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Kaffeefabrik geht den ­direkten Weg zur Bohne © Thomas Lehmann
© Thomas Lehmann

Ornella Luna Wächter 03.11.2017

Kaffeefabrik geht den ­direkten Weg zur Bohne

Kaffeehandel ohne Zwischenstopps: Tobias Radinger bezieht seine Ware direkt von den Kooperativen.

••• Von Ornella Luna Wächter

Nur auf wenigen Quadratmetern arbeiten die Mitarbeiter der Kaffeefabrik an ihrer Kaffeemaschine. Das Café in der Favoritenstraße ist schlicht. Ein paar Tische stehen auf weiß lackierten Holzdielen, an der Wand ein Bord mit Zeitungen. Es riecht nach frisch gemahlenem Kaffee.

„Tobias Radinger, freut mich”, sagt der Mann mit dem gestreiften Shirt und kommt hinter der Ladentheke hervor. „Wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?” Radinger ist der Geschäftsführer des kleinen Cafés im vierten Bezirk in Wien. Zudem betreibt er seine eigene Rösterei. Wer bei ihm Kaffee trinkt, konsumiert eine Ware, die von ihm ausgesucht, importiert und geröstet wurde. Es ist ein Handelsmodell, welches sich in den letzten Jahren immer weiter unter kleinen Röstereien in ­Österreich verbreitet: der direkte Handel bzw. der „Direct Trade”.

Fokus liegt auf Herkunft

Direct Trade ist wie Fair Trade, fairer Handel, eine Art Gegenströmung zum konventionellen Handel mit Kaffee. Das Konzept des fairen Handels gibt es seit 75 Jahren; zu den größten Errungenschaften zählen unter anderem internationale Standards, was faire Arbeitsbedingungen und die Bezahlung der Kaffeebauern angeht, aber auch die Aufklärung der Endkonsumenten über das oftmals ausbeuterische System in den ehemaligen Kolonien wie Äthiopien, Ecuador oder Kolumbien. Fair Trade hat sich mittlerweile als Alternative zu einem herrschaftlichen System etabliert. Prozentuell wird der Kaffeemarkt mit 96% immer noch von „den Großen” beherrscht, meint Tobias Radinger; die übrigen 4% fallen dem fair bzw. direkt gehandelten Kaffee zu. Direct Trade verfolgt ähnliche Ziele, die allerdings nicht von internationalen Dachorganisationen wie im Fall von Fair gesteuert werden, sondern in Form von vielen unabhängigen Röstereien, die sich oftmals auch zusammenschließen und jeweils ihre eigene Wertekultur verfolgen. Im Grunde geht es aber immer um die Stärkung der Produzenten in der Wertschöpfungskette. Zahlen darüber, wie viele Röstereien Direct Trade ­betreibt, gibt es nicht. Als Radinger 2011 die Kaffeefabrik gründete, stand er mit seinem Konzept noch ziemlich allein da. Mittlerweile habe er „schon längst den Überblick verloren”.

Radinger arbeitet ausschließlich mit Kooperativen zusammen, die demokratisch organisiert sind. Bis zu 60% der Ernte werden den Produzenten vorfinanziert, garantiert wird ein Mindestpreis von 2,75 USD pro Pfund, auf eigenes Risiko. Da Radinger dieses nicht allein stemmen könnte, hat er sich mit elf Röstereien aus ganz Europa zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammengeschlossen. Die „Roasters United” kommt so auch auf größere Einkaufsmengen, denn für ein paar Paletten produziert kein Kaffeebauer, die harte Arbeit lohnt sich erst ab einem halben bis ganzen Container. Ein einzelner Container kann bis zu 20 t transportieren; Tobias Radinger selbst verarbeitet zwischen 13 bis 14 t Kaffee in seiner Rösterei.

Qualitätsarbeit

Wenn Radinger von seiner Arbeit erzählt, erfährt man, wie viel Aufwand und Organisation hinter dem direkten Handel steckt. Wer seinen Kaffee direkt am Ursprung kauft, wird nicht mit großem Profit belohnt. Viel mehr muss man ein „Überzeugungstäter” sein, so Radinger. Jedes der Mitglieder hält Kontakt zu einem bestimmten Produzenten. Aktuell sind dies Kooperativen aus Sumatra, Indien, Äthiopien, Kolumbien, Peru, Guatemala, Honduras und Brasilien. „Uns ist dabei die Beziehung zu den Kooperativen wichtig.” Um diese aufrechtzuerhalten, müssen die Röster eine gewisse Reisebereitschaft mitbringen. Einmal im Jahr setzt sich Tobias Radinger dafür ins Flugzeug – vergangenen September flog er nach Brasilien. „Es ist viel Arbeit, das geht auch in die Knochen”, sagt er dazu. „Man muss eine innere Überzeugung mitbringen, damit man das auch länger verfolgt.” Was Radinger mit seinen elf Kollegen verbindet, ist auch ein gewisser Qualitätsanspruch an Kaffee. Man sei nicht an den besten Bohnen der Welt interessiert, sondern am ganzen Prozess der Verarbeitung. Daher sei eine gute Beziehung zu den Kooperativen auch so wichtig.

Doch nicht alle sehen den Direkt Trade unproblematisch. Die EZA Fairer Handel GmbH beäugt den „Wildwuchs im Direct Trade” kritisch. Wenige Tage nach Radingers Rückkehr aus Brasilien wurde er zu einer Diskussion eingeladen mit dem Titel „Direct Trade versus Fair Trade”. (media­net-Ausgabe vom 29. September, Anm. der Redaktion). Radinger musste sich dort auf einer Fair Trade-Veranstaltung gegen Vertreter der fairen Handels behaupten. Fair Trade und die EZA wurden dort als klares Konzept mit internationalen Standards gelobt, wo sich Produzenten regelmäßig unabhängigen Kontrollen stellen müssen. Röstereien hingegen, die direkten Handel betreiben, seien mehr an hoher Qualität interessiert, die am Ende viel teurer für den Endkonsumenten sei.
Im Nachhinein betrachtet sieht Tobias Radinger die Diskussion als sehr „unglücklich organisiert”. Gerade jene gegeneinander ins Feld zu schicken, die aus der „guten Ecke” kommen, ist nicht unbedingt zielführend. Warum „miteinander diskutieren zu lassen, wer nun der Bessere von den Guten ist? Ich hab deswegen auch gesagt, dass wir, die uns diese vier Prozent nicht konventionell gehandelten Kaffee am Markt teilen, nicht streiten sollten. Wesentlich spannender wäre es, die anderen 96 Prozent zu fragen: Wie geht es euch damit, dass ihr Kaffee zu Dumpingpreisen einkauft? Und euch einen Dreck um Ökologie oder soziale Folgen schert. Das wäre die wesentlich spannendere Diskussion.”

Roasters United als Role Model

Verglichen mit Starbucks oder Nespresso, sei die Kaffeefabrik „mikro”, sagt Tobias Radinger. Man sei zu klein, um etwas Größeres zu bewegen. Durch die jahrelange Vorarbeit von Fair Trade, der EZA und nun auch durch den Direct Trade habe sich das Bewusstsein der Konsumenten jedoch verändert. Viele schauen heute viel aufmerksamer darauf, woher die Produkte eigentlich kommen, unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Dem kritischen Hinterfragen von ungerechten Handelsstrukturen können sich auch „die Großen” nicht entziehen, meint Radinger, man sehe, dass sie „gewisse Dinge imitieren”. „Sie drucken Geschichten von Produzenten auf die Packung, wo sie George Clooney erklären lassen, wie super direkt der Kaffee von irgendwo herkommt”.

Was bringt die Zukunft?

Am Ende kommt es auf den Konsumenten an, wem er mehr Glauben schenkt. „Wir haben aber nicht vor, den Kampf gegen Starbucks aufzunehmen”, sagt Tobias Radinger über die Ziele von Roasters United. „Wir würden einfach gern weiter wachsen, so organisch wie wir das auch jetzt tun. Auch die Kaffeefabrik hat sich jedes Jahr im zweistelligen Bereich weiterentwickelt.” Das Konzept von Roasters United scheint auch andere Röster zu überzeugen. Im Moment würden viele Bewerbungen am Tisch liegen, erzählt Radinger. Wie einst Fair Trade verfolgt auch Roasters United die Mission, eine Art „Role Model für die Industrie zu werden”.

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