•• Von Dinko Fejzuli
Am Dienstag dieser Woche begrüßte Andrea Heidrich, Geschäftsführerin der RIG Radio Innovations GmbH, in der Raiffeisen Arena in Linz zahlreiche Gäste zum ersten AudioVation Day. In zahlreichen Keynotes und Panels wurde weniger über einzelne Tools gesprochen als über Grundsatzfragen: Wie viel Daten braucht Audio wirklich? Wie verändert Künstliche Intelligenz Glaubwürdigkeit und Arbeitsprozesse? Und worin liegt die besondere Stärke von Radio?
Ein wiederkehrendes Thema des Tages war der Umgang mit Daten. Radio verfüge heute über mehr Messinstrumente denn je – klassische Reichweitenstudien ebenso wie digitale Rückkanal-, Streaming- und Echtzeitdaten. Gleichzeitig wurde mehrfach vor einer „Paralyse durch Analyse“ gewarnt. Stefan Gensasz, Head of Market and Media Research bei RMS Österreich, brachte die Sorge auf den Punkt: „Wenn wir intern unsere Daten nicht akzeptieren und mit Selbstbewusstsein vertreten, wird es schwierig, sie zu verkaufen.“
Die erinnerungsbasierte Reichweitenmessung sei weiterhin „die international anerkannte Währung des Marktes“.
Das Problem liege weniger in der Methodik als im fehlenden Selbstvertrauen der Branche. Diese Position wurde von Annelie Beer, Managing Director/Partner bei MAS Partners, verdeutlicht. Reichweitendaten seien mit hohem methodischem Aufwand entwickelt worden und im Markt etabliert. „Es ist essentiell, dass der Markt hinter diesen Zahlen steht“, so Beer.
Kritik und Weiterentwicklung seien notwendig, müssten aber intern geführt werden. Nach außen brauche es Geschlossenheit, um Agenturen und Werbekunden nicht zu verunsichern. Auch widersprach sie der verbreiteten Annahme, junge Zielgruppen hätten sich vom Radio abgewandt — Warnungen, die nicht durch große Studien gedeckt seien.
Gleichzeitig wurde betont, dass digitale Rückkanal-Daten längst fixer Bestandteil des Audioalltags sind. Sie ermöglichen schnelle Rückschlüsse auf Programminhalte, Nutzungsspitzen oder Kampagnenwirkung. Matthias Ross, Geschäftsführer von Quantyoo, unterstrich den operativen Nutzen: „Ich kann sehr schnell sehen, ob ein Song, eine Promotion oder eine Morningshow funktioniert.“ Entscheidend sei jedoch, Dashboards nicht um ihrer selbst willen zu betreiben: Daten müssten konkrete Fragen beantworten – sonst würden sie zu reinen „Trashboard-Ansichten“ ohne strategischen Mehrwert.
Warnung vor Abhängigkeiten
Aus Vermarktungsperspektive wurde zudem vor neuen Abhängigkeiten gewarnt. Marko Elsner, Co-Founder & CSO von Audalaxy, plädierte klar für stärkere, eigene Plattformen: „Abhängigkeit ist der Weg in den Abgrund. Wer Datenhoheit und Nutzerbeziehungen an Plattformen abgibt, verliert langfristig Kontrolle und Wertschöpfung.“
Digitale Audioerlöse würden zwar wachsen, müssten aber strategisch eingebettet werden und dürften nicht bloß als Anhängsel des klassischen Radiogeschäfts verstanden werden.
Einen weiteren Akzent setzte man mit dem Blick auf Audio als verlässliche Infrastruktur in Krisen- und Ausnahmesituationen. In seinem Vortrag skizzierte Michael Wagenhofer, CEO Big Blue Marble, wie Rundfunknetze eine entscheidende Rolle in der Krisenkommunikation spielen können. Bei Stromausfällen oder Naturkatastrophen werde Radio zur letzten verlässlichen Lebensader: „Wir sind da, wenn sonst nichts mehr geht.“ Er plädierte für robuste, redundante Kommunikationsnetze als Ergänzung zu Mobilfunk und Internet.
Ein inhaltlicher Schwerpunkt bildete auch das von Corinna Drumm moderierte Panel „Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand: Content in Zeiten von Deepfakes und Bots“. Hier stand weniger Effizienz als vielmehr Vertrauen im Mittelpunkt.
Drumm stellte fest, dass KI Produktionsprozesse beschleunige und neue Möglichkeiten eröffne, gleichzeitig aber das Risiko wachse, Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Vorsicht vor Fake News
Alexandra Sükar, Geschäftsführerin von Radio Content Austria, schilderte eindrücklich, wie schnell Redaktionen heute mit Falschinformationen konfrontiert seien – etwa bei einer falschen Todesmeldung, die nur knapp nicht on air ging. „Wir hatten Glück, dass es nicht gesendet wurde“, sagte Sükar. Für ihr Unternehmen sei klar: KI werde bewusst nicht in der Recherche eingesetzt, da Inhalte oft ungenau oder nicht aktuell seien. Nutzen bringe KI hingegen bei Textkürzungen, Zusammenfassungen oder Spezialcontent – jedoch stets mit „Human in the Loop“.
Besonders deutlich machte Helene Voglreiter, Redaktionsleiterin TV-News/Video/Verification bei ORF-News, wie stark KI das Umfeld von Breaking News verändert. KI-generierte Bilder und Videos seien oft schneller im Umlauf als echtes Material. „Dieses Bild war nicht echt“, sagte Voglreiter mit Blick auf ein weltweit verbreitetes, aber vollständig KI-erzeugtes Bild, welches bei der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Maduro entstanden sein soll. Eine Gefahr sieht Voglreiter darin, dass künftig auch echte Bilder als Fake abgetan würden, um sie zu diskreditieren. Und: Der ORF selbst habe klare KI-Guidelines eingeführt: „Überall dort, wo unser Publikum echte Personen erwartet, bekommt es auch echte Personen.“
KI als Chance
Michael Eder, Geschäftsführung Mediengruppe Pressedruck, bewertete die Entwicklung insgesamt als Chance für etablierte Medienmarken. In einer Social-Media-Welt mit immer mehr künstlich erzeugten Inhalten steige der Wert verlässlicher Absender. „Das ist eine Riesenchance für unsere Medienmarken, wieder Verlässlichkeit reinzubringen“, sagte Eder. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung von Transparenz – sowohl gegenüber Mitarbeitern als auch gegenüber dem Publikum.
Über alle Panels hinweg wurde deutlich, dass sich journalistische Kompetenzen durch KI erweitert haben. Neben technischem Verständnis brauche es mehr denn je Allgemeinwissen, Relevanzgefühl und Faktenkompetenz, so die einhellige Meinung der Panelteilnehmer.
