RETAIL
Wo Anthroposophie  auf Agrikultur trifft © M. Schlegl
© M. Schlegl

alexandra binder 07.12.2018

Wo Anthroposophie auf Agrikultur trifft

Huldigen Sie Rudolf Steiner – und leben Sie ein esoterisches Weltbild? medianet hat biodynamische Produzenten befragt.

••• Von Alexandra Binder

Schwachsinn”, sagt Martin Allram, gefolgt von „wenn jemand nicht einmal imstande ist, korrekt zu recherchieren, dann braucht man dem Ganzen eigentlich keine Aufmerksamkeit zu schenken.” Allram, der im Waldviertel erfolgreich alte Getreide- und Gemüsesorten nach Demeter-Kriterien anbaut, bleibt demonstrativ gelassen und muss lachen, als wir ihn fragen, ob er Schafgarbe im Hirschmagen auf seinem Feld ausbringt. So steht es schließlich in der Jurybegründung für den Satirepreis „Das Goldene Brett vor dem Kopf”, die der 1946 gegründete Demeter-Verband gerade für das Lebenswerk erhielt.

Tatsächlich bringe man Pflanzendrogen wie Brennnessel oder Schafgarbe in den Kompost ein; „Impfen” heißt der Fachbegriff. „Das ist eine völlig andere Herangehensweise.” Und ein Hirschmagen hätte damit im Übrigen gar nichts zu tun. Biologisch-dynamische Präparate anzuwenden, das ist in den Demeter-Richtlinien verbindlich vorgeschrieben. Sie sollen das Bodenleben, das Wachstum, die Qualität der Pflanzen und die Tiergesundheit fördern. Es gibt Feld- oder Spritzpräparate wie Hornkiesel und Hornmist, Düngerzusätze wie Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian sowie Schachtelhalm-Abkochung und Aschenpräparate zur Unkraut- und Schädlingskontrolle.
Michael Olbrich-Majer, Autor des Buchs „Über das Geistige in der Möhre” versucht sich in Verständnis: „Dass Landwirte, die sich kreativ-intuitiv in die Naturvorgänge einfühlen, mit biodynamisch komponierten Präparaten quasi ‚Hausmittel' der Hof- und Naturapotheke nutzen, das fällt halt manchen schwer, zu verstehen.” Das stimmt zweifelsohne. Dazu gehören beispielsweise die Wiener Skeptiker (GWUP Wien, Gesellschaft für Kritisches Denken), die den Satirepreis hierzulande seit 2011 jährlich vergeben.

Okkulte Gedankenwelt?

Der Verband richte sich nach den Regeln der „Anthroposophie”, einer okkulten Gedankenwelt, heißt es in deren Begründung für den Preis weiter. Doch was heißt okkult überhaupt? „Wir verstehen heute trivial etwas anderes darunter, als Steiner damals es tat”, sagt Demeter-Winzer Werner Michlits aus dem burgenländischen Pamhagen dazu. „Okkult im Sinne von Steiner heißt nicht etwas Geheimes, Sektenhaftes, sondern etwas im intimsten Geheimnis verstehen.”

Es sei daher alles andere als Geheimnistuerei und Zauberei, sondern ein sehr feines Hinfühlen auf die Naturphänomene und Zusammenhänge von Pflanzen und Tieren, zu den Steinen oder dem Boden, in denen sie wachsen und dem Umfeld, in dem sie stehen. „Jede Pflanze hat ätherische Öle, Heilwirkungen; das wissen wir auch von vielen anderen Naturforschern. Und Gleiches gilt auch für die einzelnen Organe – welche Aufgabe haben sie, für welchen Prozess im Lebensorganismus stehen sie. Vieles ist dann eigentlich sehr selbstverständlich und natürlich.”
Michlits sieht in Demeter eine ganzheitliche Bewirtschaftungsform, einen Impuls, den Bauern aufgegriffen haben, um an der Verlebendigung unserer Erde zu arbeiten: „Ich sehe geschlossene Nährstoffkreisläufe am Bauernhof und die Unabhängigkeit des Bauern, sein Land fruchtbar zu machen.”

Gelebte Kreislaufwirtschaft

Auch für Sandra Schaffer von der Bäckerei Öfferl, die mit Allrams Mehl arbeitet, ist die Kreislaufwirtschaft, die man bei Demeter lebt, ein großes Thema: „Pflanzen, Tiere, Boden und Menschen brauchen einander und wirken zusammen, niemand wird ausgelaugt oder ausgenutzt. Jeder Teil der Wertschöpfungskette verdient und bekommt denselben Respekt: ein faires Nehmen.” Abgesehen davon gehe die aktuell strengste Biozertifizierung damit einher: „Und somit für uns die nachhaltigste und richtigste Form der Landwirtschaft.”

Etabliert ist die Biologisch-Dynamische Landwirtschaft heute auf allen Kontinenten und in den unterschiedlichsten Kulturkreisen, z.B. der arabischen Welt, Indien und China. 4.950 Demeter-Betriebe mit insgesamt 161.074 ha Fläche gibt es, und Einzelprojekte in 43 Ländern mit einem deutlichen Schwerpunkt Mitteleuropa. Demeter- Organisationen aus 17 Ländern arbeiten im Verband Demeter International e.V. zusammen. Das Tierwohl steht für alle weit oben. Rinder tragen Hörner, Hühner leben in kleinen Herden, Bienen wird das Schwärmen ermöglicht. Der Landwirt wird als Forschender verstanden.
Was aber sagt die Wissenschaft? „Es gibt seit Jahrzehnten wissenschaftliche Forschung zum biologisch-dynamischen Arbeiten; wer nur ansatzweise Fachkenntnis hat, weiß das”, konstatiert Olbrich-Majer. Was die von der Jury kritisierten, biodynamischen Präparate betrifft, gäbe es etwa eine Untersuchung aus Vietnam, die 2007 nachwies, dass der Ertrag von zwei Sorten Sojabohnen mit der Anwendung um mehr als 30% signifikant gesteigert wurde – im Vergleich zur Kontrollgruppe, die ohne Präparate arbeitete. Im September 2018 ging auch die erste internationale Tagung zur biodynamischen Forschung mit 100 Beiträgen und 180 Teilnehmern über die Bühne. Eines der dort vorgestellten aktuellsten Forschungsprojekte beschäftigt sich mit dem Tierwohl. Mechthild Knösel vom Hof Rengoldshausen, Anet Spengler Neff vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und Silvia Ivemeyer von der Universität Kassel entwickelten einen Leitfaden für die Trennung der Mutterkuh vom Kalb. Und der wird auch von konventionellen Landwirten nachgefragt.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL