Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
BRÜCHE. Die Medien- und Plattformökonomie tritt in eine neue Phase ein: Nicht mehr nur Inhalte stehen zur Disposition, sondern die Architektur der Aufmerksamkeit selbst – und damit die Geschäftsgrundlage ganzer Branchen. Dass die EU TikTok wegen „addictive design“ ins Visier nimmt, zeigt: Regulierung richtet sich zunehmend auf Produktdesign, nicht nur auf einzelne Rechtswidrigkeiten. Parallel dazu wird von Paris bis Canberra über Altersgrenzen für Jugendliche nachgedacht. Verständlich, weil das Gemeinwohlargument zieht, aber auch bequem, weil es von der eigentlichen Frage ablenkt: Wer kontrolliert die Distributionsmacht – und wer profitiert von ihr?
Die zweite Front betrifft KI. Verlage erleben, dass KI-Systeme ihre Inhalte als Trainingsbasis nutzen und gleichzeitig Traffic und Werbeerlöse kannibalisieren. In Brüssel wird deshalb wieder ernster über Vergütungspflichten und Opt-out-Register diskutiert. Wer hier nur auf Einzelklagen setzt, spielt ein Spiel, das von Kapitalkraft entschieden wird – zugunsten der Plattformen.
Und dann ist da die dritte Achse: der Staat als Machtfaktor. Der britische Vorstoß, Plattformen bei sensiblem Material binnen 48 Stunden in die Pflicht zu nehmen, markiert diese neue Schärfe. Die Botschaft: Wenn ihr die Reichweite habt, habt ihr auch die Verantwortung. Klingt banal, ist aber revolutionär für ein Internet, das sich lange als rechtsfreier Raum begriff.
Was heißt das für Österreichs Verlags- und Medienbranche, in einem kleinen, sprachlich begrenzten Markt mit dünneren Margen? Erstens: geschlossen auftreten – gegenüber Plattformen, Politik und Regulatoren. Zweitens: die eigene Verhandlungsposition über kollektive Rechtewahrnehmung und standardisierte Lizenzmodelle stärken, statt jede Redaktion zur Einzelkämpferin zu machen. Und drittens: Offensiv mitdenken bei Datenschutz und Transparenz. Datenzugang für Forschung, klare Kennzeichnung von KI-Nutzung, und ein Regelwerk, das journalistische Inhalte als öffentliche Infrastruktur betrachtet und beschützt.
