Wer online stehen bleibt, verliert
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RETAIL Redaktion 25.10.2019

Wer online stehen bleibt, verliert

Groupify-Gründer Alex von Harsdorf erklärt, wie E-Commerce sozial werden kann und Unternehmen davon profitieren.

••• Von Daniela Prugger

Man önnte sagen, dass Alex von Harsdorf mit seinem Unternehmen Groupify eine Art „WhatsApp für E-Commerce” entwickelt. Käufer können per Messaging-Option gemeinsam shoppen gehen, sich gegenseitig live beraten und austauschen.

Im medianet-Interview erklärt von Harsdorf, warum Händler bei der Konzipierung ihrer Onlineshops mutiger sein sollen, wie Markenbindung funktioniert und warum die Österreicher visionärer agieren als die Deutschen.


medianet: Sie bezeichnen das Konzept von Groupify als ‚Social Commerce'. Was genau verstehen Sie darunter?
Alex Von Harsdorf: Für mich ist Social Commerce Shopping im eigentlichen Sinne – mit meinen drei bis vier besten Freunden online durch Shops stöbern, Tipps austauschen, Schnäppchen entdecken und Spaß dabei haben.

medianet: In welchen Situationen wollen Sie gemeinsam mit Freunden online einkaufen?
Von Harsdorf: Es gibt wenige Situationen, in denen ich nicht vorher Freunde oder meine Freundin zu Rate ziehe – sei es, wenn es um Elektronik oder Möbel und Accessoires für die Wohnung geht oder um Tipps zu Büchern oder Games. Der Rat meiner Freunde ist mein Kompass im Dschungel der Optionen – immer. Jeder, der beim Mobile-Shopping schon einmal Screenshots geteilt hat, müsste sich hier ertappt fühlen.

medianet: Sie sind Anfang Dreißig. Was sind denn die Eigenheiten Ihrer Generation, das Einkaufsverhalten betreffend?
Von Harsdorf: Ich glaube, meine Generation agiert in gewisser Weise etwas schizophren, wenn es um das Thema Shopping geht. Zum einen erkenne ich eine starke Tendenz, auf nachhaltige und qualitativ hochwertige Produkte zu setzen. Die meisten sind am Ende des Tages aber doch sehr trend-getrieben und beeinflusst von den Meinungen anderer.


medianet: Welche Rolle spielt dabei der Individualitäts­gedanke?
Von Harsdorf: Die meisten denken, sehr individuelle Geschmäcker zu haben; sie sind am Ende des Tages aber doch sehr trend-getrieben und stark beeinflusst von den Meinungen anderer. Wenn dann irgendein Style oder eine Marke gerade en vogue ist, wird blind gekauft und die Themen Nachhaltigkeit und Qualität geraten schnell in Vergessenheit.

medianet:
Sie sagen, dass die meisten Onlineshops vom Aufbau her so funktionieren, wie vor vielen Jahren schon. Was genau meinen Sie damit?
Von Harsdorf: Bis auf wenige Ausnahmen sehen Onlineshops – Amazon allen voran – aus wie digitale Kataloge. Kunden browsen mit gelangweiltem Stand-by-Gesichtsausdruck durch Listen mit sterilen Produktfotos. Und zwar ausschließlich das. Das funktioniert so seit der Erfindung des E-Commerce in den 90er-Jahren. Es sind im Moment die Asiaten und allen voran die chinesischen E-Commerce-Plattformen, die diesen Status quo infrage stellen. Das geht von Live-Streaming, Embedded Influencers, Conversational Shopping bis hin zu Social Shopping-Apps mit Anbindungen zu WeChat & Co.

medianet: Was sind die häufigsten Fehler oder verschlafenen Entwicklungen, die Onlinehändler hierzulande machen?
Von Harsdorf: Die meisten Onlinehändler rennen in die Falle, dass sie sich immer teurer werdenden Traffic bei Google, Facebook & Co. einkaufen und dann versuchen, Kunden wie Pfeile von Landingpages zum Produkt und zum Checkout zu treiben. Jede Ablenkung ist der Feind. Das Problem: Niemand shoppt so. Die allgemein durchschnittliche Conversion Rate im E-Commerce von ca. 3% sagt uns auch, dass 97% der – ­größtenteils mit bezahlter Werbung – in den Shop gelockten Kunden nichts gekauft haben. Da muss man doch erkennen, dass hier irgendwas gehörig falsch läuft.

medianet:
Wer ist die Zielgruppe von Groupify? Und wer die derzeit wichtigsten Kooperationspartner?
Von Harsdorf: Die Zielgruppe von Groupify sind die Kunden unserer Partnershops und dort insbesondere Kunden, die mobil über ihr Smartphone bestellen. Wir docken derzeit ca. 30 neue Online-Shops pro Monat an das Groupify-Ecosystem an.

medianet: Was haben KMU von einer Zusammenarbeit?
Von Harsdorf: Kleine und mittelgroße Online-Händler haben es zunehmend schwer, sich gegen die Schwergewichte wie Amazon durchzusetzen. In den Kategorien Preis, Convenience und Auswahl gibt es nichts zu gewinnen. Die große Chance liegt darin, neue Shopping-Erlebnisse online zu schaffen und sich zusammenzutun. Und es wird sicherlich nicht wundern, dass aus meiner Sicht der größte Hebel beim Schaffen neuer Shopping-Erlebnisse das gemeinsame Shopping ist.

medianet: Welche Unterschiede zwischen dem deutschen und österreichischen Onlinemarkt gibt es Ihrer Meinung nach?
Von Harsdorf: Was ich definitiv feststelle, ist, dass österreichische Unternehmen deutlich mutiger und neuen Themen aufgeschlossener gegenüberstehen. Während die Deutschen vom Naturell her eher pragmatisch und teils zögerlich sind, sind Österreicher inzwischen oft die Ersten auf neuen Pfaden. Die Österreicher agieren visionärer als die Deutschen.

medianet: Haben Sie eine Zukunftsvision? Wie sieht Ihrer Meinung nach die Online-Einkaufslandschaft in fünf oder zehn Jahren aus?
Von Harsdorf: Ich gehe klar davon aus, dass der Trend hin zum mobilen Shoppen anhält und das Shopping über einen Desktop-Rechner zur Randerscheinung wird. Aktuell sind die meisten mobilen Shopping Interfaces aber einfach noch nicht intuitiv genug, weshalb die Conversion Rate darunter leidet.

medianet:
Was wird sich denn Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren ändern?
Von Harsdorf: Ich glaube, dass der Mobile Screen in Kombination mit Voice das nächste Level einleitet. Wenn ich dem Smartphone bequem sagen kann, was ich suche, dann die Produkte sehen und ggf. sogar per Augmented Reality erlebbar mache, dann wäre das perfekt. Ergänze noch, dass ich mich dabei via Live-Stream mit meinen Freunden berate, und fertig ist meine Vision.

medianet: Gibt es ein Rezept oder einen Tipp, den Sie Unternehmen und Betreibern von Onlineshops mitgeben können, damit Sie in Zukunft bestehen können?
Von Harsdorf: Mein Tipp: Mutig sein und sich ständig neu erfinden. Die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien in unser Leben Einzug halten, wird immer schneller. Das ändert auch, wie wir Menschen shoppen und was wir erwarten. Wer da stehen bleibt, verliert.

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