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Krisenalarm: ­Aufträge gesucht © APA/Georg Hochmuth

Bernhard Kuntz erläutert in seinem Kommentar die Auswirkungen des Brexits und der Handelskonflikte von Donald Trump auf die Wirtschaft. Immer mehr Berater geraten unter Stress, da die Aufträge knapper werden.

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Bernhard Kuntz erläutert in seinem Kommentar die Auswirkungen des Brexits und der Handelskonflikte von Donald Trump auf die Wirtschaft. Immer mehr Berater geraten unter Stress, da die Aufträge knapper werden.

Redaktion 11.10.2019

Krisenalarm: ­Aufträge gesucht

Knappe Aufträge, scheue Auftraggeber – Berater im B2B-Bereich geraten zunehmend unter Stress.

Gastkommentar ••• Von Bernhard Kuntz

WIEN/DARMSTADT. Seit einigen Monaten ist es spürbar für Dienstleister, dass viele im B2B-Bereich tätige Berater, Trainer, Coaches und Speaker zunehmend nervös werden. Sie klagen etwa in Telefonaten darüber, dass ihre B2B-Kunden immer zurückhaltender mit der Vergabe von Aufträgen werden – unter anderem wegen des Dauerbrenners Brexit sowie der von Donald Trump angezettelten Handelskonflikte und politischen Konflikte. Größere Projektaufträge würden sie fast nicht mehr vergeben, da selbst die Unternehmensführer oft nicht wüssten, wohin langfristig, wirtschaftlich und gesellschaftlich die Reise geht.

Leere Auftragsbücher

Deshalb erhalten Marketingunterstützer für Berater auch vermehrt Anfragen von Kunden, denen sprichwörtlich der Kittel brennt – weil absehbar ist: In drei, vier Monaten sind ihre Auftragsbücher (fast) leer. Also fällt ihnen plötzlich wieder ein ‚Da gibt es doch so eine Disziplin, die Marketing (und Vertrieb) heißt' – zumal ohnehin der Monat Oktober angebrochen ist, von dem viele Berater noch glauben ‚Da machen die Unternehmen ihre Budgets fürs Folgejahr', weshalb sie in diesem Monat Jahr für Jahr in operative Hektik verfallen.

Krise: Pech oder Chance?

Zweifellos stecken einige Branchen – wie die Automobil- oder Finanzbranche – in Deutschland zurzeit in einer (Dauer-)Krise. Doch ob die deutsche Wirtschaft in einer Krise steckt, offen gesagt, ich weiß es nicht. Eher scheint es mir ein Umstrukturierungsprozess zu sein, der als Krise empfunden wird und den gewisse Beratergruppen – insbesondere solche, deren Leistungen aus Unternehmenssicht „Nice to have” sind – als „Krise” erleben. Dies schlägt sich auch in den Themen nieder, zu denen die Berater von PR-Unterstützern wie uns gern Artikel in den Print- und Online-Medien platziert hätten.

Schrie vor drei, vier Monaten gefühlt noch alle Welt nach Artikeln zu Themenkomplexen wie „Agilität”, „Digitale Transformation” und „New Work”, so poppen nun solche Themen auf wie „Krisenmanagement”, „Turn­around”, „Prozessoptimierung” und „Preise verteidigen”.
Selbst Klassiker wie Business Reengineering sind plötzlich wieder gefragt. Und lautete vor drei, vier Monaten noch der Tenor der meisten Artikel „die Führung…”, „die Kultur…”, „der Mindset muss sich ändern”, so lautet nun der Grundtenor „Die Krise als Chance erkennen und nutzen”. Für PR-Agenturen, denen ihre Stammkunden schon seit mehr als zehn Jahren die Treue halten, ist es recht einfach, kurzfristig solche Artikel zu schreiben und in Zeitschriften zu platzieren. Sie müssen nur in ihren Archiven nachschauen, welche Artikel sie 2008, nach Ausbruch der Finanzkrise, verfasst haben und die passenden Manuskripte etwas aktualisieren. Danach können sie diese erneut zur Veröffentlichung anbieten.

Die Pechvögel der Krise

Die einzige Frage, auf die wir in unseren „Krise-als-Chance-Artikeln” noch immer keine Antwort gefunden haben, ist: Wie vermittelt man denen, die bei den „krisenbedingten” Umstrukturierungsmaßnahmen nicht zu den Survivors zählen, sondern entlassen werden, glaubhaft, dass die Krise für sie eine Chance ist? Doch dafür sind ja auch nicht die B2B-Berater zuständig, darum kümmern sich nach der Entlassung Beruf- und Karriere- sowie Lebensberater – also B2C-Berater.

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