WIEN. Mehr als ein Jahr nach Inkrafttreten des European Accessibility Act (EAA) und des Barrierefreiheitsgesetzes in Österreich, zeigt eine aktuelle Accessiway-Untersuchung von 107 Websites börsennotierter Unternehmen aus fünf europäischen Aktienindizes, dass 98% davon weiterhin mindestens eine Barriere aufweisen. Amit Borsok, Co-Founder & CEO von Accessiway erklärt im medianet-Interview, worauf es beim Thema Digitale Barrierefreiheit ankommt, und sie Unternehmen dabei unterstützen, vor allem zum Nutzen der Userinnen und User die Vorgaben umzusetzen.
medianet: Herr Borsok. Eine Studie Ihres Hauses zeigt, dass 98% der analysierten Websites großer europäischer Unternehmen nach wie vor mindestens eine Barriere aufweisen. Woran liegt dies aus ihrer Sicht?
Amit Borsok: Diese Zahlen sind tatsächlich erschreckend und gelten in dieser Größenordnung auch für Österreich. Viele Unternehmen betrachten digitale Barrierefreiheit als Nice-To-Have und nicht als Compliance-Thema mit potenziellen rechtlichen Konsequenzen. Das liegt nicht nur an fehlenden Zuständigkeiten in Unternehmen, sondern auch daran, dass viele Unternehmen nicht wissen, wie und wo sie anfangen sollen. Noch bedenklicher ist allerdings, dass viele Unternehmen die wirtschaftlichen Vorteile digitaler Barrierefreiheit nicht erkennen. Diese sind jedoch beachtlich: die Erschließung einer neuen und kaufkräftigen Zielgruppe und eine Verbesserung der User Experience für alle – auch für Menschen ohne Behinderung.
medianet: Bei digitaler Barrierefreiheit denkt man meist an die Homepage. Wo liegen bei modernen Web-Architekturen die größten unsichtbaren Hürden, und worauf sollten Web-Entwickler bei der visuellen und technischen Struktur achten?
Borsok: Der European Accessibility Act, der als Barrierefreiheitsgesetz in österreichisches Recht gegossen wurde, umfasst nicht nur Websites, sondern alle digitalen Angebote von Unternehmen, die sich an Verbraucher richten: Websites, Apps, E-Ticketing, Smart Watch Interfaces, digitale Fahrpläne, Video-Streaming, Geldautomaten und vieles mehr. Websites sind aber ein wichtiger Fokus. Hier finde ich es überraschend, dass 90% der Österreicherinnen und Österreicher Probleme bei der Bedienung von Websites am Smartphone haben.
Das zu beheben wäre ein wichtiger erster Schritt, der schon viel bringt. Symptombehandlung ist aber langfristig nicht zielführend, denn dann entstehen neue Barrieren, sobald Inhalte aktualisiert oder neue Menüpunkte ergänzt werden. Es braucht eine ganzheitliche Betrachtung, um Websites dauerhaft barrierefrei zu halten.
medianet: Kann es auch an fehlenden Budgets liegen?
Borsok: Natürlich denken vor allem kleinere Unternehmen genau darüber nach, wie sie das oft knappe Budget verteilen. Was sie dabei oft übersehen, ist dass sie durch ein Investment in digitale Barrierefreiheit ihre Zielgruppe erweitern. Menschen mit Behinderung, für dich das vorher unmöglich war, können dadurch auf die Inhalte von Websites zugreifen, ein Hotelzimmer buchen oder in Online-Shops etwas kaufen – und auch allen anderen fällt das deutlich leichter. Digitale Barrierefreiheit ist also ein Faktor, der auch wirtschaftlich Sinn ergibt.
medianet: Mit welchen einfachen Maßnahmen oder Quick-Wins können Unternehmen mit kleinem Budget einen spürbaren Unterschied machen?
Borsok: Wer auf der Suche nach ‚Quick Wins‘ ist, wird das Problem nicht nachhaltig lösen können. Unternehmen müssen weg vom Quick-Win- und Audit-Zyklus-Denken kommen, bei dem zwar regelmäßig, aber nur punktuell Barrieren behoben werden.
Tatsächlich ist Barrierefreiheitsmanagement aber eine kontinuierliche Aufgabe, an der auch rein automatisierte Analysetools oft scheitern. Es braucht sowohl technologische Exzellenz als auch menschliche Expertise. Aus diesem Grund haben wir bei Accessiway auch eine Plattform entwickelt, die genau diese beiden Dinge vereint, und arbeiten in langfristig angelegten Partnerschaften mit mehr als 2.000 Unternehmen zusammen.
medianet: Ob Jahresberichte, Broschüren oder Kundenformulare: Unzählige Informationen liegen auf Unternehmenswebseiten als PDF vor, doch genau sie gelten als das heimliche Sorgenkind der Barrierefreiheit. Wie könnte hier eine Lösung aussehen?
Borsok: Große Mengen an PDFs kann man mit einer Tagging-Lösung automatisiert bearbeiten. Das ist zwar effizient, garantiert aber keine vollständige Zugänglichkeit. Diese erreicht man nur mit einer manuellen Nachbearbeitung. Am besten ist digitale Barrierefreiheit, wenn sie in den Workflow integriert ist und die Endprodukte bereits hürdenlos vorliegen. Bei PDFs kann man das mit APIs umsetzen. So kann man verhindern, dass jedes neue PDF wieder extra von Expertinnen und Experten überprüft werden muss.
medianet: Aber auch audiovisuelle Formate wie Podcasts, Erklärvideos und Webinare sind aus dem Unternehmensmarketing nicht mehr wegzudenken. Menschen mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen werden dabei jedoch häufig komplett ausgeschlossen. Was macht einen Podcast oder ein Video im Jahr 2026 wirklich barrierefrei?
Borsok: Der Anteil an audiovisuellen Inhalten wird weiter zunehmen. Um diese barrierefrei zu gestalten, sind drei Maßnahmen zentral: Untertitel, die auch den Audio-Kontext vermitteln, akustische Bildbeschreibung und Transkripte von Audio- und Video-Content. Das auch im großen Umfang umzusetzen, stellt viele Unternehmen derzeit noch vor eine Herausforderung.
medianet: Immer mehr Kundeninteraktionen verlagern sich von der Browser-Ansicht in native Smartphone-Apps. Auf mobilen Endgeräten gelten durch Touchscreens, Gestensteuerung und kleine Displaygrößen völlig andere Gesetze. Wie geht man hier mit dem Thema Barrierefreiheit um?
Borsok: Ein wichtiger Grundsatz für digitale Barrierefreiheit allgemein ist: Jede Information sollte auf mindestens zwei Arten oder mit zwei Sinnen abrufbar sein. Auf mobilen Geräten ist es für Menschen mit Behinderung besonders wichtig, dass sie sich auf der Website oder in der App zurechtfinden können und dass die Inhalte auch vorgelesen werden können.
Gerade am Smartphone sind digitale Barrieren besonders gravierend – und sie betreffen nicht nur Menschen mit Behinderung. Wir haben 2026 die Österreicherinnen und Österreicher repräsentativ zu ihrer Smartphone-Nutzung befragt. Vier von fünf Befragten klagen bei der Smartphone-Nutzung über digitale Barrieren. Diese Zahl sollte jedes Unternehmen alarmieren, das sich das Thema digitale Barrierefreiheit auf mobilen Endgeräten noch nicht explizit vorgenommen hat.
medianet: Der Gesetzgeber nimmt insbesondere den Online-Handel in die Pflicht, um allen Menschen die Teilhabe am digitalen Markt zu ermöglichen. An welchen Stellen des digitalen Kaufprozesses – vom Produktfilter über den Warenkorb bis hin zu externen Bezahldiensten – treten die gravierendsten Barrieren auf?
Borsok: Die digitalen Barrieren im Online-Handel haben wir uns für Österreich näher angeschaut. 42 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben Probleme beim Online-Shopping wegen digitaler Barrieren. Werbefenster oder Pop-ups, die schwer zu schließen sind und den Inhalt verdecken, sind die häufigste Hürde. Dahinter folgt eine unübersichtliche Struktur oder Navigation der Website, sowie keine mobiloptimierte Darstellung.
Interessanterweise geben gerade die Digital Natives der Generation Z an, besonders häufig von digitalen Barrieren betroffen zu sein. 49% der Gen Z bricht Online-Käufe oder Suchvorgänge ab, weil Websites schwer zu lesen, hören, bedienen oder verstehen sind. Die Gen Z hat hohe Ansprüche an digitale Inhalte. Sie verliert rasch das Interesse, wenn Websites unübersichtlich gestaltet sind. Vielen österreichischen Unternehmen ist nicht bewusst, wie groß der Verlust an potenziellen Kundinnen und Kunden durch fehlende Barrierefreiheit ist.
medianet: Ihr Unternehmen Accessiway wurde aktuell von Gartner für seine wirkungsvolle Arbeit als ‚Leader‘ ausgezeichnet. Was unterscheidet Ihren integrierten Ansatz von klassischen Agentur- oder Beratungsdienstleistungen?
Borsok: Dass Accessiway als ‚Leader‘ im ersten Gartner Magic Quadrant für digitale Barrierefreiheitsplattformen ausgezeichnet wurde, bestätigt, dass wir wirkungsvolle Arbeit leisten. Fast noch wichtiger finde ich aber, dass es diesen Magic Quadrant überhaupt gibt, denn das zeigt, dass sich digitale Barrierefreiheit von einem Nischenthema in Richtung der Bereiche Software-Qualität und Risiko-Management entwickelt hat
Was uns von anderen Anbietern unterscheidet, ist unsere Kombination aus technologischer Exzellenz und menschlicher Expertise. Die Expertinnen und Experten aus unserem Accessibility Team arbeiten mit den modernsten Tools und bringen gleichzeitig ein Level an menschlicher Expertise mit, die eine KI nicht liefern kann. Diese Kombination hat uns zum europäischen Marktführer gemacht.
medianet: Kein Interview ohne das Thema KI. Welche Rolle könnte aus Ihrer Sicht künstliche Intelligenz bei der Umsetzung digitaler Barrierefreiheit übernehmen?
Borsok: KI hilft sowohl bei der Erkennung als auch bei der Behebung von digitalen Barrieren, zum Beispiel bei der Erstellung von Transkripten. Wir arbeiten mit KI, sie trifft aber keine eigenständigen Entscheidungen. Dafür haben wir unsere Expertinnen und Experten, die mit dem besten technologischen Support arbeiten, den es gibt, aber letztendlich immer selbst entscheiden, wie der beste Weg zu einer Lösung ohne digitale Barrieren aussieht.