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FM4 feiert 25 Jahre: Are you at home, baby? © Manfred Werner/Wikipedia/CC BY-SA 3.0
© Manfred Werner/Wikipedia/CC BY-SA 3.0

Redaktion 17.01.2020

FM4 feiert 25 Jahre: Are you at home, baby?

Nach einem Vierteljahrhundert lässt sich sagen: Angekommen ist FM4 schon lange. Ein Rückblick.

••• Von Laura Schott

WIEN. Willkommen zuhause. Das Ding heißt FM4, das Ding ist das Radio, das ihr euch verdient habt.” Mit diesen Worten startete Moderationsikone Angelika Lang am 16. Jänner 1995 in die allererste „FM4-Homebase” – und damit in die allererste Sendung auf FM4 überhaupt. FM4 teilte sich die Frequenz damals noch mit dem „Blue Danube Radio” und war zwar täglich, aber nur von 19:00 bis 01:00 Uhr, zu hören.

„Die ersten drei Stunden Homebase moderierte ganz selbstverständlich die zu jener Zeit hochschwangere Angelika Lang, die als Königin des ‚Nachtexpress' mit Abstand kompetenteste Mischpult- und Mikrofon-Pilotin unter uns restlichen Zuckerpüppchen aus dem Sprecherkämmerchen”, schreibt Musiker, Musikjournalist und Radiomoderator Robert Rotifer später über die Geburtsstunde von FM4.
Nach den ersten famosen Worten Langs: „Sabotage” von den Beastie Boys. Es ist geschafft, FM4 ist on Air, im knackevollen Studio wird applaudiert. Unter den „gefühlt 1.000 Leuten”, wie Angelika Lang es beschreibt, sind neben zahlreichen ORF-Mitarbeitern auch ein Kamerateam und der damalige Ö3-Chef Edgar Böhm. Und Martin Pieper, seines Zeichens heute Chefredakteur von FM4, der sich wohl für immer an die ersten Stunden und Tage von FM4 erinnern wird.
Denn wie der Zufall es wollte, fiel Angelika Lang, die eigentlich die ganze erste Woche moderieren hätte sollen, krankheitsbedingt aus, und so musste Pieper bereits an Tag zwei als Moderator einspringen. „Ich war damals ein sehr unerfahrener Moderator. Insofern war diese zweite Sendung auch schrecklich, ich möchte mir die gar nicht mehr anhören”, lacht er heute über seine spontane Premiere bei FM4.

Die richtige Konstellation

Spontan – mit diesem Wort lassen sich die Anfänge von FM4 wohl am besten beschreiben. Heute kann man den Sender getrost als Kult bezeichnen. Hat man das im Jänner 1995 schon gewusst? „Zufall war es sicher nicht. Aber man kann auch nicht alles planen, das ist klar”, sagt Pieper. „Es waren, würde ich meinen, die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich glaube, man hat FM4 gebraucht damals.” 1995 war ein Punkt in der Jugendkultur, an dem viel in Bewegung war: Deutschsprachiger Hip-Hop wurde groß, ebenso das, was man damals Alternative Music nannte; Dinge, die kommerziell erfolgreich waren, in den kommerziellen Medien aber nicht abgebildet wurden. Wer war schon Nirvana? Und genau das hatte man bei FM4 erkannt, erzählt Pieper: „Das war es auch, was in den Konzepten zur Gründung von FM4 gestanden ist: Da gibt es etwas, das ist urgroß, aber niemand nimmt es wahr. Und wir müssen das jetzt berichten. Und aus dem heraus ist auch das entstanden, was FM4 bis heute als Lebensgefühl ausstrahlt.”

Ein bewährtes Bauchgefühl

Dieses spezielle Lebensgefühl macht den Sender einzigartig – nicht nur in Österreich. Pieper: „Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass wir auch international eine gewisse Sonderstellung haben.” Vor allem aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich würden immer wieder internationale Radiostationen zu Besuch kommen, um sich anzusehen, wie bei FM4 gearbeitet wird. Das Erfolgsrezept? „Wenn ich es romantisch formulieren darf”, sagt Pieper, „liegt es glaube ich daran, dass wir nie irgendwelche Zielgruppenoptimierungen oder großartige Meinungsforschung durchgeführt haben. Wir haben viele Entscheidungen einfach aus dem Bauch heraus getroffen – Entscheidungen, die man heute so gar nicht mehr treffen würde.”

Natürlich habe es immer ein Konzept gegeben, einen gewissen Rahmen, in dem man sich bewegt – und eine Mission. Womit der Raum dazwischen gefüllt wird, sei aber eine andere Sache. „Ich glaube, dass richtige Entscheidungen noch richtiger werden, wenn man sie nicht 15 Mal abtestet, bevor man sie trifft.”
In den letzten Jahren wurden immer wieder Rufe nach einer Verjüngung des Senders laut, nicht zuletzt aus der Chefetage der Mutter ORF. „Wir bemühen uns tatsächlich immer, jung zu bleiben. Aber was heißt es eigentlich, jung zu sein? Es gibt endlose Debatten darüber, ob es das biologische Alter ist oder nicht eher eine Milieubeschreibung, die weit darüber hinausgeht.”

FM4 ist keine Altersfrage

Die Zielgruppe habe sich in den letzten 25 Jahren nicht verändert: Die 14- bis 29-Jährigen bilden nach wie vor den Kern von FM4 und damit dessen Existenzgrundlage – und wandern mit zunehmendem Alter oft gar nicht so gern zu anderen Sendern ab: Die über 40-Jährigen sind ein treuer Teil der FM4-Hörerschaft.

„Könnt ihr nicht Ö3 oder irgendwas anderes jünger machen und uns Alten (40) ‚unseren' Sender lassen? Wohin soll ich bitte abwandern?”, liest man im Standard-Forum unter einem Artikel mit dem Titel „FM4 ist für den ORF eine Altersfrage: Alternative-Sender soll jünger werden”. Oder, noch dramatischer: „Man nimmt uns Senioren alles, jetzt auch noch FM4. Das ist der Dank der Jugend für das, was wir aufgebaut haben.” Kein Grund zur Sorge: Erfolgsformate wie „Homebase” wird es vermutlich auch die nächsten 25 Jahre noch geben. Was den Rest betrifft, bringt es ein anderer User auf den Punkt: Um FM4 zu mögen, müsse man weder jung noch alt sein, sondern einfach nur smart und open-minded.

Ein Motor für die Musikszene

Ein damals wie heute essenzieller Teil von FM4 ist die Bedeutung des Senders für die heimische Musikszene: Dutzende Musiker hat FM4 groß gemacht, für viele war es das Sprungbrett zum internationalen Erfolg. Das habe sich bis heute nicht geändert, sagt Pieper, auch nicht in Zeiten von YouTube und Co. – Plattformen, über die sich Künstler wunderbar selbst vermarkten können. „Es ist bestimmt anders als vor 20 Jahren. Trotzdem ist FM4 sicher immer noch einer der wichtigsten Motoren für Musiker und Bands bestimmter Genres, um in Österreich eine gewisse Größenordnung zu erlangen.” Erfolgsgeschichten wie die von Bilderbuch, an der FM4 wesentlich beteiligt ist, bestätigen diese Annahme.

Nach einem Vierteljahrhundert zieht man einmal Bilanz, auch als Radiosender. Für eine ausgewachsene Quarterlife-Crisis reicht es bei FM4 mitnichten, 25 Jahre FM4 entsprächen aber trotzdem in vielerlei Hinsicht dem tatsächlichen Lebensalter des Senders, sagt Pieper: „Man ist mit irgendwas fertig, man orientiert sich in eine gewisse Richtung. In vielen Dingen hat man es leichter, weil man sich schon gut auskennt, in anderen dafür schwerer, weil man sich nicht festlegen möchte. Wir wissen, was wir tun und was wir können, und auch, was wir nicht können. Trotzdem sind wir noch nicht so weit, dass wir sagen, ‚Deckel drauf, so wird das jetzt für immer sein'.” Künftig wolle man sich etwa intensiv mit dem Thema Podcast auseinandersetzen; Details dazu will Pieper noch keine verraten.
Nach 25 Jahren ist bei FM4 also alles beim Alten – und irgendwie doch nicht. Vor Kurzem ist der Sender vom RadioKulturhaus auf den Küniglberg gezogen. Großzügige helle Redaktionsräume, modernstes technisches Equipment, ein akustisches Studio für Live-Sessions und eine geräumige Küche trösten über den Abschied von der Argentinierstraße hinweg – der so sentimental gar nicht war: „Als alle ihre Sachen eingepackt haben, waren wir schon ein bisschen wehmütig. Alles andere wäre ja auch komisch. Aber es fühlen sich hier alle wohl, die neuen Räumlichkeiten sind toll zum Arbeiten. Und Veränderung ist ja nicht immer schlecht”, sagt Pieper.

Things are not standing still …

Wer die Veränderung lieber meiden möchte, kann die Website der „Friends of Blue Danube Radio” besuchen, die die Rückkehr des ehemaligen Frequenzpartners von FM4 fordern. Im letzten Forumseintrag vom 5. Juli 2001 heißt es: „There is not much news to tell at the moment. Things are going slowly, but I can assure you that they are not standing still.”

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