ORF-Wahl: Kandidatenschau am laufenden Band
APA / ROLAND SCHLAGER
(v.l.) Ex-ORF-Managerin Petra Höfer, Ex-ProSiebenSat.1Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, APA-CEO Clemens Pig, Ex-HBO-MAX-Manager Johannes Larcher und Moderatorin Anna Wallner (Die Presse) im Rahmen einer öffentlic
PRIMENEWS Dinko Fejzuli 03.06.2026

ORF-Wahl: Kandidatenschau am laufenden Band

Präsentation von Bewerbern in Wien - Pig als "Bollwerk" für Redaktion - Larcher schockiert über Intransparenz - Totzauer: Jüngere begeistern - Breitenecker: ORF aus "Teufelsspirale" führen

 

WIEN Der Dienstag hat den Top-Anwärterinnen und -Anwärtern auf die ORF-Generaldirektion einiges abverlangt. Nach einer Diskussion in der Wirtschaftskammer und einer bei Puls 4 fanden sie sich am Abend auf Einladung des NEOSLab im Wiener Funkhaus ein, um der Öffentlichkeit abermals ihre Ideen für den ORF zu präsentieren. "Wir haben schon überlegt, ob wir zusammenziehen", scherzte ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer.

Jeder der anwesenden Bewerberinnen und Bewerber - APA-CEO Clemens Pig, Ex-ProSiebenSat.1Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, Ex-HBO und -Hulu-Manager Johannes Larcher, ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer und Ex-ORF-Managerin Petra Höfer - hatte zunächst vier Minuten Zeit für einen Pitch. Themen wie Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, das Zurückgewinnen junger Zielgruppen, wirtschaftliche Stärke, eine neue Unternehmenskultur und regionales Programm erwiesen sich als Schwerpunkte, auf die kaum einer verzichten mochte.

Pig: "Weiß, wie man mit Interventionen umgeht"

"Fakten und Orientierung sind für uns alle so wichtig wie ein Bissen Brot", sagte Pig. Der ORF sollte der Ort sein, wo man diesen zu sich nehmen kann. Die Redaktion und deren Qualität wolle er wie ein "Bollwerk" schützen. "Ich weiß, was Interventionen sind und weiß, wie man damit umgeht", so Pig nach zehn Jahren an der Spitze der Nachrichtenagentur APA: "Höflich im Ton, hart in der Sache". Er gilt schon seit vielen Wochen als Favorit - nicht zuletzt aufgrund von Äußerungen aus der Politiksphäre. Wie will er beweisen, dass er niemandem etwas schuldet? Pig nannte eine "moderne Direktionsstruktur" und die Personalauswahl als Gradmesser dafür.

Dem pflichtete Larcher bei. Es sei andernorts unvorstellbar, dass die Politik bei Struktur und Team mitbestimmen wolle. Sein Plan ist, das Programm noch stärker als bisher am Publikum zu orientieren und für weniger Inhalte zu sorgen, die austauschbar machen. "Mehr ORF ist mehr Österreich", so Larcher. Die Inhalte müssten auch deutlich stärker auf digitalen Plattformen wie YouTube und TikTok verbreitet werden. Mit den Infosendungen des ORF ist er nicht vollumfänglich zufrieden. Hier und da gebe es "Grauzonen" - etwa bei der "ZiB2" -, wo nicht mehr klar sei, ob es sich um Meinung oder reine Info handle.

Totzauer: Können Junge begeistern

Auch Totzauer will junge Personen "holen und nicht hoffen, dass sie kommen". "Sie sind nicht weg, sondern auf Plattformen. Und wir können sie begeistern", zeigte sie sich sicher. Denn österreichische Geschichten, Humor und Lebensrealitäten könne kein Algorithmus dieser Welt reproduzieren.
Breitenecker will den ORF raus aus einer "Teufelsspirale der schlechten Stimmung" holen. Eine neue unternehmerische Vision sei gefragt. "Sparen ja, aber das ist nicht alles", sagte er. Man müsse neue Erlösquellen generieren. Er nannte diesbezüglich etwa, das große Studio im ORF-Zentrum auch kommerziell zu nutzen. Die volle Konzentration will er in Zeiten des Streamingshifts auf ORF ON legen, um die Anschlussfähigkeit bei jüngeren Zielgruppen zu wahren.

Breitenecker: "Geschäft mit der Liebe" eine "furchtbare Sendung

Totzauer konfrontierte Breitenecker damit, dass unter ihm als P7S1P4-Geschäftsführer vielfach kritisierte Sendungen wie "Geschäft mit der Liebe" zu sehen waren. "'Geschäft mit der Liebe' ist eine furchtbare Sendung", sagte Breitenecker. Sie sei nicht von ihm erfunden worden.
Höfer bewirbt sich trotz vergangener Rechtsstreitigkeiten mit dem ORF, weil ihr das Unternehmen "am Herzen liegt". Sie will das öffentlich-rechtliche Medienhaus mit klarer Distanz zu Parteipolitik und einer neuen Unternehmenskultur "wieder in Schwung bringen". "Die Mitarbeiter sollen auf den ORF wieder stolz sein können."

Larcher "schockiert" von Intransparenz des ORF

Zum Thema Finanzen hielt Larcher fest, dass es ein "ziemlicher Schock" sei, wie intransparent der ORF mit Zahlen umgehe. Er tritt dafür ein, dass quartalsmäßig darüber berichtet werde, wie es um den ORF finanziell steht. 100 Mio. Euro könnte man jährlich einsparen, zeigte er sich sicher. Dabei komme man um das Personal nicht herum. In den nächsten Jahren würde ein Viertel der Belegschaft in Pension gehen. Das sei eine "wunderbare Chance", um einen Stellenabbau, aber auch eine Verjüngung vorzunehmen.
Totzauer ortet im Management "viel zu viele Zwischenebenen, die uns lähmen". Auch stellte sie in Frage, wofür es zwei oder gar drei Geschäftsführer in einzelnen Geschäftsbereichen brauche.

Einsparpotenzial bei ORF III

Einsparpotenzial wird immer wieder bei ORF III geortet - aber nicht bei der Marke und den Inhalten, die "Public Value at its best" seien, so Pig. Im ORF-Haupthaus gebe es eine großartige Kulturabteilung. Die Frage sei, ob sich hier Synergien heben ließen, überlegte der APA-CEO. Auch Breitenecker will die ORF III-Inhalte erhalten, aber die Organisation eingliedern. Es brauche keine eigene Tochtergesellschaft dafür.

"Sorgenkind" ORF 1

Larcher bezeichnete ORF 1 als wahrscheinlich "größtes Sorgenkind" der Senderflotte. Dort müssten mehr Experimente stattfinden, um ein wesentlich jüngeres Publikum anzusprechen. Der TV-Sender müsste stärker auf Unterhaltung zugeschnitten werden, sagte er. Totzauer managte vor geraumer Zeit für viele Jahre ORF 1. Unter ihr seien US-Serien im Programm zurückgedrängt worden. "Dafür werden nun umso mehr Krimis für die Zielgruppe 60+ gespielt", sagte sie. "Das bricht mir das Herz."
Zu Beginn der Veranstaltung wurde vonseiten der Parteiakademie NEOSLab betont, dass es sich um keine parteipolitische Veranstaltung handle. Man sei nicht hier, um einen Kandidaten zu unterstützen, denn die Entscheidung liege beim unabhängigen ORF-Stiftungsrat und nicht der Politik. Man wollte den Bürgerinnen und Bürgern aber die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Bild von den vielversprechendsten Bewerberinnen und Bewerbern zu machen und für Austausch sorgen. (APA)

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