•• Von Oliver Jonke und Christian Novacek
BeeWild-Initiator und Frutura-Mitgründer Manfred Hohensinner hat den Artenschutz zu einem zentralen Anliegen gemacht. Im Gespräch mit medianet-Herausgeber Oliver Jonke erzählt er, wie aus persönlichen Erfahrungen eine Initiative entstand, die Landwirtschaft, Unternehmen und Konsumenten für den Erhalt der Artenvielfalt gewinnen will. Dabei setzt Hohensinner auf konkrete Maßnahmen, die sich auch wirtschaftlich rechnen sollen.
medianet: Sie sind als kleiner Bergbauer gestartet. Wie kam es zur Entwicklung von Frutura?
Manfred Hohensinner: Ich bin in der Oststeiermark sehr karg aufgewachsen. Wir haben das Korn noch per Hand geschnitten, und ich musste als Kind die Ähren aufheben, die auf den Boden gefallen waren, damit kein einziges Korn verloren geht. Das hat mich unglaublich geprägt. Später war ich Landwirt, dann auch elf Jahre Lkw-Fahrer. Neun Jahre davon war ich im damaligen Osten unterwegs, vier Jahre in Russland und der Ukraine. Was mich dort besonders geschockt hat, war der Umgang mit der Umwelt. Diese Gegensätze haben in mir etwas ausgelöst: Ich wollte etwas tun, um unsere Lebensgrundlage zu erhalten.
medianet: Was Sie getan haben, resultierte in der Gründung von Frutura – wie kam es dazu?
Hohensinner: Zwetschgen wurden damals aus dem Osten importiert und ich dachte mir: Die wachsen bei mir auch! Also habe ich auf meinem kleinen Bergbauernhof Zwetschgen gepflanzt und wurde natürlich für verrückt erklärt. Ich habe versucht, gute Qualität zu produzieren und die Region mitzunehmen. Meine Formel ist einfach: Lebensmittel müssen sauber und nachhaltig produziert werden, aber das hilft alles nichts, wenn sie nicht schmecken. Wenn der Konsument den Geschmack erkennt und dann noch die Region dazukommt, hat man eine Marke. Das war der Grundstein für Frutura.
medianet: Heute steht dahinter ein Unternehmen ganz anderer Größenordnung.
Hohensinner: Heute sind wir Teil einer Gruppe mit rund 750 Millionen Euro Umsatz und gut 1.000 Mitarbeitern. Das hätte ich mir selbst nicht gedacht. Aber Zahlen sind Zahlen. Entscheidend sind für mich die Art, wie man produziert, und die Menschen. Sie sind in jeder Firma das wichtigste Kapital. Nachhaltigkeit klingt vielleicht schon etwas abgelutscht, aber sie ist unsere DNA. Wir haben teilweise 15 Jahre früher Weichen gestellt, bevor andere überhaupt daran gedacht haben.
medianet: Die Weichenstellung lautete schließlich auf den klingenden Namen BeeWild.
Hohensinner: Für uns als Obst- und Gemüseproduzenten sind Bestäuber und Insekten überlebenswichtig. Also muss ich mir Gedanken machen, was ich tun kann, um diese Grundlage zu erhalten. Die Idee zu BeeWild entstand Ende 2017.
medianet: Wie lautet diese Idee konkret?
Hohensinner: Die Idee hinter BeeWild ist, die Biodiversität zu fördern, die Menschen ins Tun zu bringen, die Widerstandsfähigkeit der Lebensmittelproduktion zu stärken und vieles mehr. In Österreich gibt es ungefähr zwei Mio. Gartenbesitzer. Wenn jeder auf nur einen Quadratmeter eine Bienenwiese mit geeigneten Pflanzen anlegt, kommt sofort Natur zurück. Und wenn 500 Meter weiter der Nächste dasselbe macht, entstehen Trittsteinbiotope. Viele Insekten bewegen sich nur in einem relativ kleinen Radius. So können wir einen Biodiversitätsgürtel aufbauen. Jeder kann vor seiner Haustür etwas tun.
medianet: Dazu kommt Ihr Zehn-zu-eins-Modell für die Landwirtschaft.
Hohensinner: Zehn Hektar Produktionsfläche werden mit einem Hektar Biodiversitätsfläche kombiniert. Unser erstes Projekt haben wir bei Kartoffeln im Marchfeld gemacht. Bei 140 Hektar Kartoffeln wollten wir 14 Hektar Biodiversitätsflächen anlegen. Anfangs waren die Bauern skeptisch.
Ich habe ihnen damals aus privater Tasche mehr für diese Flächen bezahlt, als sie mit den Kartoffeln verdient hätten, plus Bearbeitung. Ein Jahr später wollten sie die Biodiversitätsfläche verdoppeln. Sie hatten viel weniger Kartoffelkäfer, weil die Nützlinge zurückkamen. Und obwohl wir jeden zehnten Hektar aus der Produktion genommen hatten, war die Produktion auf der verbleibenden Fläche höher.
medianet: Wie können Konsumenten BeeWild unterstützen?
Hohensinner: Mit einem Euro kann man einen Quadratmeter schützen. Die Flächen sind GPS-gestützt erfasst und nachvollziehbar. Man kann aber auch zu Hause etwas machen – selbst wenn man nur einen Blumentopf zur Verfügung hat.
medianet: Und was können Unternehmen tun?
Hohensinner: Wir haben unterschiedliche Partnerpakete. Entscheidend ist die Nachvollziehbarkeit. Wir haben bisher rund 500 Hektar Biodiversitätsflächen geschaffen, die digital einsehbar sind. Wer einen Quadratmeter schützt, bekommt die GPS-Daten und kann zu der Fläche hinfahren.
medianet: BeeWild wird auch von zahlreichen prominenten Unterstützern begleitet.
Hohensinner: Ja, und sie machen das aus Überzeugung. Das reicht von Elina Garanča über Sebastian Vettel und Andreas Gabalier bis zu Dominic Thiem und Lizz Görgl.
medianet: BeeWild soll demnach international wachsen?
Hohensinner: Wir setzen bereits teilweise Projekte im Ausland um. Biodiversität und Klimawandel sind globale Probleme. Wir stehen deshalb in engem Austausch mit Agrarklimaforschern. Wir müssen das System grundlegend verändern – mit Humusaufbau, Wasserspeicherung in Böden und Begrünung.
medianet: Wollen Sie auch wissenschaftlich belegen, dass das Modell funktioniert?
Hohensinner: Ja, genau. Deshalb haben wir eine Biodiversitätsstudie in Auftrag gegeben. Wir untersuchen, welches Nahrungsangebot unterschiedliche Kulturen und Flächen für Insekten bieten. Auf einem Maisacker gibt es praktisch nichts, weil nichts blüht.
medianet: Wie geht man dann vor?
Hohensinner: Aus unseren Erkenntnissen entwickeln wir mit Partnern Samenmischungen. Unser Standard umfasst rund 50 Pflanzen und Blumen, darunter auch vom Aussterben bedrohte Arten. Diese Flächen beginnen im April oder Mai zu blühen und halten bis Mitte August durch. Wir wollen solche Flächen künftig auch entlang stark befahrener Straßen anlegen. Wenn die Menschen sehen, dass es funktioniert, können wir eine Community aufbauen. Wir haben es selbst in der Hand.