EY-Studie zum Fachkräftemangel in Österreich 2023
© EY/Christina Haeusler
Erich Lehner, Managing Partner Markets und Verantwortlicher für den Mittelstand bei EY Österreich
RETAIL Redaktion 02.02.2023

EY-Studie zum Fachkräftemangel in Österreich 2023

Fachkräftemangel in Österreich so hoch wie nie zuvor – jedes fünfte Unternehmen will 2023 zusätzliche Stellen schaffen.

WIEN. Der heimischen Wirtschaft fehlt es bereits seit einigen Jahren branchenübergreifend an qualifiziertem Personal. Schon letztes Jahr erreichte der Fachkräftemangel einen Höchststand. Doch heuer kletterte er erneut einige Prozentpunkte in die Höhe: 87 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass es ihnen derzeit schwer falle, neue und ausreichend qualifizierte Mitarbeiter:innen zu finden. 2022 klagten bereits 83 Prozent über Probleme. Die gute Entwicklung des heimischen Arbeitsmarkts macht die Suche nach Fachkräften noch schwerer: So lag die Arbeitslosenquote mit Jahresende bei 7,4 Prozent. Über das Gesamtjahr gerechnet ergibt sich sogar eine Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent – laut Arbeitsministerium der niedrigste Wert seit 2008.

Auch bei der Anzahl der offenen Stellen gab es einen neuen Rekord: Laut Statistik Austria waren im 3. Quartal 2022 218.100 Arbeitsstellen nicht besetzt – ein deutlicher Hinweis auf den sich verschärfenden Fach- und Arbeitskräftemangel, der auch dieses Jahr laut Eigeneinschätzung der Befragten die größte Gefahr für das eigene Unternehmen darstellt. Mit 61 Prozent Zustimmung lag der Fachkräftemangel bereits letztes Jahr an der Spitze. Jetzt ist die Zahl noch weiter angestiegen: 67 Prozent der österreichischen Unternehmer:innen sehen ihn als enormes Risiko für die Zukunft des Betriebs.

Noch nie standen Unternehmen vor so großen Herausforderungen, passende, qualifizierte Mitarbeiter:innen zu finden. Nur rund jedem achten Mittelständler (13 %) fällt es nach eigenen Angaben derzeit eher oder sehr leicht, Fachpersonal zu finden. Zu Beginn der Erhebungen 2014 meinten immerhin noch 30 Prozent der Befragten, keine größeren Schwierigkeiten beim Einstellen von Fachkräften zu haben. Besonders die Branche Transport, Verkehr und Energie hat mit Rekrutierungsschwierigkeiten zu kämpfen: 53 Prozent geben an, sehr schwer Personal zu finden, 36 Prozent finden eher schwer Fachkräfte. Stark betroffen ist auch der Gesundheitssektor (43 % bzw. 48 %), gefolgt von der Industrie (43 % bzw. 46 %) und dem Tourismus (42 % bzw. 53 %).

Das sind Ergebnisse der Studie „Beschäftigung und Fachkräftemangel in Österreich“ der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Dafür wurden österreichweit über 600 Verantwortliche von mittelständischen Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeiter:innen befragt.

„Es gibt kaum einen Sektor des österreichischen Arbeitsmarkts, der momentan nicht in Personalnot ist. Der Fachkräftemangel stellt alle anderen unternehmerischen Herausforderungen in den Schatten. Die Problematik hat sich in den letzten Jahren immer mehr verschärft und ist heuer so virulent wie noch nie. Besonders stark davon betroffen ist jedoch die Tourismusbranche, der Gesundheitssektor, aber auch die Transportwirtschaft und der Handel. Kleine wie große Betriebe erleiden dadurch auch Umsatzeinbußen. Das bremst die Wirtschaftsdynamik ordentlich ab“, so Erich Lehner, Managing Partner Markets bei EY Österreich, und verantwortlich für den Bereich Mittelstand.

Positive Arbeitsmarktimpulse – geringes Wachstum der Beschäftigung
Das Auslaufen der COVID-19-Maßnahmen hat 2021 zu einem starken Aufschwung geführt, der allerdings heuer wieder zurückgegangen ist. Nur mehr jeder fünfte Betrieb (21 %) in Österreich will in den kommenden Monaten zusätzliche Beschäftigte einstellen (2022: 26 %), 15 Prozent der Unternehmen planen allerdings Stellenstreichungen. Damit ist der Anteil derer, die ihre Belegschaft reduzieren wollen, auf den höchsten Stand seit Jahresbeginn 2009 gestiegen. Damals wollten sogar 27 Prozent der Unternehmen Stellen streichen. Demnach sind hier nur mehr leichte Beschäftigungsimpulse zu erwarten. Eine ähnlich geringe Beschäftigungsdynamik wurde zuletzt 2013 verzeichnet (4 %), selbst im Corona-Krisenjahr 2021 lag der Saldo noch höher als aktuell (9 %).

Die meisten neuen Stellen wollen Unternehmen in Wien (32 %), Steiermark (29 %) und Niederösterreich (26 %) schaffen. Am wenigsten neue Arbeitsplätze sind im Burgenland (9 %) geplant.

Fachkräftemangel verursacht bei 51 Prozent der Unternehmen Umsatzeinbußen
In Österreich gestaltet sich der Fachkräftemangel auch wirtschaftlich herausfordernd: Mehr als die Hälfte aller Unternehmen (51 %) verzeichnet Umsatzeinbußen infolge der Personalnot. Damit hat sich die Situation der Unternehmen gegenüber dem Vorjahr, als der Anteil der Unternehmen mit Umsatzeinbußen bei 39 Prozent lag, erneut verschärft. Aktuell beklagt immerhin gut jeder sechste heimische Betrieb sogar erhebliche Umsatzeinbußen von mehr als fünf Prozent als Folge des Fachkräftemangels.

Besonders ausgeprägt sind die Folgen des Fachkräftemangels auf den Umsatz im Transport- und Energiesektor (64 %), im Gesundheitsbereich (59 %) und im Finanz- und Dienstleistungswesen (54 %). Auch die Tourismusbranche verliert Umsätze (50 %), weil es an geeignetem Personal fehlt.

Fachkräftemangel von Ost nach West
Unternehmen in ganz Österreich – unabhängig vom Bundesland – fällt es schwer, derzeit neue und ausreichend qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Immer mehr Betriebe spüren die Engpässe, die sich seit vielen Jahren bemerkbar gemacht haben, akut. Dennoch zeigen sich regionale Unterschiede: Am ausgeprägtesten ist der Fachkräftemangel bei Unternehmen in Niederösterreich (53 % haben „große“, 37 % „eher große“ Probleme) und Oberösterreich (50 % fällt es „sehr schwer“; 33 % „eher schwer“ Personal zu finden). Auch in der Steiermark (46 % bzw. 49 %) sowie in Vorarlberg (46 % bzw. 45 %) gestaltet sich die Suche nach guten Mitarbeiter:innen herausfordernd. Am besten ist die Situation noch in Salzburg und in Wien – doch auch hier klagen mehr als 30 Prozent über große Schwierigkeiten bei der Fachkräfterekrutierung.

„Der Fachkräftemangel wird zum größten Risiko für Unternehmen und ist für viele Unternehmen bereits existenzbedrohender als die Energiekrise. Hundertausende Arbeitskräfte fehlen in vielen Sektoren. Eine Lösung für dieses Phänomen zu finden, wird zu den wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre gehören“, so Lehner. (red)

 

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