••• Von Elisabeth Schmoller-Schmidbauer
Künstliche Intelligenz ist im Journalismus längst angekommen. Mit dem Programm newsrooms will KI-Experte und newsrooms-CEO Matteo Rosoli der journalistischen KI-Nutzung einen neuen Rahmen geben. Das im Oktober 2024 gegründete österreichische Unternehmen ist aus dem redaktionellen Alltag von Trending Topics entstanden und setzt seine Technologie dort bereits seit 2023 ein. Ziel von newsrooms ist es, Redaktionen und Kommunikationsabteilungen von repetitiver Arbeit zu entlasten – ohne dabei Stil, Haltung und sprachliche Qualität zu opfern. Im Interview spricht Matteo Rosoli über Motivationen, USP und Zukunftsvisionen von newsrooms.
medianet: newsrooms wurde 2024 gegründet, die Technologie ist bereits seit 2023 im Einsatz: Welche Problemstellungen aus dem journalistischen Alltag waren der Auslöser für die Entwicklung von newsrooms?
Matteo Rosoli: Zwei zentrale Herausforderungen haben uns angetrieben: Erstens: Die endlose repetitive Arbeit. Pressemitteilungen umschreiben, Formatierungen anpassen, Content für verschiedene Kanäle aufbereiten – Tätigkeiten, die Zeit fressen, aber nichts mit dem eigentlichen Kern journalistischer Arbeit zu tun haben. Zweitens: Der sogenannte AI-Slop – diese generischen, austauschbaren Outputs von ChatGPT und Co., die alle gleich klingen. Wir möchten verhindern, dass der persönliche Stil, die eigene Stimme und Sprache, in Texten durch AI verloren geht.
medianet: Wie unterscheidet sich Ihr Modell strategisch von generischen LLM-Lösungen wie GPT, Claude oder Gemini?
Rosoli: Ganz einfach gesagt: ChatGPT klingt wie KI. newsrooms klingt wie Sie. Wir schreiben in Ihrer Sprache, in Ihrem Stil, mit Ihrer Qualität. Das ist bei uns kein Feature unter vielen – es ist unsere Philosophie. Hinzu kommt: Wir sind kein Datenkrake aus dem Silicon Valley, sondern ein österreichisches Unternehmen mit europäischer Infrastruktur, das Compliance, Data Privacy und verantwortungsvollen KI-Einsatz ernst nimmt.
medianet: Was ist der USP über ‚hohe Sprachqualität im Deutschen‘ hinaus?
Rosoli: Bei newsrooms muss niemand prompten. Es gibt kein hin und her mit der Maschine, keine zeitfressenden Endlos-Chats, keine Trial-and-Error-Konversationen. Ein Klick – und Sie erhalten konsistente Qualität, den richtigen Text. Jedes Mal. Und das nicht nur im Deutschen: Jede Sprache, die von KI abgedeckt werden kann, können wir auf Sie maßschneidern.
medianet: Warum werden Nutzer von beispielsweise ChatGPT zu newsrooms wechseln?
Rosoli: Weil sie nicht mehr mit ChatGPT kämpfen müssen. Die Nutzung von KI ist derzeit meistens ein Gespräch – und oft ein frustrierendes. Stundenlange Prompt-Iterationen, um am Ende doch AI-Slop zu erhalten, will und braucht niemand. newsrooms ist dagegen ein Werkzeug. Quellen rein, Text raus. Kein Prompting, kein Rätselraten. Nutzer und Nutzerinnen bekommen mehr Zeit für das, was wirklich zählt.
medianet: Und wer ist Ihre Zielgruppe? Gibt es Kunden, die Sie nennen wollen oder dürfen?
Rosoli: Unser Ziel sind alle, die professionell kommunizieren müssen oder wollen – mit besonderem Fokus auf die Medienbranche und Corporate Communications. Aufgrund unserer Herkunft haben wir als Gründer von newsrooms aber auch eine Mission: Wir wollen Medienhäuser wieder profitabel machen. Qualitätsjournalismus braucht Ressourcen. Wir schaffen sie, indem wir die repetitive Arbeit übernehmen, das Team entlasten und wieder Zeit schaffen. Wir sprechen hier von zwei Stunden Zeitersparnis pro Tag und Mitarbeiter, das ist sehr viel. Viele Kunden dürfen wir aus vertraglichen Gründen nicht namentlich nennen, aber newsrooms-Texte kann man bereits in Online-Medien und gedruckten Magazinen lesen – und es werden immer mehr.
medianet: Sie betonen ‚kein Prompting notwendig‘ – heißt das, dass die ‚Befehle‘ standardisiert sind? Was ist mit stilistischer Vielfalt?
Rosoli: Stilistische Vielfalt ist unsere Stärke, nicht unser Kompromiss. Anhand von ein bis zwei Beispieltexten arbeiten wir einen individuellen Sprachstil in newsrooms ein. Dieser Stil wird dann konsistent auf alle Outputs angewandt – unabhängig von Format oder Kanal. Unsere Herangehensweise: Standardisierte Prozesse, individualisierte Ergebnisse.
medianet: Wie begegnen Sie der Sorge vor Content-Verflachung und AI-Monotonie, die oft mit Automatisierung verbunden wird?
Rosoli: Diese Sorge muss auf zwei Ebenen betrachtet werden: Content-Erstellung und Content-Konsum. Bei der Erstellung lösen wir repetitive, zeitfressende Aufgaben – ohne gleichgeschaltete Sprache. newsrooms existiert genau wegen des Phänomens der AI-Monotonie. Chatbot-Texte klingen wie Chatbot-Texte. Bei uns nicht. Wir legen bewusst Wert auf Sprache und Stilistik, damit die individuelle Handschrift nicht im monotonen Output von KI verschwindet.
Der Konsum wird sich verändern – wie genau, werden wir sehen. Aber auch hier möchte ich mit newsrooms eine Plattform schaffen, die AI-Slop etwas entgegensetzt.
medianet: Was ist die drei- bis Fünfjahresvision für newsrooms? Sowohl strategisch als auch technologisch?
Rosoli: Wir wollen zum COS werden – ein Content Operating System für alle Formate: Text, Bild, Video, Grafiken, Slides, also alles, was ein Newsroom oder eine Kommunikationsabteilung für interne und externe Kommunikation braucht. Von der Ideenfindung über Erstellung, Planung und Management bis zur Veröffentlichung und der Erfolgsmessung möchten wir die Plattform sein, die den gesamten Content-Lifecycle abdeckt. International skalierbar, europäisch verankert.
medianet: Zum Schluss noch eine generelle Einschätzung: Wie verändert AI aus Ihrer Sicht Berichterstattung, Gatekeeping und journalistische Verantwortung in Österreich?
Rosoli: KI transformiert alle drei Bereiche fundamental. Die Frage ist, wer diese Transformation gestaltet – und wie. Berichterstattung musste schon immer extrem schnell sein. Jetzt haben wir die Chance, Redakteure nachhaltig zu entlasten, sodass sie nicht mehr händisch zehn Artikel am Tag aus dem Ärmel schütteln müssen. Gatekeeping verschiebt sich. Algorithmen beeinflussen bereits seit langem, was wir sehen. Nicht weil Journalismus irrelevant wird, sondern weil neue Player dazugekommen sind: große Plattformen, Suchmaschinen, Content-Aggregatoren – und jetzt KI.
Für Österreich heißt das: Eigene Infrastruktur aufbauen – oder konsumieren, was uns Silicon Valley serviert. Journalistische Verantwortung bleibt bestehen. Sie fokussiert sich nur neu: Kuratierung, Quellenauswahl, finale Entscheidungen. Der Mensch wird zum Chief Editor der Maschine. KI wird Journalismus nicht ersetzen. Aber die Medienbranche muss mit KI wachsen.
