eigentlich. Auch für den Fall, dass die Zukunft irgendwann wieder etwas zu feiern hat.
