LANA / MAILAND. Die Gondeltüre schließt sich, ein sanfter Ruck, dann beginnt die Fahrt. Fünfeinhalb Minuten braucht die 1912 erbaute Seilbahn vom Talort Lana hinauf zum Vigiljoch, und mit jedem Meter, den die Gondel den Berg erklimmt, fällt etwas von einem ab. Die Anspannung vielleicht, die To-do-Listen im Kopf, das ständige Gefühl, eigentlich noch rasch etwas erledigen zu müssen. Keine Straße führt hier herauf, nur die Gondel oder der Fußweg, und so entzieht sich der Berg seit über einem Jahrhundert jeder Beschleunigung, weil er sie schlicht unmöglich macht. Der Blick weitet sich das Etschtal entlang, verfängt sich in den nahen Dolomiten und saugt das dichte Grün der Nadelwälder auf, und langsam beginnt man die Magie des Ortes zu spüren.
Botanische Architektur …
Ein letzter Ruck holt die Realität zurück. Die Türen öffnen sich, der erste Atemzug, und die Luft riecht nach Lärche und Erde, nach Wind und Weite. Vom Bergbahnhof sind es nur wenige Meter, ein Weg, der sich durch den Lärchenwald schlängelt, und unwillkürlich fragt man sich: Wo ist es? Denn zunächst sieht man das Hotel nicht. Es liegt da wie ein umgestürzter Baumstamm, der den Konturen des Bergrückens folgt, die Lärchenlamellen der Fassade verstärken den Eindruck, und einen Moment lang ist nicht zu entscheiden, ob man ein Gebäude vor sich hat oder ein Stück Landschaft.
Genau in diesem Moment des Zögerns liegt die ganze Philosophie des Mannes, der das Vigilius Mountain Resort entworfen hat. Für Matteo Thun beginnt kein Projekt am Reißbrett. „Ich komme mit Pinsel und Aquarellfarben an, lange bevor ich mit Bleistift und Plan denke“, erzählt er. „Ich setze mich vor den Ort und halte fest, was ich sehe. Das Aquarell verzeiht keine Korrektur, und genau das ist der Punkt. Was im Augenblick auf das Blatt kommt, das bleibt.“ Die Strenge dieser Methode hat er von Oskar Kokoschka gelernt, der ihn lehrte, lange genug zu schauen, um das Wesentliche zu erfassen.
… ist kein Trend, sondern …
„Diese Bilder sind kein Entwurf. Sie sind der Ausdruck einer emotionalen Wahrnehmung, und sie zeigen mir, wie sich ein Haus in die Landschaft fügt, bevor ich auch nur einen Stein bewege.“
Was Thun in diesen ersten Aquarellen sucht, trägt einen Namen, der so alt ist wie die Baukunst selbst. Den Genius Loci, die Seele des Ortes. „Das genaue Studium eines Platzes und all dessen, was ihn ausmacht, ist für mich keine Kür, sondern Voraussetzung“, sagt er. „Man muss Zeit an einem Ort verbringen, ehe man ihn versteht, und erst dann darf man entwerfen.“
Für Thun kehrt sich damit das übliche Verhältnis um. „Die meisten glauben, ein Architekt erlege einem Ort seinen Willen auf. Ich sehe es genau umgekehrt. Die Landschaft gibt vor, welche Form möglich ist und welches Material hingehört. Meine Aufgabe ist es, zuzuhören.“
… Rückkehr zu einer …
Am Vigiljoch hieß zuhören, das Lärchenholz der Südtiroler Wälder sprechen zu lassen. Es empfängt einen schon beim Aussteigen aus der Gondel, kehrt im Inneren an den Wänden wieder, die sich warm und lebendig anfühlen, und bildet die Lamellen jener Fassade, die das Haus mit dem Bergrücken verschmelzen lässt.
„Holz ist für mich der Zement des 21. Jahrhunderts“, sagt Thun. „Es ist leicht, es kommt ohne Emissionen aus, und es altert auf eine Weise, die ich nicht als Verschleiß verstehe, sondern als Reifung.“
Die silbrige Patina, die seine Fassaden über die Jahre annehmen, ist darum kein Makel. „Eine Patina, gerade beim Holz, fügt ein Gebäude noch tiefer in seine Umgebung ein. Es wird mit jedem Jahr ein Stück mehr zur Landschaft, zu der es ohnehin gehört.“
… vergessenen Normalität
In einer Zeit, die das Makellose feiert und das Gealterte ersetzt, ist diese Wertschätzung für das, was Spuren trägt, eine stille Korrektur. Sichtbar wird sie auch dort, wo das Lärchenholz die Grenze zwischen drinnen und draußen auflöst. Die großen Panoramafenster der Zimmer geben den Blick auf die Dolomiten frei, sodass man in der Lounge sitzt und sich im Freien wähnt, im Bett liegt und die Sterne sieht. „Ein Haus muss atmen können, und der Mensch darin auch“, sagt Thun. „Wenn ich die Natur hereinhole, das Licht, den Blick, die Materialien, dann muss ich den Raum nicht mit Dekor füllen. Die Umgebung ist der Luxus.“
Botanische Architektur nennt Thun dieses Prinzip, und er besteht darauf, dass es kein Trend sei. „Botanische Architektur ist keine Mode, die kommt und geht. Sie ist die Rückkehr zu einer Normalität, die wir verlernt haben.“ Was so leise klingt, ist in Wahrheit eine Haltung gegen die Beliebigkeit, gegen das Bauen, das überall gleich aussieht und nirgends hingehört.
„Ein Gebäude, das man an diesen Ort stellt, könnte man an keinen anderen stellen“, sagt er über das Vigilius. „Es ist nur hier denkbar, weil es aus diesem Hang, diesem Wald, diesem Licht heraus gedacht wurde. Nähme man es weg, fehlte der Landschaft nichts, und doch wäre etwas zerstört.“
Wer nach stillen Tagen am Joch wieder in die Gondel steigt und talwärts fährt, erlebt, dass sich der Blick diesmal nicht verengt. Nichts hat sich radikal verändert, und doch kommt man im Tal anders an, als man hinaufgefahren ist, ein wenig ruhiger, ein wenig mehr bei sich. Vielleicht, weil hier ein Ort nicht überbaut, sondern gehört wurde. „Wir sind Teil der Natur, das vergessen wir nur ständig“, sagt Thun. „Wenn ein Haus die Natur widerspiegelt und sie hereinholt, dann bringt es uns dorthin zurück, wo wir hingehören. In die Balance.“
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