Wenig Bewusstsein: Studie zu Terrorberichten
© Armin Ademovic
Die Medizinischen Universität Wien untersucht derzeit die Wirkung von Terrorberichterstattung auf das Publikum.
MARKETING & MEDIA Redaktion 08.06.2026

Wenig Bewusstsein: Studie zu Terrorberichten

Forschungsprojekt untersucht die Wirkung von Terrorberichterstattung auf das Publikum. Erste Ergebnisse zeigen geringe Beachtung etablierter Empfehlungen für eine sensible Berichterstattung.

WIEN. Ein Forschungsteam der Medizinischen Universität Wien untersucht derzeit die Wirkung von Terrorberichterstattung auf das Publikum. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Gestaltung von Medienberichten über Terrorakte auf Rezipienten wirkt und ob eine verantwortungsvolle Berichterstattung zur Prävention beitragen kann.

Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt analysiert einerseits die Berichterstattung über Terroranschläge in österreichischen und deutschen Medien und untersucht andererseits deren Auswirkungen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen.

Empfehlungen werden selten umgesetzt

Für die Inhaltsanalyse wurden Berichte über die neun Terroranschläge mit den meisten Todesopfern in Westeuropa der vergangenen zehn Jahre ausgewertet. Insgesamt analysierte das Forschungsteam 1.909 Artikel aus den jeweils fünf auflagenstärksten Tageszeitungen Österreichs und Deutschlands.

Laut den Forschenden würden wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für die Berichterstattung über Terrorakte nur selten berücksichtigt. Boulevardmedien veröffentlichten häufiger Namen und Fotos von Tätern oder verwendeten stigmatisierende Formulierungen im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen. Qualitätsmedien würden häufiger Hintergrundinformationen liefern, wodurch auch Details zu den Anschlägen stärker thematisiert würden.

„Es wird generell viel gemacht, von dem abgeraten wird. Boulevardzeitungen veröffentlichen häufiger Namen und Fotos von Terroristen oder verwenden stigmatisierende Sprache in Bezug auf psychische Erkrankungen. Qualitätsmedien bieten in längeren Artikeln mehr Hintergrundinformationen an, wodurch Details zu den Anschlägen thematisiert werden. Nur 0,6 Prozent aller Zeitungsberichte verweisen auf Hilfsangebote, präventive Berichte mit Beispielen erfolgreicher Deradikalisierung sind selten“, beschreibt Brigitte Naderer von der Medizinischen Universität Wien.

Auswirkungen auf die psychische Gesundheit
Das Forschungsteam verweist auf mögliche Auswirkungen sensationsorientierter Berichterstattung auf die psychische Gesundheit. Berichte mit drastischen Beschreibungen oder vereinfachenden Erklärungen könnten Ängstlichkeit, Depressionen und Vorurteile fördern.

„Diese Art der Berichterstattung kann Menschen traumatisieren und damit Ängstlichkeit und Depression befördern, sie kann Menschen stigmatisieren, etwa wenn Muslim:innen in einen Topf mit Islamismus geworfen werden, und sie kann zur Imitation von Taten anregen“, erklärt Benedikt Till von der Medizinischen Universität Wien.

Unterschiedliche Darstellungen von Tätern
Die Analyse zeigt laut den Forschenden Unterschiede in der Berichterstattung über islamistisch und rechtsextrem motivierte Anschläge. Bei islamistischen Tätern liege der Fokus häufig auf Herkunft, Aussehen oder Netzwerken im Hintergrund. Rechtsextreme Täter würden dagegen häufiger als Einzeltäter dargestellt, während Ursachen verstärkt in persönlichen Erfahrungen oder psychischen Problemen gesucht würden.

Interviews mit Personen in Deradikalisierungsprogrammen hätten zudem ergeben, dass alle Befragten vor ihrer Radikalisierung psychische Krisen erlebt hätten. Genannt wurden unter anderem Einsamkeit, Mobbing, Marginalisierung und Orientierungslosigkeit.

Weitere Auswertungen laufen
Neben qualitativen Interviews wurde auch eine quantitative Onlinebefragung mit 700 Personen durchgeführt. Dabei wurde untersucht, wie unterschiedlich gestaltete Berichte über Terrorakte auf Faktoren wie Ängstlichkeit, Depression, Islamophobie oder negative Stereotype wirken. Die Auswertung dieser Daten ist laut dem Forschungsteam noch nicht abgeschlossen.

Das Forschungsprojekt „Medienberichterstattung über Terrorismus und ihre Wirkung“ läuft von 2023 bis 2029 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit rund 396.000 Euro gefördert. (red)

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL