Mehr neue Musik, weniger Mainstream
© Pirate Radio
Kathi Stifter und Toni Kotov präsentieren abwechselnd jeden Sonntag das „Release Radar“ auf Pirate Radio.
MARKETING & MEDIA Redaktion 05.06.2026

Mehr neue Musik, weniger Mainstream

Pirate Radio-Channel Manager Toni Kotov über das „Release Radar“ als kuratierten Gegenpol zu Streamingplattformen.

••• Von Jakob Klawatsch

Während viele Radiosender bewährte Hits rauf und runter spielen, macht Pirate Radio bewusst Platz für musikalische Neuentdeckungen. Mit dem Format „Release Radar“, das jeden Sonntag um 13 Uhr abwechselnd von Kathi Stifter und Toni Kotov präsentiert wird, will der Digitalsender von kronehit aktuelle Releases und aufstrebende Künstlerinnen und Künstler ins Rampenlicht rücken.
Im Gespräch mit medianet erklärt Toni Kotov, Channel Manager von Pirate Radio, warum Musikentdeckung nicht nur auf Streamingplattformen funktioniert, welche Rolle österreichische Acts dabei spielen und warum echte Handarbeit wichtiger ist als Algorithmen.

medianet: Herr Kotov, über Radio gibt es das alte Klischee: Es laufen immer die gleichen Songs. Ist Pirate Radio bewusst als Gegenpol dazu gedacht?
Toni Kotov: Definitiv. Das Klischee stimmt in gewisser Weise ja auch. Viele Radiohörerinnen und -hörer werden mit der Zeit eher konservativ beim Musikgeschmack und hören gerne Songs, die sie bereits kennen und mit positiven Erinnerungen verbinden. Große Sender setzen deshalb oft weniger auf neue Musik. Genau da wollen wir ansetzen: Pirate Radio versteht sich als Gegenpol: Wir spielen sehr breit und vielfältig, haben eine hohe Rotation an Songs und viele spezialisierte Formate. Das ‚Release Radar‘ ist dabei noch einmal gezielt auf neue Musik fokussiert.

medianet: Pirate Radio gibt es bald zwei Jahre. Wann kam die Idee zum ‚Release Radar‘?
Kotov: Das Format gibt es jetzt ungefähr seit einem Jahr. Die Grundidee war, angehenden Künstlerinnen und Künstlern, vor allem aus Österreich, aus der alternativen Szene eine Plattform zu geben. Mainstreamsender spielen zwar teilweise österreichische Musik, aber die Alternative-Bubble bleibt oft auf der Strecke. Wir wollten schauen, ob man aufstrebende Acts gemeinsam mit etablierten Brands wie etwa den Foo Fighters präsentieren kann. Dieser Mix funktioniert gut und das Feedback war von Anfang an sehr positiv.

medianet: Wie wählen Sie die Künstlerinnen und Künstler aus, die im ‚Release Radar‘ vorgestellt werden?
Kotov: Das passiert tatsächlich sehr viel in Handarbeit. Jeden Freitag setzen wir uns in der Redaktion zusammen und schauen uns an, welche Releases in der Woche erschienen sind. Dazu kommen Bemusterungen von Labels, Independent-Artists oder Hinweise aus der Community. Auch Hörerinnen und Hörer schreiben uns oft und sagen: ‚Das ist euch letzte Woche durchgerutscht.‘ Daraus versuchen wir dann einen ausgewogenen Mix zu bauen, mit Fokus auf österreichischen Artists und einer guten Balance zwischen bekannten und neuen Namen und männlichen und weiblichen Artists.

medianet: Weil Sie von ‚Handarbeit‘ sprechen: Welche Rolle spielt KI bei Pirate Radio?
Kotov: Eigentlich keine große. Natürlich gibt es technische Tools, die einem beim Grundgerüst unterstützen. Aber die eigentliche Playlist und der Flow werden bei uns täglich händisch gebaut. Wir überlegen uns genau, wie sich Genres, Sprache und Tempo abwechseln können. Das ist auch ein Unterschied zu Streamingplattformen: Wir reagieren etwa bewusst auf aktuelle Ereignisse.

medianet: Stichwort Streamingplattformen: Spotify, Apple Music und Co. leben ja ebenfalls stark von Musikentdeckung. Wie schwierig ist es für Radio, da mitzuhalten?
Kotov: Sehr schwierig, weil mittlerweile unglaublich viel Musik produziert wird. Du bekommst sogar KI-generierte Songs zugeschickt und musst entscheiden, wie du damit umgehst. Streamingplattformen haben natürlich den Vorteil ihrer Algorithmen. Aber genau da sehen wir unsere Aufgabe: Wir wollen kuratiert Songs und Artists hervorheben, die vielleicht unter dem Radar geblieben wären – daher auch der Name ‚Release Radar‘. Und Radio ist, im Gegensatz zu Streamingplattformen, gratis!

medianet: Es geht also mehr als nur um eine Playlist?
Kotov: Genau. Wenn uns ein Artist schreibt, dass nach zehn Jahren Pause ein neues Album erscheint, dann erzählen wir diese Geschichte auch on air. Wir sprechen darüber, wie ein Song entstanden ist oder worum es darin geht. Dadurch bekommt Musik eine zusätzliche Ebene.

medianet: Hat Pirate Radio mit diesem Ansatz eine Sonderstellung am österreichischen Radiomarkt?
Kotov: In gewisser Weise schon. Wir beobachten etwa gerade sehr stark, dass in der alternativen Musikszene Punk und Hardcore wieder zurückkommen. Viele junge Leute hören wieder ‚rebellische‘ Musik und weniger Deutschrap. Bands wie Leftovers oder Salò funktionieren derzeit extrem gut. Als Radiosender können wir solche Trends frühzeitig aufgreifen, das ist schon ein spannender Aspekt unserer Rolle.

medianet: Pirate Radio steht für alternative Musik, gleichzeitig sind Sie trotzdem ein Radiosender, der Reichweite aufbauen muss. Wie schafft man den Balanceakt zwischen ‚alternativ‘ und trotzdem massentauglich?
Kotov: Das funktioniert über Emotionen, Nostalgie und Wiedererkennbarkeit. Auch im Alternative-Bereich gibt es Bands, die viele Menschen mit Erinnerungen verbinden – Red Hot Chili Peppers, System of a Down oder Kings of Leon etwa. Diese Acts bilden eine Brücke: Sie sind alternativ genug, um sich vom Mainstream abzugrenzen, aber trotzdem vertraut genug, damit Leute dranbleiben.

medianet: Welche Rolle spielt Pirate Radio grundsätzlich in der Digitalstrategie von kronehit?
Kotov: Unser Ziel ist relativ simpel: Möglichst viele Menschen über den Tag verteilt möglichst lange an uns zu binden. Das schaffen wir über ein klares Produktversprechen. Wir wollen wenig bis gar keinen Mainstream spielen und ein Community-Gefühl erzeugen. Die Menschen hinter Pirate Radio leben und lieben diese Musik selbst, und genau das soll man auch hören.

medianet: Wie fällt bisher das Feedback zu Ihrem Sender aus?
Kotov: Sehr positiv, sowohl von den Hörerinnen und Hörern als auch von den Artists. Viele schreiben uns, dass sie bestimmte Bands vorher gar nicht am Schirm hatten und jetzt mehr darüber wissen wollen. Und Artists kommen mittlerweile aktiv auf uns zu. Genau das wollten wir erreichen: eine Plattform schaffen, die Musik sichtbar macht, die sonst vielleicht untergegangen wäre.

medianet: Frage zum Schluss: Was planen Sie als nächste Schritte für Pirate Radio und das ‚Release Radar‘?
Kotov: Am 21. Juni feiern wir unseren zweiten Geburtstag und planen dafür einige Programmschwerpunkte, etwa Playlists, die sich auf bestimmte Genres und Jahrzehnte konzentrieren. Wir wollen unser Motto ‚So anders wie du‘ noch stärker ausleben, mit Specials, Gewinnspielen und neuen Kooperationen. Gleichzeitig soll das ‚Release Radar‘ weiter wachsen und sich noch stärker als Plattform für junge Künstlerinnen und Künstler etablieren. Im Idealfall sehen Acts uns irgendwann auch als Sprungbrett zu mehr Reichweite oder vielleicht sogar zu einem Labeldeal.

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